Ein Modell, das sich bewährt hat

Darchan Mynbai während der diesjährigen deutsch-kasachstanischen Bildungskonferenz in Astana.
Darchan Mynbai während der diesjährigen deutsch-kasachstanischen Bildungskonferenz in Astana. | Bild: Andrej Pachevskiy

Die Volksversammlung Kasachstans wurde vor 22 Jahren gegründet. Hinter dieser Institution steht die Idee der interethnischen Harmonisierung. Auf einigen wichtigen politischen Etappen der jungen Republik Kasachstan waren die Prinzipien und Strategien der Volksversammlung entscheidend. Die Idee der gesellschaftlichen Einheit und Vielfalt haben ihre Effektivität mehrfach unter Beweis stellen können, indem sie die gesellschaftliche Stabilität und schrittweise Entwicklung garantierten. Über neue Ziele der Volksversammlung Kasachstans, die vom Präsidenten im Rahmen der diesjährigen 25. Jubiläumssitzung geäußert wurden, sprach die DAZ mit Darchan Mynbai. Der stellvertretende Vorsitzende der Volksversammlung wurde vor einigen Monaten neu ins Amt gewählt.

Darchan Kamsabekowitsch, was ist Ihrer Meinung nach das Einzigartige am kasachischen Modell der sozialen Eintracht und des nationalen Zusammenhalts?
Zu Beginn unserer Unabhängigkeit bestimmte unser Staatsoberhaupt den Kern dieses Modells: Gleichberechtigung und Freiheit des Individuums ohne Ausschluss bestimmter Ethnien. Dies konnte eine Politisierung der Frage über die zwischenethnischen Beziehungen und den sozialen Zusammenhalt Kasachstans verhindern.
In vielen Ländern Europas und der Welt wird der Rechtsstatus von Ethnien durch Institute nationaler Minderheiten sowie durch den Absolutheitsanspruch der individuellen Menschenrechte gewährleistet. Kasachstan hingegen verzichtet auf ein derartiges System, das unserer Meinung nach das Volk in Mehrheiten und Minderheiten teilt.
Unsere Verfassung beginnt mit den Worten „Wir sind das Volk Kasachstans“, welche die Grundlage bilden für das Prinzip der Gleichheit aller Bürger und Bürgerinnen auf politisch-rechtlicher und gesellschaftlicher Ebene unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Eine Schlüsselrolle spielten dabei schon zu Beginn zwei Faktoren: die vorbildliche Mentalität des kasachischen Volkes und der Wille des Präsidenten.
Die Gründung der Volksversammlung und die Berücksichtigung aller ethnokulturellen Gemeinschaften wurden zu einer gesellschaftlichen Basis für die Interessenswahrung aller ethnischen Gruppen.
In der heutigen Gesellschaft haben sich die Prinzipien des kasachischen Modells der sozialen Eintracht und des nationalen Zusammenhalts bewährt, die, wie unser Präsident mehrmals betonte, unsere multiethnische Landschaft in einen strategischen Vorteil verwandelten:
Erstens: Unerschütterliche Unabhängigkeit und Verantwortung der Gesellschaft.
Zweitens: Gleichberechtigung vor dem Gesetz – „unterschiedliche Herkunft – gleiche Möglichkeiten“.
Drittens: Einheit des Volkes – „Ein Land – ein Schicksal“.
Viertens: Ethnische, religiöse, kulturelle und sprachliche Vielfalt – „Einheit in der Vielfältigkeit“.
Fünftens: Schaffung von Bedingungen für die Förderung von Kultur, Sprachen und Traditionen aller Ethnien.
Als der ehemalige Generalsekretär der UNO Ban Ki-moon sich näher mit der Arbeit der kasachstanischen Volksversammlung beschäftigte, stellte er fest, dass die Prinzipien unseres Modells völlig mit den Prinzipien der UNO übereinstimmen.

In der 25. Jubiläumssitzung betonte Präsident Nursultan Nasarbajew die Modernisierung Kasachstans. Welche Rolle spielt die kasachstanische Volksversammlung und die ethnokulturellen Gemeinschaften der Republik in diesem Prozess?
Heute haben wir alle ein Hauptziel – ein öffentliches Bewusstsein zu schaffen, das sich den Herausforderungen der Modernisierung stellen kann, also dem gemeinsamen Wachsen und dem Fortschritt.
Ich denke, dass es für niemanden ein Geheimnis ist, dass die Modernisierung im menschlichen Bewusstsein der schwierigste Prozess ist. Daher müssen in diesen Prozess viele Faktoren miteinbezogen werden, aber in erster Linie die öffentliche Meinung – und diese repräsentiert die Volksversammlung Kasachstans sowie die ethnokulturellen Gemeinschaften.
Das Staatsoberhaupt hat der Volksversammlung Kasachstans bei ihrer 25. Jubiläumssitzung klare Ziele gesetzt. Darunter auch deren Teilnahme an Projekten der Förderung des öffentlichen Bewusstseins in allen Regionen des Landes sowie von Identität, Eintracht und Zusammenhalt.
Dafür müssen neue Richtungen in den Aktivitäten der Volksversammlung bestimmt werden, so das Vorgehen gegen religiösen Extremismus und die Förderung des sozialen Bewusstseins sowie die Gewährleistung der Transparenz der Versammlung und die Stärkung ihrer Mediationsfunktion.
In vielerlei Hinsicht wird die Effizienz der Tätigkeiten der Versammlung heute von der informativen Berichterstattung bestimmt. Daher gab der Präsident die Gründung des vielseitigen Multimedia-Portals der kasachischen Volksversammlung in Auftrag, das als Förderungsinstrument für eine Friedenspolitik und die Eintracht im Land fungieren soll. Es gibt Pläne, im Rahmen dieses Portals eine spezielle Abteilung zu gründen, von der jegliches Informationsmaterial veröffentlicht wird, das das Zusammenleben der ethnokulturellen Gemeinschaften betrifft.
Außerdem wird gerade auf Beschluss der Versammlung in Zusammenarbeit mit den Bildungs- und Wissenschaftsministerien die interaktive historische Karte „Das Volk Kasachstans“ ausgearbeitet, die anschaulich und detailliert den Prozess der Konsolidierung der Ethnien in Kasachstan aufzeigen soll. Wir laden alle ethnokulturellen Gemeinschaften herzlich dazu ein, an diesem Projekt mitzuarbeiten. Die Karte soll anlässlich des Tages der Dankbarkeit präsentiert werden.

