Kasachstan als Bindeglied zwischen West und Ost
Das chemische Element Wolfram ist ein Metall, das den höchsten Schmelzpunkt aller Metalle (3.422°C) aufweist. Mit seiner hohen Dichte von 19,25 g/cm³ ist es fast genauso dicht wie Gold. Wie Gold, Silber oder Kupfer gehört auch Wolfram zur Gruppe der Übergangsmetalle, die sich im Periodensystem der Elemente zwischen den Hauptgruppenmetallen und den Nichtmetallen befinden, woher sie auch ihren Namen haben.
Das Schwermetall Wolfram ist eines der härtesten Metalle: es ist verschleißfest, hat die höchste Zugfestigkeit aller Metalle, ist chemisch sehr stabil und wird nicht von Salz- oder Schwefelsäure angegriffen.
Eine extrem harte Kohlenstoff-Wolfram Verbindung, das Wolframcarbid, findet Anwendung für Spezialwerkzeuge, als Material für panzerbrechende Munition, in Raketenkomponenten und in der sonstigen High-Tech-Industrie, als Glühfaden sowie als Legierungselement in der Stahlindustrie (zur Erhöhung der Härte und der Wärmefestigkeit).
Bedeutung des Critical Raw Material Acts (CRMA)
Der CRMA ist ein EU-Gesetz, das erlassen wurde, um die Versorgung mit kritischen Rohstoffen für grüne und digitale Technologien langfristig zu sichern, um die Abhängigkeit der EU von Drittländern zu verringern, indem es innerhalb der Europäischen Union die Kapazitäten für den Rohstoffabbau, die Rohstoffverarbeitung und das Rohstoffrecycling ausbaut.
Gemäß einer Definition der EU zählt eine Gruppe von 17 chemischen Elementen zu den „seltenen“ Erden und Metallen, die aufgrund ihrer Eigenschaften für einige moderne Technologien als unverzichtbare oder „kritische“ Rohstoffe eingestuft werden. Die EU stuft Wolfram laut dem CRMA ausdrücklich als strategisch relevant für die Luft- und Raumfahrt sowie für die Verteidigungsindustrie ein.
Seltene Erden sind nicht selten. Sie kommen in der Erdkruste teilweise häufiger vor als Kupfer oder Blei. „Selten“ sind sie nur insofern, als dass sie selten in hohen, wirtschaftlich abbaubaren Konzentrationen zu finden sind.
10 Prozent des Bedarfs an Produkten, die seltene Erden enthalten, sollen durch den Abbau der entsprechenden Rohstoffe in der EU gesichert werden und weitere 40 Prozent dieses Bedarfs durch die Verarbeitung von in die EU importierten Rohstoffen (Eigenversorgung). Zusätzliche 25 Prozent des Bedarfs an strategischen Rohstoffen sollen aus dem inländischen Recycling kommen.
Wolfram kann hervorragend recycelt werden und ist nahezu unbegrenzt wiederverwertbar. Es gehört zu den wertvollsten Recyclingmaterialien. Recyceltes Wolfram besitzt dieselben Eigenschaften wie primäres Material. Nur das Wolfram in Raketen ist nicht recycelbar, da mit jeder Rakete, die explodiert, das darin enthaltene Wolfram irreversibel verloren geht.
Laut EU dürfen maximal 65 Prozent eines strategisch wichtigen Rohstoffs aus einem einzigen Drittland importiert werden. Zudem wird die Förderung von Rohstoffprojekten in der EU durch beschleunigte Genehmigungsverfahren unterstützt. Der CRMA ist Teil der EU-Strategie zur Stärkung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen und zur Erhöhung der Resilienz der Rohstofflieferketten dieser Unternehmen.
Warum Europa verwundbar ist
Binnen eines Jahres hat sich der Preis für Ammoniumparatungstat (APT), was ein Zwischenrohstoff bei der Herstellung von Wolframprodukten ist und das als Referenzprodukt für den globalen Wolframhandel dient, mehr als versechsfacht. Dazu haben auch der Iran- und der Nahost-Konflikt beigetragen.
Der Hauptgrund für diese Preisentwicklung liegt jedoch in China. In 2025 lieferte China ca. 79 Prozent der globalen APT-Produktion. Nachdem im Februar 2025 neuen Exportkontrollen eingeführt wurden, ist das chinesische APT-Exportvolumen um mehr als 40 Prozent gefallen. APT-Exporteure benötigen seither spezielle staatliche Genehmigungen, bevor sie ihre APT-haltigen Waren aus China ausführen. Außerdem haben eine sinkende Erzqualität und strenger limitierte Förderquoten die Produktion der chinesischen Wolframminen zusätzlich gedrückt.
Den niedrigeren Exporten aus China steht eine steigende Nachfrage sowohl für militärische Zwecke als auch für nichtmilitärische, zivile Industrieanwendungen gegenüber. Für Deutschland ist das besonders brisant, weil Wolfram in genau jenen Branchen gebraucht wird, die das industrielle Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden: im Maschinenbau, in der Metallverarbeitung und in der Fahrzeugfertigung.
Aus dem Nischenmetall Wolfram ist ein strategischer Engpassrohstoff geworden. Diese Entwicklung zeigt erneut auf, wie verwundbar Deutschland und Europa bei einigen „kritischen“ Rohstoffen sind – in der zivilen Industrie genauso wie im Rüstungssektor.
