Nach fünf Jahren verabschiedet sich die deutsche Botschafterin Monika Iwersen aus Kasachstan. Im Gespräch erzählt sie, was sie bewegt hat, was sie vermissen wird und welche Chancen sie für die Beziehungen beider Länder sieht.
Frau Iwersen, Sie waren seit 2021 Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland in Kasachstan. Mit welchen Erwartungen sind Sie hierher gekommen und wie hat sich Ihr Blick auf das Land verändert?
Ich war ja vor meiner Zeit in Kasachstan vier Jahre Botschafterin in Kirgisistan. Da schaut man natürlich auch schon mal ein bisschen über die Grenze mit halbem Auge, was dort passiert, und bildet sich eine Vorstellung.
Ich hatte eigentlich erwartet, in ein Land zu kommen, das über diese Jahre, die ich hier sein würde, relativ gesetzt sein würde – in seiner Verfassung, in seiner Politik und in seinen Strukturen. Also mit einer Regierung, aber eben auch noch mit bestimmten Befugnissen oder Privilegien für den ersten Präsidenten, Herrn Nasarbajew. Ich dachte, dass dies in etwa das System sein würde, in dem man dann auch als ausländische Botschafterin arbeitet.
Ich habe mich sehr darauf gefreut, weil ich wusste, dass die Offenheit gegenüber Deutschland sehr groß ist und dass man hier gut arbeiten kann. Ich hatte aber nicht erwartet, dass sich an den gegebenen Parametern etwas ändern würde.
Und dann hat sich doch gezeigt, dass in diesen fünf Jahren einiges in Bewegung gekommen ist.
Ihre Amtszeit fiel in eine geopolitisch sehr bewegte Zeit. Mit welchen Herausforderungen hatten Sie bei Ihrer Arbeit zu kämpfen?
Ich glaube, es begann schon wenige Monate, nachdem ich angekommen bin. Ich bin im September 2021 gekommen und dann hatten wir hier gerade in dieser Stadt, in Almaty, die Ereignisse im Januar 2022. Ich habe das damals aus Deutschland heraus erlebt, weil ich gerade im Urlaub war.
Man hat sich natürlich gefragt: Was bedeutet das jetzt für das Land? Wie wird sich Kasachstan zukünftig aufstellen? Ich muss sagen, ich war sehr beeindruckt davon, wie man im Nachhinein mit dieser Situation umgegangen ist. Es gab eben nicht den Fokus auf mehr Repression nach den Unruhen und der Gewalt, die es hier in Almaty gegeben hat, sondern relativ kurz danach wurde in der Rede des Präsidenten deutlich gemacht, dass sich Dinge verändern sollen, dass Reformen unternommen werden sollen und dass die Lebensverhältnisse der Menschen verbessert werden müssen, weil es dort ja auch große Unterschiede gab.
Für uns war es natürlich spannend zu sehen: Welche Veränderungen wird es geben? Welche Reformen kommen? Und wo können wir als Deutsche Botschaft mit unserer Erfahrung und unseren Institutionen unterstützen? Das war sicherlich eine sehr spannende Zeit.
Und dann kam im nächsten Monat der russische Angriff auf die Ukraine. Das war wirklich eine Herausforderung – nicht nur für Deutschland, sondern gerade auch für die Länder hier in der Region und Kasachstan als unseren politisch stärksten zentralasiatischen Partner natürlich ganz besonders.
Ich erinnere mich sehr gut daran, wie wir damals gemeinsam mit anderen europäischen Ländern sehr häufig den Kontakt zur kasachischen Regierung gesucht haben, um zu diskutieren: Was bedeutet das eigentlich für Kasachstan? Wie stellt sich Kasachstan zu dieser Situation auf?
Denn natürlich ist das für Kasachstan eine große Herausforderung. Das Land liegt zwischen zwei großen Nachbarn, und wir wissen, wie eng die Beziehungen zu Russland damals waren und es auch weiterhin sind. Gleichzeitig verfolgt Kasachstan eine multivektorielle Außenpolitik und möchte gute Beziehungen zu möglichst vielen Ländern in der Welt haben – auch aus wirtschaftlichen Gründen, wie zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit Deutschland.
Das war eine sehr spannende Frage, die uns natürlich auch unmittelbar berührt hat.

