Wenn anderswo in Osten Europas die ZIL-Fahrzeuge sowjetischer Bauart nur noch in Museen als Zeitzeugen vergangener Jahrzehnte zur Schau gestellt werden, so stehen diese robusten Feuerlöschwagen in der südbulgarischen Stadt Kardzhali auch heute noch zur Bekämpfung von Waldbränden bereit.

„Natürlich kommen auch unsere modernen Löschfahrzeuge, die sogenannten ATVs oder All-Terrain Vehicles, zum Einsatz“, versichert der Kommandant der Ortsfeuerwehr, Chefinspektor Mitko Nikolov. „Die Kameraden arbeiten jedoch manchmal lieber mit den alten Geräten. Diese sind einfacher zu bedienen und bestimmte Brandherde, hauptsächlich jene in den Feld- und Waldgebieten, sind mit einem ZIL-Löschfahrzeug leichter zu erreichen.“

Insbesondere in den Sommermonaten sind die Feuerwehreinheiten quer durch Bulgarien mit Waldbränden konfrontiert. Auch in der Region Kardzhali. Auch wenn die Feuerwehr die bestmögliche Arbeit leistet, sind die Folgen der Brände oft verheerend. „Eigene Lösch-Helikopter würden auch in unseren Waldgebieten die Arbeit wesentlich erleichtern und das Risiko für das Leben der Kameraden verringern. Diese sind aber leider noch nicht vorhanden“, erklärt der Kommandant. Im Falle von Dauerbränden werden Hubschrauber vom bulgarischen Militär angefordert.

Mehr als 110 Jahre im Dienste der Bevölkerung

Bereits am 14. September 2024 feierte die städtische, wie auch die Regionalfeuerwehr von Kardzhali ihr 110-järiges Bestehen. Stolz zeigten die Kameraden ihre Einsatzbereitschaft und ihre technische Ausrüstung während eines Festaktes in der Stadtmitte von Kardzhali. Zugleich versicherten sie den Anwesenden, dass beide Feuerwehren die Bevölkerung weiterhin vor Gefahren beschützen und ihr im Notfall schnell helfen wird.

Nach dem offiziellen Festakt gab es ein volles Programm der Feuerwehrleute. Die Einheiten stellten ihre Fähigkeiten unter Beweis. Bei einer inszenierten „Rettungsaktion“ ließ die Bergrettungsmannschaft einen „Schwerverletzten“ aus einer 30 Meter Höhe, vom Dach des Glockenturms, herunter.

Groß war das Interesse der Menschen bei der sehr professionellen Befreiung von „Verletzten“ aus einem verunglückten und zum Teil ausgebrannten Auto. Dort kam auch schweres technisches Gerät zum Einsatz.

Und so begann es…

Der Aufbau der ersten Feuerwehren in Bulgarien fällt in die Zeit von 1878 bis 1893. Gemäß Art. 43 der bulgarischen Verfassung vom 16.04.1878 wird der Brandschutz den Gemeinden übertragen. Einige Jahre später, am 14. September 1905 wurde in der Hauptstadt Sofia die erste Feuerwehrversammlung einberufen. Dort wurde auch beschlossen, den 14. September als Feiertag des Schutzpatrons der Feuerwehr, des Heiligen Ilija zu feiern. 

Im Jahre 1914 hat der damalige Bürgermeister Sava G. Nedelkov ein Verwaltungsamt in der Stadt Kardzhali eingerichtet. Zugleich wurde auch angeordnet, dass ein ständiges Feuerwehrkommando organisiert werden soll. „Die erste Feuerlöschausrüstung bestand bloß aus einer Handpumpe, zwei Wasserfässern und einem Wagen“, erklärt Selyahtin A. Yusein, der heutige Leitender Inspektor und Leiter der Gruppe „Präventive Kontrolle und präventive Aktivitäten“ in Kardzhali. Um die geschichtliche Entwicklung besser nachvollziehen zu können, präsentiert er für Interessenten das hauseigene Feuerwehrmuseum und das dazu gehörige Archiv.

„Im Mai 1929 hat der damalige Bürgermeister Janko Lambrev verfügt, eine manuelle Feuerlöschpumpe auf vier Rädern für eine Pferdekutsche zu kaufen“, erklärt Yusein weiter. Auch das erste Feuerwehrauto der deutschen Marke Magirus wurde bald gekauft.

Verhaltensregel beim Einsatz der Feuerwehr damals

Aus dem Erlass des Bürgermeisters vom 17.12.1935 geht eine interessante Regelung hervor. Der Bürgermeister gab den Befehl, wie sich die Menschen auf der Straße zu verhalten hatten: „Im Falle eines Einsatzes der Feuerwehr zum Löschen eines Brandes in unserer Stadt, muss die Straße für die heranrückende Mannschaft geräumt werden. Um die Wasserpumpen problemlos und schnellstmöglich zum Brandherd bewegen zu können, haben die Bürger, die sich dort befinden, alle Gegenstände aus dem Weg zu räumen und sich auf die rechte Seite des Bürgersteigs zu stellen. Wer meinem Befehl nicht folgeleistet, muss mit Bestrafung rechnen“.

