Schon seit meiner Kindheit wusste ich, dass ich eine Deutsche bin und dass mein Urgroßvater deportiert wurde. Ich hatte zwar das in unserer Familie erhalten gebliebene Dokument über seine Deportation gesehen, wusste aber kaum etwas über die Geschichte, die dahinterstand. Deshalb habe ich anlässlich des 85. Jahrestages der Deportation der Deutschen beschlossen, die Erinnerungen meiner Verwandten zu sammeln, den Lebensweg meines Urgroßvaters nachzuverfolgen und mehr über die Geschichte meiner Familie zu erfahren.

Meine Vorfahren waren Russlanddeutsche und lebten im Wolgagebiet der sogenannten Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen. In den ersten Jahren ihres Bestehens wurde sie als „Musterrepublik“ bezeichnet.

Das Dorf, in dem meine Vorfahren vor der Deportation lebten, lag in der Oblast Saratow und hieß Boaro (russisch: Borodajewka). Dort lebten mehrere Generationen meiner Familie, bis sich ihr Leben 1941 für immer veränderte.

Die Deportation

Am 28. August 1941 erließ das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR einen Erlass über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Gebieten an der Wolga lebten. Für die Familie meines Urgroßvaters wurde dieser Erlass zum Beginn des Weges nach Sibirien. Laut einem in unserer Familie erhalten gebliebenen Dokument wurden sie am 11. September 1941 mit den Zügen Nr. 763 und 775 nach Nowosibirsk gebracht. Von dort wurde die Familie in das Dorf Mendatschny weitergeleitet.

Gemeinsam mit seinen Eltern, seinen Brüdern und Schwestern wurde auch der damals zwölfjährige Konstantin deportiert. Die älteste Tochter der Familie ging nicht mit: Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet, und ihr Mann war an der Front. 1946 verließ auch sie ihre Heimat. Nach dem Krieg kehrte ihr Mann von der Front zurück und sagte, dass er nicht mehr mit ihr zusammenleben wolle, weil sie Deutsche sei.

Für die Vorbereitungen blieb kaum Zeit. Sie durften nur wenig Gepäck mitnehmen. Ihr Haus und den gesamten Besitz mussten sie zurücklassen.

Bis März 1956 unterstanden die deportierten Deutschen dem Regime der sogenannten Sondersiedlungen und der ständigen Kontrolle durch eine Kommandantur. Sie mussten sich regelmäßig melden und eine Genehmigung einholen, wenn sie ihren Wohnort verlassen wollten.

Von dieser Zeit erzählte mir Sergej Belesch, der Cousin meines Urgroßvaters: „Ich erinnere mich gut an den Kommandanten. Er musste die Deportierten regelmäßig besuchen. Er war ein normaler, ich würde sogar sagen, guter Mensch. Er hat einfach seine Arbeit gemacht.“ Mit ihm stand ich während meiner Recherchen im schriftlichen Kontakt.

Die Wiedervereinigung der Familie

Die Deportation trennte nicht nur Familien und führte nicht nur zum Verlust der Heimat. So zerbrach Konstantins eigene Familie später aus anderen Gründen, und der Kontakt zwischen den einzelnen Familienzweigen begann allmählich abzubrechen.

Konstantin hatte eine erste Familie – seine Frau und zwei Kinder, Tonja und Gennadi. Nach der Trennung zog seine erste Frau mit den Kindern zu ihrem Bruder nach Kasachstan. Konstantin aber zog nach der Trennung in die Oblast Omsk, in das Dorf Karaganowka.

Trotz der Trennung ihrer Eltern fanden Tonja und Konstantin allmählich wieder zueinander. Sie begannen, sich Briefe zu schreiben. Als Tonja 14 Jahre alt war, reiste sie zu ihrem Vater nach Omsk und blieb etwa einen Monat bei ihm. Dort lernte sie die neue Familie ihres Vaters kennen und wurde, wie sie sich erinnert, von dieser herzlich aufgenommen. „Das Dorf war komplett deutsch und klein, es hatte nur 32 Häuser“, erinnert sich Tonja.

