„Ich weiß eigentlich total wenig über meine Familiengeschichte”, stellte die Russlanddeutsche Juliane Lipp mit dem Älterwerden fest. Auch ihre Eltern und Großeltern konnten ihr nur wenig über die Vergangenheit der Familie erzählen – oder machten es schlicht nicht. So wuchs bei Lipp der Wunsch, sich damit näher auseinanderzusetzen. Und er wurde schließlich zum Ausgangspunkt für „Jolki-Palki!“, ein Magazin über russlanddeutsche Identität, Kultur und Geschichte.
„Jolki-Palki!” (russisch Ёлки палки!, wörtlich „Tannenbaum-Stöcke“) ist ein russischer Ausruf der Überraschung oder Verwunderung. Deutsche Äquivalente wären in etwa „Ach du meine Güte!” oder das heute eher selten verwendete „Heiliger Bimbam!”. Genau das fasse aber die Gedanken ganz gut zusammen, die beim Nachdenken über russlanddeutsche Themen häufig aufkommen, findet Lipp und benennt ihr Projekt danach. Das 168-seitige Magazin entstand 2021 im Rahmen ihres Masterstudiums mit viel Arbeit und Herzblut. Im vergangenen Jahr brachte sie es schließlich per Crowdfunding in limitierter Auflage heraus.

Deportation wiegt schwer
Das Thema der Deportation wiegt in der Geschichte vieler Russlanddeutscher schwer – auch in Lipps eigener Familie. In „Jolki-Palki!” gibt sie ihm deshalb bewusst Raum.
Ihre beiden Eltern sind russlanddeutscher Herkunft: Der Vater wurde im kasachischen Karaganda geboren, die Mutter in Usbekistan. Beide Großmütter kommen aus dem Schwarzmeergebiet nahe Odessa.
„Die haben dann quasi diese Geschichte in typischer Form mitgemacht”, erzählt die heute 32-Jährige: Sie wurden aus ihrer Heimat ausgesiedelt, kamen zunächst auf das Gebiet des heutigen Polens, wurden aber dann nach Sibirien deportiert und landeten schließlich in Kasachstan und Usbekistan. 1989 kam die Familie nach Deutschland. Lipp selbst wurde in Osnabrück geboren.
Die Geschichte der Deportation aufzuarbeiten, bedeutete für sie zunächst auch, die historischen Zusammenhänge selbst zu verstehen. Im historischen Teil von „Jolki-Palki!“ findet sich deshalb unter anderem ein ausklappbarer Zeitstrahl. Er soll helfen, zeitliche Abläufe und Chronologien aufzuschlüsseln, die sie bei ihrer eigenen Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte zunächst nur schwer einordnen konnte.

Der Zeitstrahl fand auch über das Magazin hinaus Verwendung: Bei einem „Gesprächsabend zu Deportationen und Erinnerung“ im Juli 2026 wurde er großformatig aufgezogen und an der Wand präsentiert.
Im Austausch mit anderen merkte Lipp schnell: Mit dem Wunsch, mehr über die Familiengeschichte zu erfahren, war sie nicht allein. Immer wieder hörte sie von anderen Russlanddeutschen ihrer Generation: „Ja, irgendwie weiß ich auch gar nicht so viel, in meiner Familie reden wir auch gar nicht darüber.”
Lipp beobachtet, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Familie in ihrer Generation zunimmt – nicht zuletzt, weil auch öffentlich mehr darüber gesprochen wird. Doch auch bei der Großelterngeneration vermutet sie einen Wandel: „Meine Oma zum Beispiel, da merkt man auch schon, sie wird auch älter und ich glaube, es wächst auch bei ihr das Bedürfnis, sich darüber mitzuteilen.”
Auch sie selbst lässt diese Vergangenheit nicht unberührt. „Der Teil der Geschichte mit der Deportation wiegt schon sehr schwer in meiner Seele“, sagt die Wahl-Karlsruherin. Jedes Mal, wenn sie die Biografie ihrer Urgroßmutter im Magazin lese, müsse sie weinen. Diese schrieb 1992 ihre schicksalhafte Lebensgeschichte nieder.
„Im März 1944 wären wir ausgesiedelt von unserer Heimat. Wir nehmen mit uns nur das was wir nötig brauchen. Es war schwer mit vier Kindern. Der Weg war lang, er dauert drei Monate”, heißt es mitunter. An späterer Stelle: „Endlich kommen wir an in Sibirien, Gebiet Altai. Es war weit und breit, nur Wald, und da müssen wir arbeiten. Es war schon Oktober Monat, aber wir haben kein Essen und keine warme Kleidungen. Die Kleidung was wir noch haben aus Polen, haben wir umgetauscht für etwas zum essen.”
„Ich habe das Gefühl, das macht extrem viel mit mir und ich kann mir vorstellen, dass das anderen auch so geht, dass da etwas ist, was total tief in einem verankert ist, dass so ein Trauma auch über Generationen etwas hinterlässt”, beschreibt Lipp. Mögliche Folgen sieht sie auch in bestimmten Verhaltensweisen. So beobachtet sie bei vielen Russlanddeutschen eine gewisse „falsche Bescheidenheit“, ein Sich-Kleinmachen und Verstecken und führt dies unter anderem auf jene Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen zurück – auch noch viele Jahre nach der Deportation.

Auf den Spuren der Vergangenheit
In diesem Jahr wird aus der Beschäftigung mit der Familiengeschichte auch eine physische Spurensuche. Im September reist die Familie gemeinsam nach Kasachstan und Usbekistan — zum ersten Mal, seit sie 1989 nach Deutschland kamen. Dort wollen sie schauen, was von der Familiengeschichte noch zu finden ist: das Grab ihres Großvaters, nach Spuren deutscher Siedlungen, Friedhöfe oder Schulen – und zugleich die Länder erleben.
Es war ihre eigene Initiative, die Sehnsucht war groß. Ihre Eltern hingegen wollten zunächst gar nicht mit: „Die fanden das jetzt nicht so leicht, sich damit nochmal so zu konfrontieren.“
Auch für „Jolki-Palki!“ stellte sich die Frage, wie sich mit diesem sensiblen Teil der Vergangenheit umgehen lässt. Der Grafikdesignerin ist es wichtig, diesen dunklen Teil der Vergangenheit nicht herunterzuspielen und ihm jenen Raum zu geben, den er verdient. Gleichzeitig will sie nicht daran hängen bleiben. Denn: „Es ist auf jeden Fall nicht das Einzige, was Russlanddeutsche ausmacht, es gibt auch viel Schönes, viel Lustiges, viel Tolles, worüber man sprechen kann”, betont Lipp – und tut genau das. „Top Fünf russlanddeutsche Lieblingsgetränke“ heißt es beispielsweise auf einer Seite, auf einer anderen findet sich eine Bilderstrecke aus einem russischen Supermarkt.
Damit scheint sie einen Nerv zu treffen: Das Interesse sei geradezu überwältigend gewesen. Auch jetzt, wo keine Ausgaben mehr zum Verkauf stehen, werde noch regelmäßig danach gefragt. Dabei gebe es durchaus andere Angebote, auch wissenschaftliche. Mit „Jolki-Palki!“ ist ihr vielleicht das gelungen, wonach viele Suchen: Der Balanceakt zwischen Leichtem und Schwerem, zwischen Entertainment und Wissensvermittlung.