Wie können die ethnokulturellen Gemeinschaften einen Beitrag zur Verwirklichung von Projekten im Bereich der Bewusstseinsförderung leisten?
Die Volksversammlung Kasachstans und die ethnokulturellen Gemeinschaften müssen ihr vorhandenes Potenzial dazu nützen, um Veranstaltungen im Rahmen der sechs laufenden Projekte der Bewusstseinsförderung zu organisieren.
Im Programm «Туған жер» soll unser Beitrag darin bestehen, die Museumsräume der Volksversammlung zur ethnischen Vielfalt Kasachstans zu unterstützen, die im Nationalmuseum sowie in Regionalmuseen eröffnet wurden. Dabei wollen wir Sammlungen ergänzen, finanzielle Unterstützung leisten sowie Themenausstellungen organisieren.
Die Volksversammlung will auch im Land erfolgreiche und bekannte Persönlichkeiten in die Projekte einbeziehen. Daneben soll auch ein weiteres Projekt lanciert werden, das sich mit den im Ausland lebenden Bürgern und Bürgerinnen beschäftigt.
Ein anderes wertvolles Projekt, das aus einer Idee des Präsidenten entstand, ist die „Die sakrale Geografie Kasachstans“. Es dient der Bewahrung unserer Heiligtümer und „Geheiligen Stätten“ sowie der Entwicklung der Tourismusinfrastruktur im Land. Wir haben unzählige historische Orte, auf die wir stolz sein können und die es sich lohnen, hergezeigt zu werden.
Der Beitrag vonseiten der ethnokulturellen Gemeinschaften könnte darin bestehen, Exkursionen für unsere ausländischen Partner zu organisieren. Das Projekt „Die heutige Kultur Kasachstans in der globalen Welt“ soll andere Länder mit unseren größten Kunst- und Literaturschätzen bekanntmachen.
Wir müssen bei der Förderung der kulturellen nationalen Werte mitwirken. Die ethnokulturellen Gemeinschaften, die in aufrechtem Kontakt mit ihren Herkunftsländern stehen, können dabei besondere Unterstützung leisten.
Die Versammlung soll ihren Beitrag bei der Verwirklichung des Projekts „Neues humanitäres Wissen. 1000 neue Lehrbücher in kasachischer Sprache“ leisten, das es sich zum Ziel gesetzt hat, die jungen Menschen auf die technologischen Veränderungen vorzubereiten, damit sie Gegenwart und Zukunft besser verstehen, und leistungsfähig werden bzw. von den Erfahrungen und dem Wissen anderer lernen. Besonders eingehen möchte ich in diesem Zusammenhang auf das Projekt „100 neue Gesichter Kasachstans“. Wie der Präsident bereits betonte, steht das Projekt in direkter Beziehung zur Volksversammlung.
Es dient dazu, Verhaltensmodelle im öffentlichen Bewusstsein zu bestätigen, die durch für die Gemeinschaft wertvolle Leistungen an persönlichem Erfolg orientiert sind. Dabei sollen verschiedene bewegende reale Lebensgeschichten von Mitbürgern und Mitbürgerinnen erzählt werden. Als Hauptkriterium für die Aufnahme in die Liste der 100 neuen Gesichter gilt ihr Beitrag zur Entwicklung des Landes. Viele Mitglieder in ethnokulturellen Gemeinschaften sind am Wohlergehen des Landes aktiv beteiligt. Wir werden die Kandidaten und Kandidatinnen beurteilen und die interessantesten von ihnen auswählen.

Die „100 neuen Gesichter Kasachstans“ ist ein ehrgeiziges Projekt. Wer könnte Ihrer Meinung nach die Ehre verdient haben, zu den ersten zehn von ihnen zu gehören?
In erster Linie müssen dies Menschen sein, die das heutige Kasachstan repräsentieren, seinen Erfolg und seine moralischen Werte. Es sollten Bürger und Bürgerinnen sein, die in verschiedenen Bereichen etwas geleistet haben und die als ein Vorbild fungieren können.
Konkrete Namen werden von der Arbeitsgruppe genannt, die sich um das Auswahlverfahren kümmert.
Das Ergebnis dieser Auswahl werden neue Namen sein, deren Erfolgsgeschichte mit der Zeit nach der Ausrufung der Unabhängigkeit verbunden und ist somit eine Antwort auf die Herausforderungen der Zeit ohne die Vernachlässigung der Tradition sein.
Die Jugend soll Vorbilder in einfachen Menschen sehen, womöglich in jemandem, der in der Nähe lebt und arbeitet, in derselben Stadt oder im selben Dorf. Das Internet und die Digitalisierung bieten unendlich viele neue Möglichkeiten, um sich auf die Suche nach den neuen Helden unserer Zeit zu begeben.

Das Interview führte Olessja Klimenko