Ein Tragjoch, eine Holztruhe, eine Suppenterrine, ein Paar Lapti und eine wattierte Arbeitsjacke: Auf den ersten Blick sind es gewöhnliche Alltagsgegenstände. Die mit ihnen verbundenen Geschichten führen jedoch zurück in eine Zeit, in der deutsche Familien in der Sowjetunion ihre angestammte Heimat verloren und unter Zwang neue Lebensorte beziehen mussten.

Manche der Dinge wurden auf der Flucht oder während der Deportation mitgenommen, wieder andere halfen ihren Besitzern, unter den schwierigen Bedingungen zu überleben. Über Jahrzehnte hinweg wurden sie aufbewahrt und an die Jüngeren weitergegeben.

Das Virtuelle Museum der Deutschen Kasachstans Wiedergeburt.asia bewahrt solche materiellen Zeugnisse. Sie erzählen Geschichte nicht aus der Perspektive von Verordnungen und Statistiken, sondern anhand dessen, was Menschen in ihrem Alltag besaßen, benutzten und bewahrten.

Ein Tragjoch für zwei schwere Koffer

Das Koromyslo – ein traditionelles Tragjoch – wurde in den 1930er Jahren von Heinrich Moor aus Weidenholz gefertigt. Einige Jahre später wurde es für seine Tochter Anna zu einem wichtigen Begleiter.

Im September 1941 wurde Anna Heinrichowna Moor gemeinsam mit ihren drei Kindern im Alter von fünf, sieben und acht Jahren aus der ASSR der Wolgadeutschen deportiert. Für die Reise hatte sie zwei Sperrholzkoffer mit Lebensmitteln und persönlichen Dingen gepackt. Die Koffer waren so schwer, dass sie sie kaum tragen konnte. Deshalb nahm sie das von ihrem Vater gefertigte Tragjoch mit.

Das Koromyslo erwies sich auch während der Deportation als nützlich. Die Familie lebte zunächst in Nekrassowka im Bezirk Denissowski, später in Dschetygara. Nach Angaben des Museums konnte Anna Moor ihre drei Kinder durch unermüdliche Arbeit und liebevolle Fürsorge vor dem Hungertod bewahren.

Das unscheinbare Holzobjekt ist somit ein Gegenstand, der seinen Besitzerinnen und Besitzern aus dem früheren Alltag in eine völlig veränderte Lebenssituation folgte. Was einst vom Großvater für die Erleichterung der Arbeit im Haushalt gefertigt worden war, wurde zum langjährigen praktischen Hilfsmittel einer Mutter, die mit drei kleinen Kindern ums Überleben kämpfte.

Eine Truhe aus der Wolgaregion

Auch die Holztruhe der Familie Schmiss-Derksen wurde zum Begleiter auf dem Weg nach Kasachstan.

Die Truhe stammt aus dem Dorf Werchneje Ovilowo in der Wolgaregion und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gefertigt. Während der Deportation 1941 brachte die Familie M. J. Schmiss-Derksen sie in das Gebiet Semipalatinsk.

Auf der Innenseite des Deckels befinden sich Papieretiketten, auf der Vorderseite eine Zeichnung, bei der es sich vermutlich um ein Wappen handelt. Was die Familie einst in der Truhe aufbewahrte, ist nicht überliefert. Doch die Truhe selbst überstand den erzwungenen Ortswechsel.

Heute befindet sie sich im deutschen Museumseck im Haus der Freundschaft im Dorf Borodulicha im Gebiet Ostkasachstan.
Eine Truhe ist eigentlich dazu bestimmt, Dinge aufzubewahren. In diesem Fall wurde sie selbst zu einem bewahrten Gegenstand – zu einem materiellen Zeugnis dafür, dass eine Familie ihre alte Lebenswelt verlassen musste und dennoch einen Teil davon mitnahm.

Eine kleine Suppenterrine als ein Stück Heimat

Eine kleine Suppenterrine aus Keramik führt zu einer anderen Familiengeschichte. Sie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland hergestellt und gehörte Maria Ignatjewna Weinbender, geborene Grünwald, Jahrgang 1890.

Maria Weinbender brachte die Terrine aus Fulda im heutigen Hessen mit. Während der Deportationszeit nahm sie den Haushaltsgegenstand mit. Später wurde er innerhalb der Familie weitergegeben.

Heute befindet sich die Terrine bei Olga Krasilnikowa, geborene Freiberg, in Ust-Kamenogorsk. Sie erhielt sie von ihrer Schwiegertochter Maria Freiberg, die sie wiederum von ihrer Großmutter Maria Weinbender geerbt hatte.

 

Damit wanderte die Terrine über drei Generationen von Frauenhand zu Frauenhand. In der Familie erhielt sie sogar einen liebevollen Namen: „Supnägeldja“. Die genaue Herkunft dieser Bezeichnung ist nicht mehr eindeutig bekannt.

