Sie ist gleichzeitig Tochter, Schwester, Mutter, Arbeiterin, Leiterin, Abgeordnete und Präsidentin in Zentralasien – die Frau. Wie feiert die Frau in Usbekistan den Internationalen Feiertag der Frauen?

„Ich lernte meinen Ehemann erst nach der Hochzeit kennen, weil alle – meine Verwandten, Brüder und mein Vater – die Hochzeit veranstalteten, ohne mich zu fragen. Damals nahm das Vaterrecht bei Entscheidungen einen ausgesprochen hohen Stellenwert ein, meine Mutter konnte nicht dem Familienoberhaupt widersprechen. Meine Schwestern wurden auch wie ich gegen ihren Willen verlobt. Deshalb konnte ich mir nur die Haare raufen und musste mich trotzdem in der neuen Familie zurechtfinden,“ erzählt Lola über ihre ersten Hochzeitstage.

Trostpflaster Frauenquote unter religiösem Patriarchat

Fast die Hälfte der usbekischen Bevölkerung besteht aus dem oft als „zart“ bezeichneten Geschlecht. Frauen sind jedoch am Arbeitsplatz und in Führungspositionen sehr selten anzutreffen, weil sie häufig nur mit Haushaltsaufgaben ausgelastet sind und verantwortlich für das Wohl der Kinder und des Ehemannes. Der Staat ergreift verschiedene Maßnahmen gegen die Frauenisolation, in dem die aktive Frauenteilhabe an der Gesellschaft gefördert und gefordert wird.

Ein Beispiel dafür ist die Existenz einer Frauenquote in der usbekischen Politik, das heißt, dass 30% der Plätze für die Abgeordneten im Parlament von Frauen besetzt sein müssen. Die Frage ist zweifellos, wie die Frauenquote bei der Verteidigung der Frauenrechte in der Gesellschaft hilft? Ein Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass der althergebrachte Frauenstereotyp in Usbekistan sich trotz des gesellschaftlichen Wandels immer wieder gegen die usbekische Konstitution behauptet.

Einer der Gründe dafür ist, dass viele stark religiös sind. Strikte islamische Religionsregularien stehen aber oft im Widerspruch zu den Rechten der Frauen. Zum Beispiel sagt der Koran, das heilige Buch des Islams: «Die Männer haben Vollmacht und Verantwortung gegenüber den Frauen, weil Gott die einen vor den anderen bevorzugt und weil sie von ihrem Vermögen (für die Frauen) ausgeben. Die rechtschaffenden Frauen sind demütig ergeben und bewahren das, was geheim gehalten werden soll, da Gott es geheim hält. Er mahnt diejenigen, von denen ihr Widerspenstigkeit befürchtet, und entfernt euch von ihnen in den Schlafgemächern und schlagt sie. Wenn sie euch gehorchen, dann wendet nichts Weiteres gegen sie an. Gott ist erhaben und groß.» … (4. Sure, 34. Vers).

Nach der Unabhängigkeit der zentralasiatischen Länder von der Sowjetunion bekam die Bevölkerung, wie andere Möglichkeiten, auch Religionsfreiheit. So kam es im Land großflächig zur Bevormundung der Mädchen und Frauen wegen der sogenannten neuen Freiheit. Als Zeichen gesellschaftlicher Emanzipation verstärkte sich Anfang der 90er Jahre der Islam, in dem sich Frauen zurückhalten und das Patriarchat akzeptieren sollen. Außerdem haben die Frauenstereotype der Männer – dass die Frau Kinder zur Welt bringt und der Mann Geld verdient – einen ausgesprochen hohen Einfluss auf die Gesellschaft.