Deutschland und Kasachstan arbeiten heute in vielen Bereichen zusammen. Wo sehen Sie aktuell das größte Potenzial?
Einmal ganz zweifellos weiterhin im Bereich der Wirtschaft. Der Besuch der deutschen Wirtschaftsministerin, nach vielen Jahren wieder der erste Besuch auf dieser Ebene, hat noch einmal wichtige Impulse gegeben. Wir gehen davon aus, dass es auch in Zukunft weitere Besuche geben wird, bei denen man diese Themen vertiefen kann.
Es gibt ein sehr breites Feld der Zusammenarbeit. Kasachstan interessiert sich zum Beispiel für deutsche Technologie und Berufsbildung, während Deutschland an einer Zusammenarbeit im Energiebereich, bei kritischen Rohstoffen und anderen Fragen interessiert ist. Wirtschaft bleibt also sicherlich ein sehr dynamischer Bereich mit großem Potenzial.
Ich sehe aber auch, dass sich in den letzten fünf Jahren deutsche Universitäten stärker für Zentralasien und insbesondere für Kasachstan interessieren. Es geht darum, Universitäten zusammenzubringen und den Austausch zwischen Studierenden und Wissenschaftlern zu stärken.
Die Deutsch-Kasachische Universität in Almaty ist hier sehr aktiv und baut Partnerschaften sowie Doppelabschlussprogramme auf. Ich glaube, dass wir gerade auch bei technischen Studiengängen noch weiter zusammenarbeiten können und jungen Menschen ermöglichen sollten, ihre Kenntnisse in Deutschland zu vertiefen und sie später wieder nach Kasachstan zurückzubringen.
Das sind Bereiche, in denen wir noch viel miteinander machen können und an denen wir gerne weiterarbeiten wollen.
Sie hatten sicherlich sehr viele Begegnungen im ganzen Land. Welche Ereignisse und Menschen sind Ihnen dabei besonders in Erinnerung geblieben?
Einige der Reisen, die wir gemacht haben, waren für mich besonders eindrucksvoll. Ich war entweder alleine als deutsche Botschafterin unterwegs oder gemeinsam mit anderen europäischen Botschafterinnen und Botschaftern, weil einem solche Reisen noch einmal ganz neue Einblicke geben.
Sehr beeindruckend war für mich vor allem die Reise mit europäischen Botschaftern an den Aralsee. Gerade aus europäischer Sicht ist der Aralsee ein Sinnbild für eine Umweltkatastrophe. Dort, wo früher ein See war, ist heute Sand, und es gibt teilweise auch Substanzen, die nicht ungefährlich sind.
Ich glaube, einige von uns und auch ich selbst hatten erwartet, dass diese Region eher depressiv ist und stark unter den Folgen leidet. Aber wir sind dort hingefahren und haben festgestellt: Es gibt eine große Dynamik. Das Leben geht weiter, die Menschen packen an, es gibt wieder Begegnungen. Diese Dynamik und die Resilienz der Menschen haben mich sehr beeindruckt.
Und so war es auf vielen Reisen immer auch die menschliche Begegnung, die einem noch einmal einen besseren Einblick in die Lebensrealität und die Themen gibt, die die Menschen bewegen. Diese Reisen bilden wirklich, das habe ich immer wieder festgestellt. Deshalb habe ich mich auch sehr gerne daran beteiligt.
Auch die Zusammenarbeit mit der deutschen Minderheit spielte sicherlich eine große Rolle bei Ihrer Arbeit. Wie haben Sie diese als Brücke zwischen Kasachstan und Deutschland erlebt?
Sehr aktiv und auch auf kasachischer Seite sehr stark als solche wahrgenommen. Uns wurde von Anfang an immer wieder gesagt: Wir haben diese deutsche Minderheit, die hier als Brücke zwischen unseren Ländern wirkt. Genau so habe ich es auch erlebt. Auf meinen Reisen habe ich, wenn es möglich war, die Niederlassungen der Wiedergeburt besucht, mit den Vertreterinnen und Vertretern gesprochen und gesehen, wie aktiv diese Gruppen sind.
