Im Herbst 2025 ereignete sich im Herzen von Almaty ein Ereignis, das die Landkarte der Kultur Zentralasiens für immer veränderte: Das vom Mäzen Nurlan Smagulow gestiftete Almaty Museum of Arts (ALMA) öffnete erstmals seine Türen. Als erster komplett privat finanzierter Raum für internationale zeitgenössische Kunst im Land machte es sofort von sich reden.
Doch sieht man einmal von den zahlreichen Veröffentlichungen über das ALMA, über dessen spektakuläre Zahlen und die darin vertretenen großen Namen ab, bleibt das Wesentliche zurück: menschliche Arbeit, Mut und die lebendige Seele des Projekts. Es ist eine Geschichte darüber, wie aus einem fünf Jahre alten Traum ein lebendiger Organismus mit hunderten, für die Welt unsichtbaren Helden wurde.
Eine Bergschlucht im Zentrum der Megacity
Das vom britischen Büro Chapman Taylor unter Mitwirkung der Ingenieure von Buro Happold und den Beratern von Lord Cultural Resources entworfene Gebäude ist eine Ode an die Natur des Semiretschje-Gebiets. Zwei L-förmige Strukturen symbolisieren das ewige Bündnis zwischen den monumentalen Bergen und der dynamischen Stadt.
Im Inneren treffen sie auf der „Straße der Kunst“ zusammen – einer von natürlichem Licht durchfluteten zentralen Lobby mit 18 Meter hohen Decken. Ihre Gestaltung ist von der majestätischen Scharyn-Schlucht inspiriert. Es ist ein Ort der Stille und Reflexion, von dem die einzelnen Ausstellungsräume abzweigen:
Da ist zunächst der Wechselausstellungssaal „Ūly dala“ (1.000 m²), in dem alle sechs Monate die Präsentation großangelegter Projekte wechselt;
Diesem folgt der Dauerausstellungssaal „Saryarqa“, welcher die Privatsammlung von Nurlan Smagulow beherbergt, die dieser über drei Jahrzehnte hinweg zusammengetragen hat (mehr als 700 Werke kasachischer Kunst);
Und letztlich erreicht man die Wandlungsräume „Äl-Farabi“, die Werkstatt „Scheberchana“, Restaurierungsbereiche und ein professionelles Depot.
Doch ein Gebäude ist nicht nur durch seine Form einzigartig. Wichtig ist auch die Frage, wie das Gebäude mit Leben gefüllt wird?
Hinter den Kulissen: 155 Tonnen Stahl und eine Dolmetscherin aus der Führung
Wer die Werke weltweiter Klassiker der modernen Kunst wie Yayoi Kusama, Bill Viola, Richard Serra, Anselm Kiefer oder Jaume Plensa betrachtet, denkt wohl kaum darüber nach, wie sie nach Almaty gelangt sind. Doch hinter jedem dieser Namen verbergen sich echte Herausforderungen.
„Richard Serras Skulptur Crossroads wiegt 155 Tonnen und ist 23 Meter lang. Allein die Routenplanung aus den USA hat etwa zwei Jahre gedauert“, erzählt Meruert Kaliyeva, die künstlerische Leiterin des Museums. „Stahlplatten dieser Größe wurden noch nie zuvor über so weite Strecken auf der Straße transportiert.“
Die Route musste saisongenau berechnet werden: Im Winter war der Transport unmöglich, im März drohte Hochwasser. Als 14 Lkws an der Grenze zu Aserbaidschan eintrafen, versetzten die spezifischen Dokumente der Gagosian-Galerie und die riesigen Konstruktionen die Zollbeamten in Schockstarre – Diplomaten mussten die Situation durch ihr energisches Eingreifen retten. In Almaty angekommen, erwies sich kurz vor dem Museum eine Brücke als zu niedrig: Die Fahrer mussten spontan den Reifendruck der Lkws senken, um buchstäblich auf den Millimeter genau durchzupassen.
„Wegen der Ausmaße von Serras Werk konnten wir das Museum gar nicht zu Ende bauen!“, erinnert sich Kuratorin Inga Lāce schmunzelnd. „Zuerst musste die Skulptur ins Innere gebracht werden, und erst danach konnten wir die Wände errichten und den Boden montieren. Das Gebäude stand offen da. Sie können sich gar nicht vorstellen, welchen Adrenalinkick wir spürten, als letztlich alles geklappt hat.“
Geschichten wie diese gab es auf Schritt und Tritt. Als für die Montage von Kusamas Infinity Mirror Room Ingenieure anreisten, die nur Japanisch sprachen, entstand eine Sprachbarriere. Der Zufall rettete die Situation: Am Tag zuvor hatte Inga Lāce bei einer Führung eine Architekturstudentin kennengelernt, die fließend Japanisch sprach. Sie wurde eingeladen – und für eine Woche wurde eine ganz normale Studentin aus Almaty zum zentralen Bindeglied von Kusamas internationalem Team.
