Das größte zentralasiatische Filmfestival geht in seiner zwölften Edition zurück zum kostenlosen, publikumsfreundlichen Format und bemüht sich auf der Plattform „Eurasia Spotlight“ um das internationale Image der kasachischen Filmbranche.

Mit dem heutigen Abschluss des Internationalen Eurasischen Filmfestivals geht die zwölfte Ausgabe des größten kasachischen Filmevents zu Ende. In diesem Jahr widmete man sich dem urbanen Raum und der kasachischen Filmindustrie. An über 20 Orten der Stadt können sich Festivalbesucher mehr als 100 Filme anschauen. Nach dem Experiment mit den kostenpflichtigen Filmvorführungen letztes Jahr, freuten sich Filmfans wieder über freien Eintritt an allen Spielorten.

Eine weitere wichtige Neuerung ist die Einführung eines Kurzfilmwettbewerbs. Darüber freut sich Kinoexpertin Birgit Beumers besonders. Kurzfilme seien unheimlich wichtig für junge Filmemacher, „hier kann man junges Potential entdecken und entwickeln.“ Besonders in Kirgisistan hätte man das früh verstanden und könne durch gezielte Kurzfilmförderung bereits solide Erfolge verzeichnen.

Birgit Beumers ist Filmkritikerin und als Filmexpertin für sowjetisches, russisches und zentralasiatisches Kino langjähriger Stammgast bei Eurasia. Seit 1998 war sie bei elf von zwölf Ausgaben unter verschiedenen Direktoren, Leitungen, Organisationen dabei.

Wenn es 1998 noch ein einzigartiger regionaler Event war, der alle zentralasiatischen Länder vereinte, ging es sieben Jahre später mit dem jetzigen Modell des Festivals weiter. Heute ist es ein internationales Festival, das neben internationalem Weltkino, das regionale Filmsegment präsentieren will. „Zentralasiatisches Kino ist international immer noch nicht so weit verbreitet und ich freue mich, dass sich das nach und nach ändert.“, so Beumers.

Verbesserungswürdig findet sie die Auftragsvergabe für das Festival. Dies passiert immer auf einjähriger Basis. Mit der alljährlichen Antragsprozedur bliebe zur Organisation eines sehr umfangreichen Festivalprogramms leider viel zu wenig Zeit. „Eine Auftragsvergabe auf drei Jahre fände ich da sinnvoller.“

Als das „Herzstück des Festivals“ bezeichnet Raschid Nugmanow, der Direktor des Festivals, die festivaleigene Businessplattform in seiner Eröffnungsrede. „Eurasia Spotlight“ feiert ihr fünfjähriges Bestehen. Neben Rundtischen, Präsentationen, Panels und Workshops ist eines der wichtigsten Ereignisse hier das Pitching neuer Filmprojekte vor einer internationalen Expertenrunde. Dieses Programm dient nicht nur der Weiterbildung der Teilnehmer und dem Austausch der Profis, sondern auch als Indikator für den aktuellen Zustand und die Trends der kasachischen Kinobranche.

Stimme der kasachischen Filmindustrie

Als Filmproduzentin, war es für die Direktorin der Plattform Anna Katchko wichtig eine Filmmarkt-orientierte Plattform aufzubauen.Mit ihrem Antritt bei Eurasia im Jahr 2008 gab es kaum internationale Marktthemen oder –Kontakte für kasachstanische Filmemacher, die sie international gefördert oder vernetzt hätten. Nachdem sie bereits die Plattform „Moscow Business Square“ auf dem internationalen Filmfestival in Moskau erfolgreich begründet hatte, sollte auch in Kasachstan ein ähnliches Format eingeführt werden. Dabei zeigte sich besonders der Staatsmonopolist „Kazakhfilm“ (größte staatlich geförderte Filmproduktionsgesellschaft des Landes) im ersten Jahr sehr großzügig, und die Gewinnerprojekte bekamen tatsächlich Produktionsförderung. Später fielen die Prämien moderater aus, doch die Plattform bewahrheitete sich weiterhin als Entdeckungsbühne für Projekte, die internationalen Erfolg ernteten.

Die Ziele könnten nicht höher gesteckt sein, sie ähneln denen auf Filmmärkten großer Filmfestivals. Man will Businesskontakte pflegen, die kasachische Filmindustrie promoten und in die internationale Community der Filmindustrie integrieren sowie Wissen um Bildungs– und Förderprogramme und Residencies für Nachwuchstalente weitergeben. „Viele der hier eingeladenen Experten durchleben eine intensive Zeit bei Eurasia und lernen das Festival und Kasachstan kennen und werden Freunde des Landes.“ Sowohl das externe Fachpublikum nehme dabei etwas mit, als auch die einheimischen Talente, die sich daraufhin besser in der internationalen Filmwelt zurechtfänden.

