Eine lebendige Brücke zwischen Deutschland und Kasachstan: So werden die Kasachstandeutschen oft bezeichnet. Dabei geht es nicht nur um die hier lebenden Deutschstämmigen, derer es noch etwa 180.000 sind, sondern auch um die etwa 800.000 (Spät-)Aussiedler aus Kasachstan. Dass die erste Gruppe ihre Identität, Sprache und Zukunft sichern kann, ist ein zentrales Thema für die deutsche Bundesregierung. Deshalb kommt jährlich die Deutsch-Kasachische Regierungskommission zusammen.

Am 20. Mai 2019 fand die nun schon 17. Sitzung des Gremiums in der kasachischen Hauptstadt Nur-Sultan (vormals Astana) statt. Unter Vorsitz des Bundesbeauftragten für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Bernd Fabritius, und des stellvertretenden Außenministers Kasachstans, Roman Vassilenko, wurden die Fragen der deutschen Minderheit in Kasachstan erörtert. Deutschland unterstützt die Arbeit der Gesellschaftlichen Stiftung der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“ jährlich mit etwa 2,4 Millionen Euro.

Es ist geschafft: Fabritius und Vassilenko haben das Kommuniqué unterzeichnet. | Foto: Othmara Glas

Vassilenko betonte zu Beginn der Sitzung die Bedeutung Deutschlands für Kasachstan. Deutschland sei ein entscheidender Treiber für die Entwicklung der Zentralasienstrategie der Europäischen Union gewesen. Eine überarbeitete Version wurde erst in der vergangenen Woche von der Europäischen Kommission angenommen. Außerdem sei Deutschland der größte Wirtschaftspartner für Kasachstan in der EU, so der Vize-Außenminister. Er wies auf die Chancen hin, die der kasachische Markt für deutsche Unternehmen biete. Er erinnerte daran, dass es 2009 ein Kasachstanjahr in Deutschland gegeben habe und 2010 das „Jahr Deutschlands“ in Kasachstan gewesen sei. Vassilenko warf die Frage in den Raum, ob man dies angesichts des zehnjährigen Jubiläums nicht wiederholen möchte. In Bezug auf die Kasachstandeutschen sagte er: „Sie vereinen kulturelle Elemente aus Kasachstan, Russland und Deutschland.“ Für viele Ausgewanderte sei Kasachstan auch weiterhin eine zweite Heimat. Deshalb sei es wünschenswert, wenn die deutsche Seite Visaerleichterungen für kasachische Staatsbürger voranbringen würde, so wie Kasachstan Deutschen bereits seit 2017 eine 30-tägige visafreie Einreise ermöglicht.

Fabritius lobte die gelungene Umstrukturierung der Gesellschaft der Kasachstandeutschen „Wiedergeburt“. Sowohl die kasachische als auch die deutsche Seite erklärten sich bereit, die Organisation bei der Suche nach einem Standort für ein künftiges Kasachisch-Deutsches Haus in Nur-Sultan zu unterstützen. Nach Willen des Vorsitzenden Albert Rau soll künftig die komplette Arbeit der „Wiedergeburt“ von dort aus gesteuert werden, während das Deutsche Haus in Almaty als Filiale der Gesellschaft im Süden, als kulturhistorisches Zentrum und als Redaktionssitz der DAZ erhalten bleibt. Des Weiteren kündigte Fabritius  an, dass der Mittler der deutschen Minderheit ab 2020 nicht mehr die GIZ, sondern Baden-Württemberg International sein wird.

Obligatorisches Gruppenfoto: die deutsche und die kasachische Delegation im Außenministerium. | Foto: Othmara Glas

„Wiedergeburt“-Geschäftsführer Dmitri Redler informierte die Anwesenden darüber, dass die Stiftung 2018 etwa 675 Projekte in 14 Regionen Kasachstans durchgeführt habe. Dabei werde besonderer Wert auf die Spracharbeit gelegt. So habe es mehr Sprachzirkel gegeben, und an der Universität Kökschetau werden 25 Studenten aus der Minderheit, die im Fach Deutsch eingeschrieben sind, mit Stipendien unterstützt. Hinzu kommen vier Stipendien an der Ablai-Khan-Universität in Almaty. Redler betonte, dass auch 2019 die Spracharbeit ein Schwerpunkt der Tätigkeit der „Wiedergeburt“ sei.

Der deutsche Botschafter Tilo Klinner verwies auf die Bedeutung der Jugendarbeit, vor allem, da in Kasachstan gerade das „Jahr der Jugend“ sei. Die Vorsitzende des „Verbandes der Deutschen Jugend Kasachstan“ (VDJK), Maria Borissewitsch, erklärte, dass die Jugend Gegenwart und Zukunft zugleich sei. 2018 habe der Verband 115 Projekte durchgeführt, davon jeweils sieben auf nationaler und internationaler Ebene. Insgesamt gebe es elf Jugendclubs in Kasachstan mit 476 Mitgliedern, davon 365 Deutsche. Zur Visafrage erläuterte der Botschafter, dass sich Deutschland an die Regeln des Schengen-Raumes halten müsse. Im vergangenen Jahr sei aber immerhin erreicht worden, dass Kasachstandeutsche, die regelmäßig nach Deutschland reisen, leichter ein Dreijahresvisum erhalten.

Am Rande der Regierungskommissionssitzung wurde auch die weitere  Kooperation zwischen beiden Ländern bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit erörtert. Klinner erwähnte die Möglichkeit für junge Kasachstandeutsche über den „Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft“ Praktika bei deutschen Unternehmen zu absolvieren. Ein Fokus liege zudem auf der Landwirtschaft. Er kündigte an, dass in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) 2020 erneut eine Agrarkonferenz stattfinden solle. Des Weiteren bot KAS-Leiter Thomas Helm an, ein Digitalisierungstraining für deutsche Minderheit abzuhalten und diese vermehrt in die dualen Ausbildungsprogramme einzubeziehen.

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