Genau darin liegt der lebendige Puls des ALMA: Hier gibt es keine fertige Anleitung. Alles entsteht von Grund auf, angetrieben von der Leidenschaft und der Zielstrebigkeit der Menschen.
Dialog ohne Angst und Etiketten
Der zeitgenössischen Kunst wird oft vorgeworfen, sie sei zu komplex, und im Zeitalter von Instagram laufen Museen Gefahr, zu bloßen Kulissen für schöne Selfies zu verkommen. Das Team des ALMA hält die Balance zwischen dem Visuellen und dem Inhaltlichen.
„Die visuelle Attraktivität ist nur der erste Schritt“, erklärt Meruert Kaliyeva. „Jemand kommt vielleicht für ein ästhetisches Foto und bleibt dann für einen Vortrag. Der Besucher kauft mit seiner Eintrittskarte die Möglichkeit, eine Erfahrung zu machen, die im digitalen Raum nicht reproduzierbar ist. Wir rücken ab von der Rolle der ‚Lehrer im strengen Anzug‘. Wenn ein Mensch das Museum mit nur einem neuen Gedanken oder einem neuen Gefühl verlässt, wenn er auch nur für einen Moment innehält und die Welt neu betrachtet, dann ist die Mission erfüllt.“
Bei den Installationen von Bill Viola spürt der Betrachter physisch das Verstreichen der Zeit und den feinen Grat zwischen Leben und Tod. Man kommt nicht für eine Note in Kunstgeschichte hierher, sondern für eine Transformation: um zu fühlen, wie an die Stelle der gewohnten digitalen Hektik Empathie und Offenheit treten.
„Qonaqtar“: Wo Erinnerung zur inneren Kraft wird
Die Kuratorin Inga Lāce bezeichnet die Ausstellung Qonaqtar ohne Zögern als den Ort, an dem die einfühlsamste Seele des Projekts schlägt. Durch Werke aus der Sammlung von Nurlan und Madina Smagulow lernte Inga Schritt für Schritt das wahrhaftige Kasachstan kennen.
Hinter der poetischen Fassade von Steppen und Bergen verbergen sich auch dramatische Kapitel: das Atomwaffentestgelände Semipalatinsk, Deportationen, unfreiwillige Migrationen und die Erschließung von Baikonur. Dem Team des Museums war es ein fundamentales Anliegen, diesen Ereignissen eine ehrliche Stimme zu verleihen.
„Die von Askar Yessenbayev geschaffene Skulptur der ‚Arche Noah‘, auf der unter den Menschen im Boot ein Mann mit Gasmaske dargestellt ist, war das einzige Werk in der Sammlung, das an den Schmerz von Semipalatinsk erinnerte“, erzählt Inga. „Um das Thema zu vertiefen, haben wir die Ausstellung um Dokumentararchive ergänzt. Aber es war uns wichtig, dies nicht als eine Geschichte ausweglosen Leidens zu zeigen, sondern als eine Geschichte darüber, wie das Volk es verstanden hat, diese schweren Prüfungen in eine neue innere Kraft zu verwandeln. Die Ausstellung wurde geschaffen, damit sich jeder Mensch hier respektiert fühlt und ein Gefühl von Heimat findet.“
Der Punkt, an dem Geschichte entsteht
Auf die Frage, wozu ein Museum dieses Niveaus ins Leben gerufen wurde, hat das Team keine Schablonenantworten. Für Nurlan Smagulow und das gesamte Kollektiv ist es der Versuch, der Stadt Almaty den Status einer Weltkulturmetropole zurückzugeben und einen Ort zu schaffen, an dem Menschen im realen Leben zusammenkommen können.
„Der berührendste Moment ereignete sich für mich erst nach der Eröffnung“, gesteht Meruert Kaliyeva. „Das war während eines Vortrags von Kira Perov, der Ehefrau von Bill Viola. Während der Bauphase waren wir so sehr in der Routine vergraben, dass wir gar keine Zeit hatten zu realisieren, was da eigentlich geschieht. Und nun sitze ich im Saal, höre Kira zu und verstehe: Es ist passiert. Früher gab es diese Namen nur in Lehrbüchern und in den Museen von New York oder Paris. Und heute sind sie hier, in Almaty. Unsere Stadt ist Teil der weltweiten Kunstgeschichte geworden.“
Das Almaty Museum of Arts ist eröffnet. Doch sein größter Reichtum liegt nicht im Beton von Chapman Taylor und nicht in den vielen Millionen der Versicherungspolicen. Er liegt in der Wärme der Hände der Restauratoren, in der Sturheit der Logistiker, die auf der Brücke die Luft aus den Reifen lassen, in der Feinfühligkeit der Kuratoren und in jenem allerersten Schritt, den jeder Besucher macht, wenn er die Schwelle zur „Straße der Kunst“ überschreitet.