„Ich hasse Feiertage, man hat doppelt so viel zu tun“

Als Lola das Leben mit ihrem Ehemann anfing, war sie 20 Jahre alt. Die beiden waren Studenten, und mussten nachts Nebenjobs machen, um ihr Leben zu finanzieren. Die Geburt ihres ersten Kindes rettet sie vor einer drohenden Verleumdung als „unfruchtbar“. Aber infolgedessen konnte sie ihr Studium und die Sorge für die Familie mit dem Neugeborenen nicht vereinbaren und musste deshalb die Universität verlassen. Sie ist jetzt 45 Jahre alt, arbeitslos und bekommt kein Arbeitslosengeld. Ihre Familie lebt in einem Dorf bei den Schwiegereltern, so hatte es die Schwiegermutter gefordert. Sie beschäftigt sich nur mit dem Haushalt. An einem Feiertag, wie der 8. März, hat sie doppelt so viel zu tun: „Ich hasse Feiertage. Alle sind zuhause, und deshalb gibt es keine Minute Ruhe. Es ist nur ein Grund für unsere Männer, betrunken zu werden.“

In Usbekistan mangelt es einer normalen Frau nicht nur an Strom oder Gas, sondern an Liebe und Vertrauen in der Familie. Nicht selten werden sie als Objekte behandelt und können für sich fast nichts selbst entscheiden. Deshalb setzen sie oft alle Hoffnungen in ihre Kinder, besonders in Söhne, da sie dadurch ihre ganz persönlichen Schwierigkeiten vergessen können. Wenn die Kinder ihr eigenes Leben anfangen und das Heim verlassen wollen, kann es deshalb auch seitens der Mutter heißen: „Auf alles verzichtete ich wegen meiner Kinder. Deswegen solltest Du dich jetzt um mich kümmern, und ich entscheide, wen du heiratest.“

Sich selbst im Weg stehen

Es ist ein Teufelskreis, und die Rolle von Lolas Schwiegermutter spiegelt sich nun in ihr selbst, obwohl sie es sich nicht ganz zugestehen kann. Dazu äußert sie sich folgendermaßen: „Die Eltern führen zwanzig Jahre die Aufsicht über ihre Tochter, dann wird diese Aufsicht dem Ehemann übergeben. Frauen können sich nur nach dem eigenen Tod von der Bevormundung des Patriarchats befreien, oder aber ihre Kinder können ihnen ein bisschen das Gefühl von Glück bescheren.“

Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts emanzipierten sich die deutschen Frauen auf der Welle eines allgemeinen gesellschaftlichen Wertewandels, und der Kampf um diese Emanzipation dauert bis zum heutigen Tage an. In Zentralasien kann man teilweise nur davon träumen. Ein gutes Vergleichsbeispiel ist der Schwangerschaftsabbruch. Im Gegensatz zu Deutschland gehört der Körper der Frau in Zentralasien oft nicht der Frau selbst.

Eine hypothetische Frage an dieser Stelle wäre: „Was könnte eine Frau in Machtposition, wie es Angela Merkel als die mächtigste deutsche Frau ist, hier in Zentralasien ausrichten?“ Jonas Panhuisen (19) aus Köln, der letztes Jahr seinen Kulturfreiwilligendienst in Usbekistan machte und die politische, kulturelle und gesellschaftliche Seite dieses Landes erforschte, beantwortet die Frage mit seinen persönlichen Eindrücken bezüglich der usbekischen Gesellschaft: „Ich glaube, man muss das vor allem so betrachten, dass eine „usbekische Angela Merkel“ niemals eine entsprechende Position in Usbekistan belegen könnte, einfach weil es so eine Position in Usbekistan nicht für sie geben kann. Aber wenn sie hier geboren wäre, mit der gleichen Begabung, würde sie hier versuchen, etwas zu verändern, zum Beispiel die Meinungsfreiheit.“

Obwohl die Frauenrechte in Usbekistan gesetzlich festgelegt sind, wird es vom Patriarchat und den islamischen Religionsregularien gebrochen. Alte stereotype Rollenmodelle geben dem weiblichen Geschlecht keine Möglichkeit, sich als Schrittmacherinnen zu zeigen. Doch vielerorts stehen sich auch die Frauen selbst im Weg, eben aufgrund dieser gesellschaftlichen Attribute und ihrer (teils ungeschriebenen) Regeln. Usbekistan fehlt dadurch die Sicht der Frauen, die emanzipierte Vorbilder für die ganze Nation sein könnten, wie z.B. Rosa Otanbajewa, die ehemalige Präsidentin Kirgisiens.

Erich Wulf

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