Michael Jaumann hat in den vergangenen fünf Jahren das Informationszentrum (IC) des DAAD in Kasachstan geleitet und als Lektor an der Kasachischen Nationalen Pädagogischen Universität in Almaty gearbeitet. Im Interview mit der DAZ zieht er ein Fazit seiner Zeit in Kasachstan.

Was war Ihre Aufgabe hier, Herr Jaumann?

Ein IC widmet sich Informations– und Beratungsarbeit. Zu uns kann jeder kommen, der an einem Studium oder akademischer Forschung in Deutschland interessiert ist. Für viele ist es überraschend, wie viele mögliche Studiengänge und Spezialisierungen es in einem Bereich gibt, und dass das Studium In Deutschland bis auf wenige Ausnahmen kostenlos ist.

Ein anderer Teil ist die Programmarbeit, das heißt, wir betreuen die Stipendienprogramme des DAAD in Kasachstan. Bei bestimmten Programmen, wie dem Studienstipendium für Graduierte, organisieren wir Auswahlgespräche, die hier vor Ort in Almaty stattfinden. Das Studienstipendium finanziert ein Masterstudium in Deutschland und ist hochkompetitiv. Auf über 200 Bewerber kommen zehn bis zwölf zu vergebenden Stipendien. Wir legen beim Auswahlprozess vor allem Wert auf die fachlich-akademische Leistung, die man bisher erbracht hat, und die persönliche Eignung, wie Sprachkenntnisse und das Auftreten. Dessen sollten sich die Bewerber auch bewusst sein: Nur seine Liebe zu Deutschland zu bekunden reicht nicht aus. Hierbei möchte ich auch die Unabhängigkeit der Auswahlkommission besonders hervorheben, die aus deutschen und kasachischen Professoren besteht. Dennoch motiviere ich alle, sich zu bewerben. Selbst diejenigen, die kein Stipendium erhalten, profitieren von der Erfahrung eines solchen Auswahlprozesses.

Ein sehr schöner Teil meiner Arbeit war es zu sehen, wenn junge Leute, die zum Beispiel ein Stipendium für einen Sprachkurs erhalten haben, mit leuchtenden Augen aus Deutschland zurückkehren. Das ist auf jeden Fall ein sehr effektives Mittel der auswärtigen Kulturpolitik Deutschlands.

Wie hat sich der DAAD während ihrer Zeit in Kasachstan entwickelt?

Bei einem DAZ-Interview. 2012. | Foto: Malina Weindl

Ganz gut, finde ich. Wir sind präsent in der Bildungslandschaft, man kennt uns. Das sehen wir vor allem an den gleichbleibend hohen Bewerberzahlen für unsere Stipendienprogramme. Ich bedauere nur, dass der DAAD hier nicht mehr Personal hat und es nicht gelungen ist, eine Vergrößerung des Teams zu erreichen. Es gibt nur vier DAAD-Lektorate in ganz Kasachstan, und zu mehr wird es auch nicht kommen. Darum ist es umso bemerkenswerter, welche Erfolge wir mit einem sehr kleinen Team
erzielt haben.

Wollten Sie nach Kasachstan?

Wenn ich ganz ehrlich bin: nicht direkt. Ich wollte eine Stelle als IC-Leiter haben und mich verstärkt mit der Kooperations– und Netzwerkstätigkeit befassen. Bevor ich herkam, war ich Lektor an der Universität Lettlands in Riga. Es gibt mittlerweile 55 Informationszentren weltweit, aber ich wollte in der Region Osteuropa/GUS bleiben. Bei der Bewerbung kann man drei Optionen angeben: Meine erste Wahl war Riga, die zweite Tiflis und die dritte Almaty. Es war eine Überraschung für mich, dass ich hierhergekommen bin. Im Nachhinein bin ich aber sehr glücklich mit dieser Entscheidung.

Warum?

Es war sehr spannend, die ganze Entwicklungsdynamik in den vergangenen fünf Jahren zu beobachten. Grundsätzlich positiv ist, dass das sehr große Entwicklungspotenzial des Landes genutzt wird. Das merkt man zum Beispiel im Alltag: Ich habe eigentlich nichts vermisst. Man kann hier sehr gut leben. Die Infrastruktur ist in Ordnung, wir haben eine sichere Heizungs– und Stromversorgung.

Im Hochschulbereich ist Kasachstan sehr offen für Internationalisierung. Es heißt sogar von offizieller Seite: ‚Wir wollen von den besten Hochschulen der Welt lernen, wir suchen die Zusammenarbeit.‘ Das ist in Zentralasien längst nicht in jedem Land gegeben. Außerdem ist Kasachstan das wohlhabendste Land in der Region, was Dinge wie Regierungsstipendien ermöglicht, die in anderen Staaten aus finanziellen Gründen wegfallen.