Die ersten Feuerwehreinheiten der Stadt Kardzhali wurden im Jahre 1954 gegründet. Im Jahr 1956 erhielt die Stadtfeuerwehr zwei Löschfahrzeuge vom Typ „ZIS 150“.

Die jüngeren Ereignisse

Im Jahre 2001 wurde eine Gruppe „Notfall- und Rettungsmaßnahmen“ gegründet, die man später in den Regionale Dienst für Brand- und Katastrophenschutz der Gemeinde aufgenommen hatte. Dort gab es auch drei Taucherteams, von je 4 Personen, Bergretter (Alpinisten) und technische Teams. Diese Gruppe war auch für spezielle Aktivitäten und Einsätze ausgebildet, was man als Reaktion auf Vorfälle und Unfälle mit gefährlichen chemischen Substanzen, radioaktiver und ionisierender Strahlung für notwendig erachtet hatte.

Einen Wendepunkt in der Effizienzsteigerung der Gruppe „Notfall- und Rettungsmaßnahmen“ bildete im Jahre 2004 eine Spende von Autos, Maschinen und Ausrüstung des Kantons Bern aus der Schweiz. Die Lieferung im Wert von umgerechnet 318.000 Euro wurde von der Berner Kantonalabteilung Zivil- und Bevölkerungsschutz des Amts für Bevölkerungsschutz, Sport und Militär organisiert.

Einen wichtigen Platz in der Arbeit der Feuerwehrleute nimmt auch die Beschäftigung mit der jungen Generation ein. Die Nachwuchsausbildung bei der Feuerwehr in Kardzhali findet in zehn Jugendfeuerwehrgruppen statt.

Die technische und personelle Ausstattung heute

Der Regionale Dienst für Brand- und Katastrophenschutz in der Gemeinde Kardzhali ist mit Geräten und Einrichtungen für den Einsatz bei Bränden, Überschwemmungen, Verkehrsunfällen und anderen Krisenlagen sowie Katastrophen ausgestattet.

Die Feuerwehr von Kardzhali kontrolliert regelmäßig Gebäude und Einrichtungen in der Stadt und betreut die Siedlungen auf dem Gebiet rund um Kardzhali und in der Nachbargemeinde Tschernootschene.

Das gesamte Versorgungsgebiet beträgt 957 km² mit einer Gesamtzahl von 66 Versorgungssiedlungen und einer Bevölkerung von über 139.000 Personen. Bulgarien hat eine Gesamtfläche von 110.994 Quadratkilometern. Die Einwohnerzahl belief laut Angaben des bulgarischen Statistikinstituts für das Jahr 2022 auf etwa 6,4 Millionen.

Die staatliche Brandbekämpfung gehört ebenfalls zu den Hauptaufgaben der Feuerwehr. Bei den vorbeugenden Maßnahmen wird ein besonderes Augenmerk auf die Schaffung von Voraussetzungen für eine effektive Brandverhütung und auf die Vorbereitung von besonders gefährdeten Standorten für eine erfolgreiche Brandbekämpfung gelegt. Dazu gehen die einzelnen Mitarbeiter regelmäßig in Schulen und in Kindergärten. Einer von ihnen ist Inspektor Plamen Cepenishev.

„Ich bin gerne bei den Kindern. Es ist schön und hilfreich, wenn ich den jungen Menschen auf die Gefahren hinweise, wenn ich helfen kann zu verstehen, wie sie beispielsweise Brände verhüten und gegebenenfalls bekämpfen können“, erzählt er freundlich. „Wir klären ebenfalls über biologische und chemische Gefahren auf. Das ist eigentlich mein Spezialgebiet, da kenne ich mich besonders gut aus“, weist er stolz auf die Wichtigkeit seiner Aufgabe hin.

Die Warnung der Bevölkerung über das BG-Alert-System

Bulgarien ist dabei, ein einheitliches Warnsystem als Vorwarnung wie auch Warnung bei Gefahren über Mobiltelefone zu etablieren. Dafür ist die Generaldirektion für Brandschutz und Schutz der Bevölkerung in der Hauptstadt Sofia zuständig. Im Ernstfall oder bei Übungen wird über das BG-Alert-System eine Nachricht mit Text in bulgarischer und englischer Sprache an die mobilen Endgeräte im ganzen Land verteilt.

Das südeuropäische Balkanland Bulgarien mit seiner gastfreundlichen und aufgeschlossenen Bevölkerung ist offen für Touristen. Die Brand- und Katastrophenschützer sind aber auch gern bereit für einen fachlichen Austausch mit Berufskollegen aus anderen Ländern, so auch aus Kasachstan und Zentralasien.

Der Autor des Beitrages steht gern für Anfragen, über die Redaktion der DAZ zur Verfügung.

Josef Bata

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