Bereits zum sechsten Mal lud S.E. Nurlan Onzhanov, der Berliner Botschafter der Republik Kasachstan, zum „Stammtisch unterm Schanyrak“ ein. Diesmal war die Veranstaltung dem Thema der „Saiga-Antilopen – Stolz und Schönheit der kasachischen Steppe“ gewidmet. Eingeladen waren Experten aus der Zoologie, einem Umweltverband, Freunde Kasachstans und Medienvertreter.
In seiner Eröffnungsrede stellte der Botschafter dar, dass die Saiga-Antilope, ebenso wie der Stör, mit zu den ältesten Tierarten der Welt zählt, denn sie existiert bereits seit über 100.000 Jahren. Man vermutet, dass sie sich früher ihren Lebensraum mit Wollmammuts und Säbelzahntigern teilte.
Die Saiga-Antilope hat die großen klimatischen Veränderungen am Ende der letzten Eiszeit überlebt. Ihre markante, rüsselartige Nase ist eine evolutionäre Anpassung, die es dem Tier ermöglichte, in den extremen Klimabedingungen der Eiszeit zu überleben – im Winter wärmt sie die kalte Luft, im Sommer filtert sie den Staub. Die Morphologie der Saiga-Antilope hat sich seit prähistorischen Zeiten kaum verändert.
Jedoch war die Saiga-Antilope bis in die neuere Zeit hinein fast vom Aussterben bedroht. Daher betonte der Botschafter, wie wichtig der Schutz und der Erhalt der Saiga-Antilope in der kasachischen Steppe ist und, damit verbunden, welch große Bedeutung auch dem Klimaschutz insgesamt zukommt. Hier verwies Onzhanov auf den Regional Ecological Summit (RES 2026), eine internationale Konferenz zur Wasser- und Umweltpolitik in Zentralasien, die Ende April 2026 in Astana stattfand.
Die kasachische Steppe – Refugium der globalen Tierwelt
Michael Brombacher von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt von 1858 e.V., stellte in seinem Vortrag einleitend die Dimensionen und Wichtigkeit der kasachischen Steppe dar. Nicht nur für die Saiga-Antilope, sondern auch für Kulane oder die Przewalski-Pferde. Letztere galten in freier Wildbahn lange als ausgestorben. Sie wurden im Juni 2024 aus verschiedenen europäischen Zoos, darunter auch aus dem Prager und dem Berliner Zoo, in das Altyn-Dala-Reservat, in Zentralkasachstan geflogen, um dort wieder angesiedelt zu werden.
Auch für die Vogelwelt spielt die kasachische Steppe eine enorm wichtige Rolle, ganz besonders am Tengiz-See, der für seine Flamingopopulation weltbekannt ist. Es handelt sich um den nördlichsten Brutplatz von Rosaflamingos weltweit. In manchen Jahren brüten dort bis zu 60.000 Flamingos.
Der Tengiz-See und das umliegende Tengiz-Korgalzhyn-Seensystem gilt als Knotenpunkt für den Vogelzug und als Brutgebiet für Wasservögel. Die Region ist ein essentielles Bindeglied auf den Migrationsrouten zwischen Afrika, Europa und Süd-Asien zu den Brutplätzen in Sibirien. Jährlich rasten hier schätzungsweise bis zu 15 Millionen Zugvögel.
Historie der Saiga-Antilope
Weiter stellte Brombacher die Geschichte der Saigas dar. Um 1920 war die Saiga-Antilope durch intensive Jagd fast vollständig ausgerottet. Durch strenge Schutzmaßnahmen in der Sowjetunion erholten sich die Bestände aber wieder und wuchsen auf fast zwei Millionen Tiere an. Jedoch setzte der Mensch den Saigas seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erneut kräftig zu. Durch massenhafte illegale Jagd brachen die Bestände auf nur noch knapp 40.000 Tiere ein. Denn zu jener Zeit gab es kaum noch effektive Kontrollen der Jäger, was zu einer unkontrollierten Wilderei führte.
Die Böcke wurden wegen ihrer Hörner gewildert, die in der traditionellen asiatischen Medizin hoch begehrt sind. Aber auch der Fleischkonsum spielte eine wichtige Rolle und führte zur Reduzierung der Populationen. Zeitweise wurden die Saigas intensiv als Fleischlieferanten genutzt, aber auch von einigen als „Landwirtschaftsschädlinge“ betrachtet und bekämpft.
Ein weiterer Grund der Reduzierung der Population war die Einschränkung des Lebensraums. Durch den Ausbau von Infrastruktur wie Straßen, Eisenbahnlinien und Grenzzäunen wurden die traditionellen Wanderrouten der Tiere zerschnitten. Grenzanlagen zwischen Usbekistan und Kasachstan behinderten die natürlichen Wanderungen der Tiere, was wiederholt zum Massensterben ganzer Herden führte.
