Über den tschechischen Bogenmacher Yura und sein Handwerk, das er in Kirgisistan betreibt, haben wir schon einmal in einem Artikel berichtet. Es ist jedoch nicht nur seine präzise Handarbeit an den Hornbögen, die mich in erster Linie zu ihm gebracht hat, sondern noch etwas anderes. Yura hat eine besondere Fähigkeit, die ich von ihm lernen möchte: Das Bogenschießen vom galoppierenden Pferd.
„Horseback Archery“ gehört zu den wichtigsten, traditionellen Sportarten in Zentralasien und der Mongolei. Bei den World Nomad Games 2026 in Kirgisistan, wo Wettbewerbe in verschiedenen nomadischen Sportarten stattfinden, ist das berittene Bogenschießen eine der wichtigsten Disziplinen.
Im Rhythmus der Natur
Unweit der Stadt Karakol, die zwischen den Bergen am Ufer des Issykul-Sees gelegen ist, verbringt Yura seine Sommermonate. Wir sind bei einer kirgisischen Familie, mit der Yura befreundet ist, einige Tage lang gemeinsam zu Besuch. Das Ehepaar und ihr jüngster Sohn leben halbnomadisch, verbringen also den Winter in einem Haus im Dorf und ziehen aber den ganzen Sommer über durch die Berge.
Dort bietet Yura mehrtägige Camps an, bei denen sich alles ums Reiten und Bogenschießen dreht. Als Bogenmacher und Guide arbeitet er unter dem Namen Tengri Bows, wobei das Wort Tengri in den alten Turksprachen so viel bedeutet wie ‚Himmel‘ oder ‚Himmelsgott‘. Auch die frühere Naturreligion Tengrismus, die den Himmel als Gott mit dem Namen Tengri verehrt hat, bezieht sich darauf und steht für ein Leben im Einklang mit der Natur sowie all ihren Lebewesen.
Das Pferd spielt im Tengrismus eine zentrale spirituelle Rolle und ist auch für Yura von entscheidender Bedeutung. Sein Leben und Schaffen richten sich nach dem Reiten und dem Rhythmus der Jahreszeiten. Sein eigenes Pferd hat er erst kürzlich gekauft. Einen Namen trägt es jedoch nicht.
„In der Mongolei glauben die Menschen, dass es Unglück bringt, ein Pferd zu benennen. Nur dann, wenn es einen Namen hat, können es die bösen Geister finden und ihm Schaden zufügen“, erklärt Yura, der sein Handwerk in der Mongolei perfektioniert hat. Etwas an dieser Einstellung gefällt mir, räumt sie doch dem Pferd mehr Freiheit ein, anstatt es als den persönlichen Besitz eines Menschen zu betrachten. Während ich meinen Gedanken nachhänge, fällt Yura ein, dass er eigentlich doch einen Namen für den Hengst hat. Manchmal, natürlich nur aus Spaß, nenne er ihn Tschutschuk. Dabei handelt es sich witzigerweise um das kirgisische Wort für eine Wurst aus Pferdefleisch.
Flow und Fokus: Bogenschießen vom Pferd
In diesen Tagen lerne ich erstmals, wie man mit einem Bogen schießt. Dabei zeigt mir Yura eine spezielle Technik, die sich besonders gut eignet, wenn man vom Pferd aus schießt und den Pfeil bei der Bewegung im Sattel kontrollieren muss. Gleichzeitig bereiten wir Yuras neues Pferd auf die Sommersaison vor, denn Pfeil und Bogen sind ihm bisher völlig neu.
Erstaunlich schnell für ein Tier mit ausgeprägtem Fluchtinstinkt gewöhnt sich der Hengst an das laute Geräusch der losgelassenen Sehne, an den Bogen und die bunte Zielscheibe. Während der ersten Durchgänge beobachte ich Yura, der erst im Schritt und schließlich im Galopp auf die Zielscheibe schießt und mit beeindruckender Sicherheit die Mitte trifft.
Anschließend bin ich an der Reihe. Nach nur wenigen Runden hat das Pferd die Routine verstanden: Auf dem breiten Weg, der kerzengerade an einem aufgestellten Ziel vorbeiführt, soll es bis zum Ende in vollem Tempo galoppieren. Kaum erreiche ich den Startpunkt und wende mein Pferd, geht es also los und das mir so vertraute Geräusch von Wind im Galopp pfeift mir um die Ohren. In diesem Moment ist mein Fokus ganz klar. Weil Kopf und Körper viele Dinge zugleich umsetzen müssen, gerate ich in einen Flow-Zustand, der keine Ablenkung zulässt. Das Pferd muss auf gerader Linie gehalten werden, während man im Sattel aufsteht und sich in den Steigbügeln ausbalanciert. Schließlich werden die Zügel fallengelassen, der Bogen gehoben und der Pfeil in Position gebracht.
All das passiert blind und nach Gefühl, denn bereits jetzt fokussiere ich mit meinem Blick die Zielscheibe. Ich spanne die Sehne und versuche, den richtigen Moment für den Schuss zu wählen. Meine Hand, die das Ende des Pfeils hält, öffnet sich und der Bogen macht es sich mit enormer Gewalt in seiner Ruheposition bequem, während sich die Energie der Sehne auf den Pfeil überträgt. Der landet irgendwo hinter der Zielscheibe.
„Gar nicht schlecht!“, ruft Yura. Nach nur zwei Tagen des Trainings ist das scheinbar kein schlechter Anfang. Nach jedem Versuch gibt er mir Feedback, korrigiert meine Haltung und meine Technik. Einige Versuche filmt er, um mir anschließend zu zeigen, was ich verbessern kann. Einen gesamten Nachmittag verbringe ich im Sattel und versuche, in den wenigen Sekunden umzusetzen, was mein Kopf vorgibt. Oft genug komme ich gar nicht zum Schießen, weil mir das Pferd zuvor abbiegt oder der Pfeil aus der Position springt und verrutscht.
Zahlreiche Versuche später, verschwitzt und mit schmerzenden Beinen, höre ich, wie der Pfeil mit einem satten Geräusch in der Zielscheibe einrastet. Was für ein Gefühl! In völliger Euphorie bedanke ich mich bei dem Pferd ohne Namen und seinem Besitzer, meinem Lehrer Yura, der mir diese unglaubliche Tradition nähergebracht hat. In diesem Moment, unter dem klaren, blauen Himmel Tengri, werde ich für kurze Zeit eins mit der Erde und dem Pferd unter mir, mit dem Wind und der Gegenwart.


