Später zog Konstantin nach Deutschland. Nach und nach verstreuten sich auch andere Verwandte. Der Kontakt, der nur mühsam wiederhergestellt worden war, brach erneut ab. Der Briefwechsel hörte auf, und über mehrere Jahrzehnte wussten die verschiedenen Familienzweige kaum etwas voneinander.

An diesem Punkt hätte die Geschichte enden können. Doch Jahre später setzte meine Mutter sie fort. Sie beschloss, über eine Gruppe für Menschen mit demselben Familiennamen auf „Odnoklassniki“ nach Verwandten zu suchen. Auf ihre Suchanzeige meldeten sich schließlich zwei Verwandte von Konstantin – sein Sohn Eugen und dessen Frau Swetlana. Nachdem sie miteinander Kontakt aufgenommen und ein persönliches Treffen zwischen ihnen vereinbart hatten, reiste meine Mutter nach Deutschland und traf dort zum ersten Mal ihren Großvater. Später blieben sie durch Briefe miteinander in Kontakt.

Besonders wertvoll für unsere Familie ist ein Brief, den ich im Familienarchiv gefunden habe. Konstantin hatte ihn an meine Mutter geschrieben. Darin wendet er sich an sie mit den Worten: „Meine sehr geehrte Enkelin“, und schreibt anschließend: „Hallo, liebe Urenkelinnen Christina und Veronika.“

Besonders berühren mich jedoch einige Zeilen, die er an meine Mutter schrieb: „Danke, Tanja, dass du mich respektierst. Tanja, ich respektiere dich, liebe dich, schätze dich und umarme dich.“

Konstantin lebte allein und schrieb über seine Einsamkeit: „Wenn man allein lebt, vergeht viel Zeit langweilig, aber ich bin zufrieden damit, dass ich niemandem zur Last falle.“

Vor diesem Hintergrund klingen seine Worte an meine Mutter besonders eindringlich: „Und dann bist du hier in Deutschland, du bist meine liebe, meine eigene Enkelin. Tanja, du hast mich wieder zum Leben erweckt. Danke.“

Diese Worte sind für mich besonders wichtig. Jahrzehnte nach der Deportation und den darauffolgenden Trennungen unserer Familie konnte die Verbindung zwischen uns schließlich wiederhergestellt werden. Und daran hat meine Mutter einen großen Anteil. Sie hätte diese Menschen niemals suchen müssen – schließlich waren so viele Jahre vergangen und viele Verbindungen längst abgebrochen. Aber es war ihr wichtig herauszufinden, woher unsere Familie stammt, wer diese Menschen waren und was aus ihnen geworden war.

Auch unser Familienname trägt eine kleine Geschichte in sich

Heute lautet unser Familienname Librikht. Die übrigen Verwandten tragen jedoch den Namen Librecht. Irgendwann kam es in den Dokumenten zu einem Fehler: Der Familienname wurde so aufgeschrieben, wie er gehört wurde. So wurde aus „Librecht“ „Librikht“.

Als der Fehler bemerkt wurde, beschloss man, den Namen nicht mehr zu ändern. Zu diesem Zeitpunkt war der Familienname bereits in zahlreichen Dokumenten eingetragen, und es wäre zu aufwendig gewesen, alles zu ändern. So ist dieser Fehler bis heute Teil unserer Familiengeschichte geblieben.

Heute gibt es innerhalb einer Familie also zwei Varianten desselben Familiennamens. Für mich bedeutet das jedoch keine Trennung. Im Gegenteil: Es ist ein weiteres kleines Detail unserer gemeinsamen Familiengeschichte. Das Wertvollste für mich ist, dass wir heute wieder voneinander wissen, Kontakt zu unseren Verwandten haben und die Geschichte unserer Familie weiter erforschen können.

Diese Geschichte begann lange vor meiner Geburt – im Wolgagebiet – und führte über die Deportation, Sibirien und Kasachstan. Im Laufe der Zeit lebten verschiedene Zweige unserer Familie weit voneinander entfernt, unter anderem in Deutschland. Doch nach Jahrzehnten haben wir einander wiedergefunden. Und nun verbindet uns diese Geschichte, die uns einst durch Entfernung und Zeit auseinandergerissen hatte, wieder miteinander.

Veronika Librikht

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