Ich mache mir viele Gedanken über das Hochschulwesen in Kasachstan. Es gibt großen Entwicklungswillen und großes Entwicklungspotenzial, aber die Art und Weise, wie Dinge umgesetzt werden, gehen oft nicht in die richtige Richtung.

Leider ist in der Politik und bei den Hochschulen die Fehlvorstellung entstanden, dass man Internationalisierung und Kooperation von oben anordnen kann. Das funktioniert mit deutschen Hochschulen aber nicht. Die Erfahrung zeigt, dass in den westlichen Ländern Kooperationen eher auf fachlicher Ebene aufbauen und von einem gemeinsamen Forschungsinteresse getragen werden. Das ist etwas, das kasachische Hochschulen nicht begreifen und wo man sagen muss, dass die fachlichen Kompetenzen einfach nicht da sind, um einer deutschen Hochschule auf Augenhöhe zu begegnen. Zwar gibt eine ganze Reihe von fähigen Leuten an kasachischen Hochschulen, aber insgesamt sind es zu wenige.

Ganz fatal ist außerdem die Fixierung auf Rankings. Natürlich spielen Hochschulrankings weltweit eine Rolle, aber in der kasachischen Bildungspolitik setzt man anscheinend nur auf ein paar wenige Rankings, wie das sogenannte Shanghai-Ranking und das Times Higher Education Ranking. Sie vermitteln den Eindruck, dass man Hochschulen insgesamt vergleichen und in eine weltweit gültige Rangfolge bringen könnte. Dabei lassen diese Rankings die unterschiedlichen Hochschulsysteme in den Ländern völlig außer Acht. Es gibt nicht so etwas wie weltbeste Universitäten. Selbst an der besten Hochschule kann es Fachbereiche geben, die nicht so gut aufgestellt sind. Für die kasachisch-deutschen Hochschulbeziehungen bedeutet es, dass man den Eindruck hat, man müsste unbedingt mit der TU München oder der RWTH Aachen zusammenarbeiten, die in den internationalen Rankings die deutschen Hochschulen anführen. Die Kasachen sind daher sehr interessiert an diesen beiden Hochschulen, die allerdings gar kein Interesse an Kasachstan haben. Vor allem nicht nach kasachischen Vorstellungen einer Kooperation. Wenn irgendein fähiger Physiker aus Kasachstan es schaffen würde, ein gemeinsames Forschungsprojekt auf die Beine zu stellen, dann würde es anders aussehen. Das war für mich ein Kampf gegen Windmühlen.

Andere Probleme sind die Noteninflation und fehlende Transparenz; der Lehrkörper ist überaltert, und der Nachwuchs fehlt. Es gibt im Bildungsministerium eine Art Kritikbewusstsein dafür, und man versucht entgegenzusteuern, aber es ist schwierig, das in den Institutionen zu verändern. Es gibt ja auch nach wie vor keine Hochschulautonomie in Kasachstan. Die einzige Hochschule, die sowas Ähnliches wie Autonomie genießt, ist die Nasarbajew-Universität in Astana. Sie wurde als Leuchtturmprojekt geschaffen, die all die eben genannten Defizite vermeiden soll. Was ich bisher sagen kann, ist, dass zumindest von dieser Uni immer mehr sehr gute Bewerber für unsere Stipendien kommen. Allerdings ist es auch erst eine sehr junge Uni, und man muss abwarten, wie sie ich entwickelt.

Als Fazit würde ich sagen, es gibt ein Reformbewusstsein, aber von oben. Die Frage bleibt, was am Ende dabei herauskommt.

Hatten Sie einen Kulturschock als Sie nach Kasachstan kamen?

So würde ich das nicht nennen. Sicherlich gab es Irritationen und Fremdartigkeitserscheinungen. Aber vor allem bei der Arbeit hat mir meine frühere Auslandserfahrung geholfen.

Gab es ein besonderes Ereignis?

Mir hat Kasachstan insgesamt sehr gut gefallen. Ich würde das aber nicht an einem Ereignis festmachen wollen. 2013 hatten wir eine Veranstaltung an der KAZNPU, um das 20-jährige Jubiläum des DAAD-Lektorats dort zu feiern. Das war sicherlich ein Highlight meiner Tätigkeit hier. Als Land hat mich Kasachstan sehr fasziniert. Ich habe hier viele Reisen gemacht und habe fast alle Landesteile gesehen. Die Natur, die Weite, die Gebirge und Steppen sind großartig. Mein Herz habe ich aber an Almaty verloren. Ich werde die Stadt vermissen, wenn ich zurück nach Deutschland gehe. Ich finde, es ist eine sehr lebens– und liebenswerte Stadt. Ich liebe die Parkanlagen, den Kök-Töbe, die Ausflüge in die Berge, überhaupt die Szenerie mit den Bergen. Ich liebe das Schaschlik, die Stimmung auf den Straßen, das ethnische Gemisch, das Zusammenleben.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Othmara Glas

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