Arbeitsmigration ist ein wichtiger Bereich der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und den zentralasiatischen Staaten. Sowohl Russland als auch die Länder Zentralasiens sind an Arbeitsmigration interessiert. Russland leidet seit dem Zerfall der Sowjetunion unter starken demografischen Problemen. Die Bevölkerungszahl des Landes verkleinert sich stetig und es gibt immer mehr ältere Menschen aufgrund einer niedrigen Geburtenrate. Russland kann durch die Migration aus der zentralasiatischen Region das demografische Problem der alternden Bevölkerung und der mangelnden Arbeitskräfte, vor allem in Sibirien und im Fernosten, lösen. Die finanziellen Rücküberweisungen der Migranten durch offizielle und inoffizielle Kanäle in ihr Heimatland ermöglichen, viele wirtschaftliche und soziale Probleme in zentralasiatischen Staaten wie Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan kurzfristig einzudämmen.

Seit den 2000er Jahren leistete Russland einen großen Beitrag zur Sicherheit und Stabilität in Zentralasien durch die Betätigung der Arbeitskräfte der Region und die Rücküberweisungen der Arbeitsmigranten in eigene Länder. Wie Wirtschaftswissenschaftlerin Anna Matwejewa bereits 2007 richtig formulierte, dient Russland als Markt für den wichtigsten Export Zentralasiens – Arbeitskraft.
Knapp vier Mio. zentralasiatische Migranten arbeiten zurzeit in Russland, was 10-14% der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung der Region ausmacht (Abb. 1). Nach inoffiziellen Daten sind es aufgrund illegaler Migration noch etwa drei Millionen mehr (Deutsche Wirtschaftsnachrichten 2016). Die meisten Migranten kommen aus armen, ländlichen Bergregionen Usbekistans, Tadschikistans und Kirgisistans, wo die Bevölkerung grundsätzlich unter der Armutsgrenze lebt (Abb. 1). Die Mehrheit der Migranten arbeitet saisonal im Frühling oder im Sommer und kehrt nach dem kurzfristigen Aufenthalt in Russland wieder zurück.

Wirtschaftswissenschaftler Sergej Rjazantsew untersuchte in seinem Bericht den Migrationskorridor zwischen Russland und Zentralasien. Die Migranten aus Zentralasien migrieren demnach sowohl in die großen russischen Städte als auch in die ländlichen Regionen oder in den Osten und Südosten Russlands. Sie arbeiten in den Bereichen Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistung. Beispielsweise in Astrachan und Wolgograd machen 70% der landwirtschaftlichen Arbeiter die Migranten aus Zentralasien aus. Nach Worten des Direktors der Föderalen Migrationsbehörde Russlands, Konstantin Romodanowski, sind 8% des BIP Russlands den Migranten zu danken. Erwähnenswert ist zudem, dass dem Bericht nach zwischen 2001-2011 1,6 Mio. Menschen aus Zentralasien die russische Staatsbürgerschaft angenommen haben.

Kasachstan als zweites Migrationszielland der Region

Zusammentreffen von usbekischen Migrationsfamilienmitgliedern in Russland. | Foto: Autor

2015 wurden durch die Arbeitsmigration insgesamt 7,192 Mio. Dollar in die zentralasiatischen Länder aus Russland überwiesen, was allerdings etwa 45% weniger als im vorigen Jahr ist (Abb. 2). Betrachtet man die Höhe der Geldüberweisungen und die Anzahl der Migranten in Russland, so steht Usbekistan an erster Stelle (Abb. 1). Die Überweisungen der usbekischen Migranten 2013 machten etwa 12% des BIP Usbekistans aus, 2015 waren es nur 4,5% des BIP (3.06 Mrd. Dollar). Für den Rückgang sieht Anna Flack von der Bundeszentrale der politischen Bildung in ihrem Länderbericht zu Russland die Rezession in der russischen Wirtschaft und die neuen Migrationsregeln. Die sind je 46% und 54% weniger als in den vorigen Jahren (Abb. 2). Das bedeutet, dass die Migranten nach Usbekistan zurückkehren. Anfang 2016 waren 1,88 Mio. Usbeken in Russland, aber die Zahl sinkt kontinuierlich. 2015 sank die Anzahl der Migration aus Zentralasien auf insgesamt 14.500 Personen (Deutsche Wirtschaftsnachrichten 2016).

Interessanterweise erhöhte sich die Zahl der Migranten aus Kasachstan, Kirgisistan (aufgrund der Mitgliedschaft in der EAWU) und Tadschikistan (wegen der Saisonarbeit). Tadschikistan und Kirgisistan sind am stärksten von der Arbeitsmigration abhängig. 2015 machten die Geldüberweisungen der Migranten aus Russland fast 30% des tadschikischen BIP und 21% des kirgisischen BIP aus. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass diese Abhängigkeit auch im Vergleich zum vorigen Jahr gesunken ist. Kasachstan und Turkmenistan sind am geringsten von diesen Überweisungen abhängig (0,30% und 0,45% des BIP). Russland ist allerdings nicht das Hauptmigrationsziel für Migranten aus Kasachstan und Turkmenistan, was man an Geldüberweisungen (Abb. 2) und deren Anzahl in Russland (Abb. 1) merken kann.

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Obwohl die Migrationsfrage immer eine aktuelle Frage ist, begann man erst ab 2002 rechtliche Regelungen und Rahmenbedingungen in diesem Bereich zu schaffen. Das Thema wurde mehrmals von Kirgisistan und Tadschikistan in den regionalen Organisationen wie die GUS erhoben. Allerdings brachte es lange Zeit wegen der Politisierung des Themas von anderen Ländern keine Erfolge. Deshalb wurde als Lösung ein bilaterales Abkommen zwischen Russland und einzelnen zentralasiatischen Staaten zur Migrantenquote geschlossen. Ein neues Gesetz trat 2007 in Kraft, das die Zahl der Migranten auf zwei Mio. beschränken sollte. Seit 2015 gibt es diese Regelung nicht mehr. Stattdessen müssen die Migranten ein Arbeitspatent zur Verfügung stellen, das die Arbeitstätigkeit in Russland erlaubt. Außerdem existiert seit 2015 das Gesetz für qualifizierte Arbeitskräfte, wodurch Russland diese auch anlocken möchte. Im Rahmen der regionalen Organisation der eurasischen Wirtschaftsunion, die seit 2015 funktioniert, darf sich die Bevölkerung der Mitgliedstaaten innerhalb der Union frei bewegen und den bürokratischen Prozess der Arbeitssuche erleichtern. Bis jetzt sind Kasachstan und Kirgisistan Mitglieder in dieser Organisation und die Mitgliedschaft Tadschikistans wird verhandelt. Usbekistan hat vor einigen Monaten angefangen, einen Vertrag über Migrationsregelung mit Russland zu verhandeln.

Russland kann die Migrationsfrage als Einflussmittel in den zentralasiatischen Staaten nutzen, um seine politischen Ziele zu erreichen. Zum Beispiel nahm 2011 die tadschikische Regierung zwei russische Piloten aufgrund illegalen Transits und Aufenthaltes in ihrem Territorium fest. Russland deportierte 300 tadschikische Migranten aus Russland als Gegenmaßnahme. Als Ergebnis konnte Russland die Freilassung der Piloten erreichen.

Oybek Khamdamov

Quelle: Basic Statistics 2016, Federal Migration Service, April 2016.; Die Zentralbank der Russischen Föderation, 2016.
Quelle: Basic Statistics 2016, Federal Migration Service, April 2016.; Die Zentralbank der Russischen Föderation, 2016.

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