Rohstoffreichtum in Kasachstan
In der Rangliste der wolframreichen Länder ist Kasachstan – nach China – an zweiter Stelle. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Bergbauaktivitäten über einen längeren Zeitraum stillgelegt. Ende 2024, mit der Entdeckung des Bogutinsky-Feldes, welches sich an den Südhängen des Ulken-Boguty-Gebirgszugs in der Region Almaty befindet, wurde die Branche mittels ausländischer Investitionen wiederbelebt.
Nach Angaben des Ausschusses für Geologie des Ministeriums für Industrie und Wissenschaften liegen die Reserven von Wolframtrioxid bei 2,4 Millionen Tonnen.
Die Rohstoffbasis des Landes besteht vorwiegend aus großen Stockwerk-Lagerstätten. Dabei handelt es sich um spezielle Erzlagerstätten, bei denen die nutzbaren Minerale nicht in einem einzigen, dicken Strang konzentriert sind, sondern in einem dichten Netz von feinen, sich kreuzenden Äderchen und Klüften im Wirtsgestein verteilt auftreten.
Die Erze zeichnen sich durch einen geringen Gehalt an wertvollen Komponenten aus – darunter durchschnittlich 0,1 Prozent Wolframtrioxid. Die Lagerstätten in Kasachstan bestehen überwiegend aus Komplexerzen, die gleichzeitig mehrere wirtschaftlich nutzbare Metalle enthalten; folglich ermöglicht der Wolframabbau auch die Gewinnung begleitender Metalle – in erster Linie Molybdän – als Nebenprodukte.
Das Vorzeigeprojekt ist das Bogutinsky-Vorkommen. Die Aufbereitungsanlage wurde im November 2024 in Betrieb genommen. In dieser Lagerstätte werden die Reserven auf 120 Mio. Tonnen Erz und 285.000 Tonnen Wolframoxid geschätzt.
Der Hauptinvestor und Miteigentümer ist der chinesische Konzern Jiaxin International Resources Investment Ltd. Dieser hat 300 Mio. US-Dollar investiert. Formal wird das Projekt von der kasachischen Firma Aral Kegen geleitet, die jedoch ebenfalls zur Unternehmensgruppe Jiaxin gehört.
Kasachstan ist bestrebt, die Verarbeitung von Rohstoffen im Lande zu fördern und den Anteil der Produktion mit hoher Wertschöpfung zu erhöhen, um so die eigene Abhängigkeit von Rohstoffexporten zu verringern und die inländischen Kapazitäten des verarbeitenden Sektors auszubauen. Die Behörden halten an diesem Ansatz auch bei Projekten mit ausländischer Beteiligung fest.
Ein Novum – grenzüberschreitender Börsengang
Seit August 2025 werden die Aktien von Jiaxin International Resources Investment Limited sowohl an der Hongkonger Börse (HKEX) als auch an der Astana International Exchange (AIX) gehandelt.
Das Astana International Financial Centre (AIFC) bezeichnete dies als eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres 2025, als den ersten grenzüberschreitenden Börsengang zwischen Kasachstan und China, den ersten auf Yuan lautenden Börsengang in Zentralasien sowie den ersten Börsengang im Segment „One Belt, One Road“ an der AIX.
Im November 2025 wurde auf dem C5+1-Gipfel in Washington die Bildung einer strategischen Allianz zwischen Tau-Ken Samruk und Cove Capital bekannt gegeben. Cove Capital LLC ist ein in Australien und den USA ansässiger Investor und ein Betreiber von mehreren Bergbau- und Rohstoffprojekten.
Cove Capital ist bereits an der Exploration an den Standorten Gremyachinsky und Akbulak beteiligt. Das Joint Venture wird die Erschließung großflächiger Standorte in der Region Karaganda übernehmen. Das Projekt wird auf ca. 1,1 Milliarden US-Dollar veranschlagt, wofür die US-Export-Import Bank ihre Bereitschaft signalisiert hat, bis zu 900 Millionen US-Dollar bereitzustellen.
Die kasachischen Behörden beabsichtigen nunmehr, bei den Investoren das Interesse für den Aufbau eines Verarbeitungsclusters im Inland zu wecken. Neben dem reinen Export von Erzen und Konzentraten soll in der Region Karaganda die Produktion von Ammoniumparatungstat organisiert werden, das ein wichtiges Zwischenprodukt für die Herstellung von Hightech-Produkten ist.
Weitere Lagerstätten, die für eine industrielle Erschließung bereitstehen, sind Aksoran, Bayanskoye (Bayan) und Syrymbet. Sie alle unterscheiden sich hinsichtlich der Eigenheiten der jeweiligen Vorkommen, der dazu passenden Aufbereitungstechnologie und der bereits an ihnen interessierten Investoren.
Somit kann sich Kasachstan mit der Wiederbelebung seiner Wolframindustrie zu einem Garanten für die Versorgung der westlichen und asiatischen Industrien mit kritischen Rohstoffen entwickeln.
Als höchste Priorität gilt nun, dass ausländische Investoren ihren Verpflichtungen hinsichtlich der Entwicklung der Tiefenverarbeitung von Metallen nachkommen. Die Produktion von Gütern mit hoher Wertschöpfung ist unerlässlich, um sicherzustellen, dass die Republik nicht erneut in eine Rohstoff-Export-Abhängigkeit gerät und sich darauf beschränkt, lediglich Erze und Konzentrate an ausländische Abnehmer zu liefern. Einen Beitrag dazu könnten auch Investoren und Lieferanten von Bergbau- und Verarbeitungstechnik aus Deutschland leisten.