Darüber hinaus hat eine bisher nicht eindeutig identifizierbare tödliche Infektionskrankheit in 2015, die Populationen der Saiga-Antilopen in wenigen Wochen um schätzungsweise bis zu 250.000 Exemplaren, dezimiert. Dies waren rund 85-90 % der gesamten damaligen Bestände. Vermutlich wurde diese Krankheit durch Bakterien ausgelöst, welche sich bei bestimmten feucht-warmen Wetterbedingungen in den Tieren rasant ausbreiten.
Bestandserholung
Die Population der Saiga-Antilope hat aber seit 2015 erneut eine atemberaubende Erholung durchlaufen, die oft als eines der größten Naturschutz-Comebacks des 21. Jahrhunderts bezeichnet wird.
Die Populationen wuchsen rapide. Von ca. 334.000 Tieren im Jahr 2019 stieg die Zahl in Kasachstan auf über 1,3 Millionen im Jahr 2022. Ende 2023 gab es Schätzungen zufolge über 1,9 Millionen Tiere.
Laut Schätzungen aus dem Frühjahr von 2025 geht man mittlerweile von mehr als 4 Millionen Tieren aus. In 2026 wurde die Saiga-Antilope, aufgrund der Bestandserholung von der Weltnaturschutzunion IUCN (International Union for the Conservation of Nature) aus der Kategorie „vom Aussterben bedroht“ auf den Status „gering gefährdet“ (Near Threatened) umgestuft.
Ralf Lohe von der Bundesarbeitsgruppe Osteuropa, Kaukasus und Zentralasien vom NABU (Naturschutzbund Deutschland e.V.) erläuterte die Gründe für den rasanten Anstieg der Population. Strenge Schutzmaßnahmen seien eingeführt worden. Die kasachische Regierung hat in Zusammenarbeit mit internationalen Naturschutzorganisationen, wie dem NABU, die Wilderei drastisch bekämpft. Des Weiteren haben die Saigas eine hohe Reproduktionsrate. Die Saiga-Weibchen bekommen oft Zwillinge, was eine schnelle Erholung ermöglicht. Zudem hat die Ausweisung neuer Schutzgebiete den Lebensraum der Saiga-Antilopen gesichert.
Neue Herausforderungen
Der Einfluss der Saiga-Antilope auf die Landwirtschaft ist komplex und hat sich durch die drastische Erholung der Bestände in Kasachstan von einem Naturschutzthema zu einer ökonomischen Herausforderung entwickelt.
Aufgrund der massiven Vermehrung und der Rückkehr der Herden in landwirtschaftlich genutzte Gebiete kommt es zu Konflikten. Die wilden Tiere konkurrieren mit Nutztieren um Weideland.
Die Saigas teilen sich ihren Lebensraum in den Steppen und Halbwüsten Zentralasiens mit Viehherden (mit Schafen, Ziegen, Rindern und Pferden) nomadischer oder sesshafter Hirten. Bei hohen Bestandszahlen konkurrieren sie um Nahrung und Wasserstellen. Dadurch entstehen auch Schäden an Kulturpflanzen. Saiga-Herden können in landwirtschaftliche Anbaugebiete eindringen und dort Ernten, insbesondere Getreide, fressen oder zertrampeln.
Die wachsende Zahl der Tiere führt zu zunehmenden Spannungen zwischen Naturschützern und lokalen Landwirten, die ihre Existenzgrundlage durch die Antilopen bedroht sehen.
Lösungsansätze und Koexistenz
Um diese Konflikte zu entschärfen, werden Maßnahmen wie die Einrichtung von Schutzgebieten, das Einzäunen von Wasserquellen zum Schutz vor Trittschäden (dieses Projekt wird durch den WWF unterstützt) und die Förderung einer Koexistenz von Wild- und Nutztieren angestrebt. Die Herausforderung besteht darin, den Schutz dieser einzigartigen Art zu gewährleisten und gleichzeitig die landwirtschaftliche Nutzung der Steppenregionen zu ermöglichen.
Aufgrund der stark gewachsenen Populationen und den daraus resultierenden Schäden in der Landwirtschaft forderten Landwirte immer lauter Maßnahmen zur „Bestandsregulierung“. Die kasachische Regierung hat daraufhin in 2022/23 beschlossen, die Saiga-Antilope teilweise zum Abschuss freizugeben. In 2025 lag die Abschussquote bei 20 % der Population, ca. 800.000 Tiere. Gejagt wurden in 2025 jedoch nur 200.000 Tiere. Dabei verfolgte man das Ziel, einen „nachhaltiger Umgang“ mit der neuen Populationsdichte zu finden, um sowohl den Artenschutz als auch die Interessen der Landwirte zu berücksichtigen. Dieser Prozess ist weiterhin sehr dynamisch und erfordert viel Fingerspitzengefühl von allen Seiten.
Die Saiga-Antilope ist heute ein Symbol für die Wildnis der zentralasiatischen Steppe, aber sie ist auch ein Beispiel für die Zerbrechlichkeit der Biodiversität.
Nach der sich den Vorträgen anschließenden Diskussion lud S.E. Nurlan Onzhanov seine Gäste zu einem Empfang mit kasachischen Plov ein.