Gleichzeitig geht es auch um potentielle Koproduktionen für neue vielversprechende Projekte. Neben Filmexperten und Vertretern der Industrie sind vor allem auch Studenten der großen Filmfakultäten Kasachstans Gäste der Plattform. Stehen sie und andere junge Filmschaffende doch im Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn es um die Zukunft des nationalen Kinos geht. Es dreht sich um die Entdeckung neuer Talente. Denn besonders rühmt sich die Plattform der Förderung des kasachischen Arthouse-Films. Im ersten Jahr gewannen gleich drei vielversprechende Projekte, darunter „Harmony Lessons“ (Emir Baigazin), „The Owners“ (Adilkhan Yerzhanov). Es sollten weitere folgen, so „Priklyuchenie“ (Nariman Turebaev), „Walnut Tree“ (Yerlan Nurmukhambetov). „Fast alle Filme aus Kasachstan, die internationales Echo auf Filmfestivals erfuhren, sind auf unserer Plattform vorgestellt und gefördert worden“, so Anna Katchko.

Identität und demokratisches Denken

Giovanni Robbiano, Direktor der FAMU-Filmschule in Prag und Birgit Beumers, Filmkritikerin und Professorin, verleihen einen der drei Preise an ein junges Talent. | Foto: EIFF

Wie Kasachstan im Allgemeinen, so sieht auch Eurasia seine Aufgabe vor allem darin, friedensstiftend und integrativ zwischen verschiedenen Kulturen zu wirken. So ist zumindest das oft nach außen getragene Selbstbild des Landes. Dass der junge Staat trotz aller internen Harmoniebestrebungen auch vor vielen Problemen steht, wird vor allem gern in der Medien– und Kulturlandschaft thematisiert. Wenig verwunderlich also, dass sich auch viele der auf der Businessplattform für Kinonachwuchs „Eurasia Spotlight“ eingereichten Filmprojekte mit Identität auseinandersetzen. „In der historisch gewachsenen Multiethnizität und –kulturalität sehe ich die Besonderheit dieser Region.“, so Katchko.

Es werden vorrangig Arthouse-Projekte in das Pitching gewählt – Geschichten aus dem Alltag – die bei internationalen Filmfestivals gefragt sind. Es sind soziale Themen –
meist Dramen – die dominieren. Betrachtet man jedoch, die jährlich von „Kazakhfilm“ geförderten Filme, sind es meist Thriller, Komödien und Epen, die letztlich in die Kinos kommen. An dieser Stelle stellt sich auch Birgit Beumers die Frage, ob man nicht auch auf staatlicher Finanzierungsebene mehr „auf Experimente, Entwicklung neuer Themen, Filmsprachen und visueller Wege setzen sollte.“ Neben Mainstream soll demnach ein Schwerpunkt auf nonkonformistische neue künstlerisch wertvolle Filmideen gesetzt werden. „Alle Menschen durchlaufen eine nonkonformistische Lebensphase, wenn wir diese wegschneiden, würden wir nie lernen Situationen zu beurteilen und abzuwägen. Zu einer Demokratie gehört ein kritisches Urteil.“

Doku auf der Überholspur

Dieses Jahr ließ man für das Pitching neben Kurzfilm– und Spielfilmprojekten auch Dokumentarfilme zu. Dass ausgerechnet das einzige in die Endrunde geladene Dokumentarfilmprojekt „About life of Planets“ am Ende auch einen der Preise gewann, ist dem professionellen Pitching der Regisseurin Katja Suvorova zu verdanken. Katja hat bereits ihren ersten langen Dokumentarfilm abgeschlossen und auf dem Locarno Filmfestival 2016 präsentiert. Davor war sie bereits Teilnehmerin der Plattform Berlinale Talents. So lernen Nachwuchs-Filmemacher nicht nur von den angereisten Experten, sondern auch von ihren jungen Kollegen, die bereits erste Erfolge zu verzeichnen haben.

Zukünftige Branchentendenzen sieht Ilias Akhmet, der zweite Kopf hinter „Eurasia Spotlight“ in der Fusion der Medien Kino und Fernsehen. Trotz allgemeiner Landeskrise sehe man die Branchenplattform weiterhin als einen notwenigen Dialog, der alle Akteure vereint und nach außen trägt. „Wir sind der Satellit des Eurasia Festivals, es ist sehr wichtig real aufzuzeigen, was hinter jedem Film steht und welche Industrie und Arbeitsplätze dahinter stehen.“
In fünf Jahren hoffen Anna Katchko und ihr Kollege Ilias Akhmet auf weitere Entwicklungen, neue Namen sowie Erfolgsprojekte und auf eine intensivere Bildungsarbeit mit dem Zuschauer, von dem die Zukunft des Kinos abhängt: „Wir wünschen uns, dass die Leute hier wieder mehr Arthouse-Kino sehen wollen.“

Julia Boxler

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