Für ihre heutige Besitzerin ist die Terrine längst mehr als ein Haushaltsgegenstand. Sie steht für viele Erinnerungen an die Familie und insbesondere für die Verbindung zu einer Generation, deren Leben durch Deportation und Umsiedlung geprägt wurde.

 

Lapti für einen deutschen Jungen

Auch ein Paar Kinder-Lapti (Bastenschuhe) erzählt von den Lebensbedingungen während der Deportation.

Der neunjährige Robert Riedel wurde 1941 gemeinsam mit seinen Eltern aus Engels nach Sibirien deportiert. Im Sommer 1942 wurde er in einem Kolchos als Helfer seiner Mutter eingesetzt. Sie mussten Schweine auf freier Weide hüten. Robert lief wie viele Kinder im Dorf barfuß. Auf den gemähten Wiesen verletzte er sich immer wieder an den scharfen Enden des Grases. Seine Mutter bat deshalb einen Mann namens Gann, ihrem Sohn ein Paar Lapti zu flechten.

Gann war ein aus Belarus stammender Deportierter, der sich auf verschiedene Handarbeiten verstand. Er flocht Körbe und Behälter aus Naturmaterialien und stellte für sich selbst Lapti aus gereinigter Weidenrinde her. Für Robert fertigte er ebenfalls ein Paar an. Die leichten Schuhe ermöglichten dem Jungen, seine Arbeit fortzusetzen, ohne sich ständig die Füße zu verletzen.

Die Geschichte, die Robert Riedel später in seinen Erinnerungen festhielt, zeigt neben den Entbehrungen auch eine andere Seite des Lebens unter den Bedingungen der Deportation: Menschen, die selbst alles verloren hatten, halfen anderen mit dem, was sie konnten.

342 Flicken auf einer Fufajka

Eine Fufajka – auch Wattnik oder Telogreika genannt – war eine wattierte Arbeitsjacke, die sowohl von Männern als auch von Frauen getragen wurde. Für die Angehörigen der Trudarmee war warme Kleidung unter den Bedingungen der schweren Arbeit und des kalten Klimas besonders wichtig.

Der deutsche Schriftsteller Reinhold Schulz erzählt in seiner Geschichte „Fufajka“ vom Schicksal des 16-jährigen Alexander Boos. Der Wolgadeutsche wurde 1941 gemeinsam mit seiner Familie in die Republik Komi deportiert. Dort arbeitete er insgesamt 17 Jahre, von 1941 bis 1958.

Seine Fufajka wurde dabei zu einem ständigen Begleiter. Sie schützte ihn bei der Arbeit vor der Kälte, diente aber auch als Kissen oder Decke. Bei der Arbeit und bei Unfällen wurde sie beschädigt und immer wieder geflickt.

Mit der Zeit wurde die Jacke schwer, abgetragen und von zahlreichen Flicken bedeckt. Als sich die Lebensbedingungen etwas verbesserten und Boos sich eine neue Fufajka kaufen konnte, nahm er die alte noch einmal zur Hand. Er trennte die Flicken ab und zählte sie. Es waren 342.

Die Zahl stammt aus Reinhold Schulz’ literarischer Darstellung und macht die Fufajka zu einem eindringlichen Bild für die Jahre in der Trudarmee. Jeder Flicken steht sinnbildlich für eine Beschädigung, eine Reparatur und das Weiterleben unter Bedingungen, unter denen selbst ein Kleidungsstück möglichst lange halten musste.

Wenn Alltagsgegenstände zu Zeitzeugen werden

Die fünf vorgenannten Exponate erzählen sehr unterschiedliche Geschichten. Das Tragjoch steht für eine Mutter, die mit ihren drei kleinen Kindern deportiert wurde. Die Truhe erinnert an das, was eine Familie aus ihrer früheren Heimat mitnahm. Die Suppenterrine bewahrt eine Verbindung über mehrere Generationen. Die Lapti erzählen von gegenseitiger Hilfe unter Deportierten. Und die Fufajka steht für die jahrelange Arbeit und Entbehrung in der Trudarmee.

Gemeinsam machen diese Gegenstände deutlich, wie eng die großen historischen Ereignisse mit dem Alltag der von ihnen Betroffenen verbunden waren. Deportation bedeutete nicht nur den Verlust des Wohnortes. Sie veränderte auch, was Menschen besaßen, was sie mitnehmen konnten und welche Bedeutung alltägliche Dinge bekamen.

Heute sind diese Gegenstände selbst zu Zeitzeugen geworden. Sie erinnern an Menschen und Familien, deren Lebenswege durch Deportation und Zwangsarbeit geprägt wurden – und auch daran, was sie trotz aller widrigen Umstände bewahren konnten.

Annabel Rosin

Teilen mit:

Hinterlasse eine Antwort

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein