Mit dem Stück „Das Purpursegel“ bringt das Deutsche Theater in Almaty einen Klassiker der russischen Literatur auf die Bühne – auf Deutsch, mit russischer Simultanübersetzung und mit Tanz, Musik, Humor und märchenhafter Atmosphäre.

Das Licht geht aus. Es wird ruhig im Saal des Nemetski-Theaters in Almaty. Kurz ist es stockfinster, dann erleuchten blaue Scheinwerfer. Es erklingen Meeresrauschen und Vogelzwitschern. Auf dem Boden liegen Muscheln, Holzkisten – und ein Mann. Tot?

Es ist Freitag, der 11. September. Das deutsche Theater in Almaty ist gut gefüllt. Auf dem Programm steht die Premiere des Stückes „Das Purpursegel”, eine Adaption des gleichnamigen Romans des Schriftstellers Alexander Grin. Es ist eine romantische und märchenhafte Erzählung und zugleich ein Klassiker der russischen Literatur.

Im Saal des in einem Randbezirk Almatys gelegenen Schauspielhauses greifen einige der rund 140 Zuschauerinnen und Zuschauer zu den Kopfhörern, die bis dahin über den Lehnen der ausladenden Sessel hingen. Die Vorstellung findet auf Deutsch statt, wird aber simultan für den russischsprachigen Teil des Publikums ins Russische übersetzt.

Die Blicke richten sich gebannt auf die Bühne, auf der die junge Assol ihren totgeglaubten Vater in die Arme schließt. Sie kann ihr Glück kaum fassen. Assols Mutter ist bereits verstorben, sie und ihr Vater leben in ärmlichen Verhältnissen.

Die Prophezeiung

Doch trotz der schwierigen Lebensumstände gibt es für Assol einen Hoffnungsschimmer. Eines Tages erhält sie von einem Zauberer eine Prophezeiung. „Wenn du erwachsen bist, wird dich ein Schiff mit purpurrotem Segel abholen, Assol”, hatte er ihr gesagt und daran hielt sie fest – trotz des Hohns der anderen Dorfbewohner.

Parallel zu Assols Geschichte entwickelt sich ein zweiter Erzählstrang: Gray, der Sohn einer wohlhabenden Familie, träumt von einem eigenen Schiff. Und tatsächlich zieht er gemeinsam mit einem Begleiter los – die beiden sind ein unterhaltsames Duo. Noch wissen Gray und Assol nichts voneinander, doch ihre Wege werden sich schon bald kreuzen. Es ist eine Geschichte von Liebe, Hoffnung und dem Glauben daran, dass sich Träume erfüllen können.

„Das Purpursegel” ist ein Theaterstück für die ganze Familie. Neben dem Zauberer sorgen auch singende Muscheln für eine magische Atmosphäre. Seefahrts-Flair gibt es ebenfalls, und in der Kneipe geht es schon mal drunter und drüber: Es wird ausgiebig getanzt, es knallen die Humpen auf die Tische und die Betrunkenen fallen neben die Stühle.

Die temperamentvolle Darbietung der Schauspielerinnen und Schauspieler wird von Tanz und Gesang unterstrichen. Auch humorvolle Elemente kommen nicht zu kurz – dem Publikum wird mehr als einmal ein herzliches Lachen entlockt. Auch die Kostüme sind durchdacht: Die Frauen tragen lange, weite Röcke und dunklen Lippenstift und Knietattoos, an anderer Stelle sorgen Gummistiefel oder ein Fächer für auffällige Details.

Ein Roman von Alexander Grin

Grins Roman ist im russischsprachigen Raum von großer kultureller Bedeutung.

Unter anderem inspirierte er das jährlich in der zweiten Junihälfte stattfindende Festival der „Purpurroten Segel” (Алые паруса) in St. Petersburg – ein kulturelles Ereignis, das tausende von Menschen anzieht und die magische Geschichte des Romans aufgreift.

Die Idee, ausgerechnet dieses Stück umzusetzen, kam der Regisseurin Dubs während ihrer Arbeit. „Ich arbeite auch als Theaterpädagogin“, erzählt sie. Dadurch komme sie häufig zu neuen Inspirationen. So auch in diesem Fall: „Bei einem Schüler, den ich das erste Mal gesehen habe, dachte ich mir gleich: ‚Das ist Gray.‘ “ Dubs ist seit 2014 künstlerische Leiterin des Deutschen Theaters in Almaty.

Nach rund 90 Minuten endet „Das Purpursegel”. Mit einem „Jetzt werde ich sie lehren in Frieden zu leben” verabschiedet sich der Zauberer von der Bühne. Ein Satz, der angesichts der Weltlage besonders nachhallt. Es gibt tosenden Applaus, Standing-Ovations und – wie es sich für eine Premiere gehört – jede Menge Blumen.

Im November wird „Das Purpursegel” an zwei weiteren Terminen im Deutschen Theater aufgeführt. Aber auch darüber hinaus steht am Theater einiges an. Am 20. September fand die Premiere von Shakespeare’s berühmten „Sommernachtstraums” statt.

Line Brümmer

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