Passend zum 7. Mai, dem Tag der Verteidiger des Vaterlandes in Kasachstan, rückt eine wenig bekannte Seite des Irakkriegs in den Blick: Zwischen 2003 und 2007 war auch Kasachstan mit einer Friedensmission vor Ort. Für Soldaten wie Berik Musrepow bedeutete das keinen klassischen Kampfeinsatz, sondern einen Alltag zwischen Unsicherheit, Verantwortung und ständiger Gefahr. Seine Erinnerungen zeigen eine leise, oft übersehene Perspektive auf diesen Einsatz und führen zu einer einfachen, aber bleibenden Erkenntnis: Krieg ist schlecht.

Wenn heute über den Irakkrieg gesprochen wird, stehen meist große militärische Operationen im Vordergrund: die Operation „Desert Storm“ von 1991 und die Invasion einer Koalition unter der Führung der USA, an welcher unter anderem das Vereinigte Königreich beteiligt war, im Jahr 2003. Die erste Operation war eine Reaktion auf die Besetzung Kuwaits und wurde zum Symbol einer neuen, hoch technologisierten Kriegsführung. Die zweite aber veränderte die politische Ordnung der gesamten Region und führte zu einer langfristigen Instabilität im Nahen und Mittleren Osten.

In diesem historischen Rahmen wirkt die Beteiligung Kasachstans auf den ersten Blick unscheinbar. Und doch sind es gerade diese weniger sichtbaren Missionen, die das internationale Ansehen eines Landes mitprägen.

Von 2003 bis 2007 war Kasachstan mit dem Friedensbataillon „Kazbat“ im Irak vertreten. Dessen Aufgabe war nicht ein Kampfeinsatz, sondern eine gefährliche und zugleich oft unterschätzte Arbeit: das Minenräumen, das Aufspüren und Vernichten nicht explodierter Munition sowie die ingenieurtechnische Sicherung von Gebieten. Es war der erste größere Auslandseinsatz des unabhängigen Kasachstans und ein wichtiger Schritt in Richtung der internationaler Zusammenarbeit bei Fragen der militärischen Sicherheit.

Einer der Beteiligten war Berik Musrepow. Er war sowohl ein Teilnehmer des zuerst entsandten Kontingents, das bis zur Rotation am Ende des Jahres 2003 im Irak war, als auch ein Teilnehmer am Abzugskontingent von 2007. Dadurch erlebte er die Mission über ihren gesamten Verlauf – vom chaotischen Beginn bis zur relativen Stabilisierung am Ende.

Die innere Spaltung

„Wir nannten es eine Friedensmission. Aber wir wussten sehr genau, dass wir uns in einer Kampfzone befanden“, sagt Berik zurückblickend. In diesem Satz liegt schon die ganze innere Spannung dieser Jahre: der Versuch, Ordnung und Sicherheit zu schaffen, während man selbst täglich Unsicherheit und Gefahr ausgesetzt ist.

Die Kazbat war eine spezialisierte Einheit der kasachischen Streitkräfte, speziell vorbereitet für internationale Einsätze. Ihre Aufgaben waren klar definiert: explosive Gegenstände finden und entschärfen, die Munition vernichten, das Gelände technisch untersuchen und die Infrastruktur sichern. Im Verlauf der Mission wurden Tausende Munitionsstücke zerstört und Hunderttausende explosive Gegenstände entschärft. Hinter diesen Zahlen steht jedoch eine Realität, die sich kaum in Statistiken fassen lässt: zerstörte Landschaften, unsichtbare Gefahren unter dem Sand und die ständige Konzentration, die keine Fehler erlaubte.

Das erste Kontingent traf 2003 auf ein Land in einem Zustand zwischen Krieg und Zusammenbruch. „Die weite Wüste, die unerträgliche Hitze und Armut. Aber am stärksten waren die Menschen und die Zerstörung“, erinnert sich Berik. Besonders hängen geblieben sei ihm nicht nur das äußere Bild, sondern das Gefühl der Schwere in der Luft – die Unsicherheit, die überall spürbar war. „Als wir den ersten Auftrag bekamen und vor Ort waren, wurde klar, dass es ernst wird“, sagt er. Es war dieser Moment, in dem aus der Vorstellung einer Mission plötzlich Realität wurde.

Auch wenn es keine klassische Front war, blieb die Gefahr allgegenwärtig. „Es gab einen Fall, als wir in einer Kolonne unterwegs waren und beschossen wurden. Wir waren mit US-Marines unterwegs und sie gaben uns Deckung“, erinnert sich Berik. Solche Situationen kamen nicht ständig vor, aber sie reichten aus, um das Gefühl von Sicherheit dauerhaft zu relativieren. Man lernte, mit dieser Unsicherheit zu leben, ohne sich von ihr lähmen zu lassen.

Keine Zeit für Angst

Die Arbeit verlangte absolute Disziplin. Jeder Handgriff musste sitzen, jede Entscheidung war potenziell entscheidend. „Wir arbeiteten sehr präzise. Es gab keine Verstöße und keine Ausrutscher. Deshalb ging alles ohne schwere Folgen aus“, sagt er. Hinter dieser Sachlichkeit steckt aber auch eine andere Seite: die dauernde innere Anspannung, die nie ganz verschwand. Auf die Frage nach Angst antwortet Berik schlicht: „Für Angst war keine Zeit.“ Und doch schwingt darin eher ein anderes Gefühl mit – nicht die Abwesenheit von Angst, sondern ein Zustand, in dem sie keinen Raum bekommen durfte.

Neben der technischen und militärischen Aufgabe gab es auch Momente, die die menschliche Seite dieser Mission sichtbar machten. „Wenn die Einheimischen erfuhren, dass wir aus Kasachstan sind, war die Reaktion sehr freundlich“, erinnert sich Berik. Diese Begegnungen waren wichtig, weil sie die Soldaten aus der reinen Rolle der Einsatzkräfte herauslösten. „Wir fuhren zu Kontrollpunkten und halfen den Menschen. Ein Chirurg war Mitglied unserer Einsatzgruppe und so konnten wir auch medizinische Hilfe leisten, was besonders für die Kinder wichtig war.“ Gerade diese Momente hinterließen oft den stärksten Eindruck: nicht die Gefahr, sondern die Dankbarkeit, die man manchmal in den Gesichtern der Menschen sah.

Mit den Jahren veränderte sich die Atmosphäre. Die ständige Spannung wich langsam einer gewissen Routine, ohne jemals ganz zu verschwinden. „Die Situation wurde ruhiger. Die Menschen hatten sich daran gewöhnt“, sagt Berik über die spätere Phase. 2007 war schließlich klar, dass die Mission enden würde. „Wir wussten, dass es die letzte Dienstreise ist. Wir haben einfach verstanden, dass die Arbeit zu Ende geht. Es war kein dramatischer Abschied, eher ein stilles Bewusstsein, dass ein Abschnitt des Lebens abgeschlossen ist.“

Rückblickend bleibt kein großes Pathos, sondern eine klare, einfache Erkenntnis. „Ich habe nur eines verstanden: Krieg ist schlecht“, sagt Berik. Dieser Satz wirkt im Vergleich zu den Jahren davor fast nüchtern, und doch trägt er alles in sich, was diese Erfahrung hinterlassen hat.

Gleichzeitig bleibt auch etwas anderes: ein gewisser Stolz, aber es ist kein lauter. Es ist eher ein ruhiges Gefühl, seinen Teil geleistet zu haben. „Natürlich gibt es ein Gefühl von Stolz. Ich weiß, dass ich meinen Beitrag zur Hilfe und zur Stabilisierung geleistet habe“, sagt er.

Diese Geschichte ist nicht nur Teil einer militärischen Chronik, sondern auch eine persönliche Erinnerung. Für mich ist sie zudem eine Familiengeschichte. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum solche Einsätze wichtig bleiben: weil hinter politischen Entscheidungen, militärischen Strukturen und offiziellen Zahlen stets Menschen stehen, die diese Zeit wirklich erlebt haben – mit Anspannung, Verantwortung, Erschöpfung und auch mit Momenten stiller Menschlichkeit, die man nicht vergisst.

Ruslan Mussirep

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