Besonders freut mich, dass die Jugend in den meisten Filialen heute sehr stark einbezogen wird. Es wird geschaut, wie man durch Jugendclubs, Deutschunterricht und verschiedene Aktivitäten diese Verbindung schaffen kann und jungen Menschen ihre Wurzeln näherbringen kann. Ich habe die Filialen der Wiedergeburt als sehr engagierte und gut organisierte Gruppen erlebt. Deshalb war es mir von Anfang an eine Freude, dort vorbeizuschauen.
In Astana war der Kontakt natürlich besonders eng mit den Vertretern des Kasachisch-Deutschen Zentrums, mit Herrn Rau, Herrn Bolgert und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dort. Ganz symbolisch war vielleicht, dass die Eröffnung des Kasachisch-Deutschen Zentrums damals gemeinsam mit Herrn Dr. Fabritius meine erste offizielle Amtshandlung als Botschafterin war. Ich hatte gerade mein Beglaubigungsschreiben beim Präsidenten übergeben, und dann war dies der nächste große Anlass, bei dem ich offiziell teilnehmen konnte.

Später haben wir auch das Jubiläum der Jugendorganisation im Kasachisch-Deutschen Zentrum gefeiert, wieder gemeinsam mit Herrn Dr. Fabritius. Für mich schloss sich damit ein bisschen der Kreis.
Auch in den Regionen habe ich gesehen, dass die deutsche Minderheit eine feste Größe ist. Sie ist gesellschaftlich, aber auch wirtschaftlich sehr aktiv, oft im landwirtschaftlichen Bereich. Die lokalen Verwaltungen nehmen sie als einen Faktor wahr, der viel beiträgt und geschätzt wird.
Ich glaube, dass viele Kasachinnen und Kasachen das Gefühl haben, sie kennen Deutsche schon ein bisschen, weil sie Kontakt mit Vertretern der deutschen Minderheit hatten, sei es in der Schule, bei der Arbeit oder im persönlichen Umfeld. Manche Kontakte bestehen bis heute.
Das macht es auch einer deutschen Botschafterin leichter, hier zu arbeiten. Die Zusammenarbeit habe ich in diesen Jahren wirklich sehr geschätzt.
Diplomatie bedeutet sicherlich oft einen vollen Terminkalender. Konnten Sie Kasachstan dennoch auch mal ganz privat erleben?
Ein wenig, vor allem Almaty. Ich finde, es lohnt sich aus Astana immer, auch einmal nach Almaty zu kommen, in die alte Hauptstadt. Ich nehme die Atmosphäre hier als sehr angenehm wahr. Die gewachsene Restaurant- und Kulturszene, die Universitäten, die vielen jungen Menschen machen die Stadt sehr lebendig.
Ich konnte natürlich nicht alles nutzen, weil ich nicht so häufig hier war, aber ich habe zum Beispiel das neue Museum besucht und mich sehr gefreut, dass es solche Entwicklungen gibt.
Ich war auch sehr gerne am Kaspischen Meer. Ich komme von der Nordsee und mir fehlt das Wasser schon. Da reicht ein Fluss nicht aus. Am Kaspischen Meer kann man in die Ferne schauen und hat wirklich dieses Gefühl, am Wasser zu sein. Es ist dort sehr schön angelegt und ich habe mich sehr wohlgefühlt.
Und ganz besonders mag ich Turkestan. Wegen des Mausoleums, aber auch wegen dieser besonderen Atmosphäre. Man spürt dort etwas Spirituelles, auch wenn man selbst nicht muslimisch ist. Man merkt, dass dieser Ort eine besondere Bedeutung hat und dass dort eine alte Kultur lebendig ist.
Der Osten des Landes fehlt mir noch. Ich muss also irgendwann noch einmal wiederkommen, weil man dort im Gebirge und in den Landschaften sicherlich noch sehr viel entdecken kann.
Was nehmen Sie persönlich aus Kasachstan mit, auch für Ihren weiteren Lebensweg?
Ich nehme mit, dass diese Region – und ich würde gar nicht nur Kasachstan sagen, sondern auch Kirgisistan – eine wunderbare Erinnerung hinterlässt. Ich gehe davon aus, dass auch die anderen zentralasiatischen Länder ähnliche Erfahrungen ermöglichen.
Vor allem nehme ich die Gastfreundschaft, die Offenheit und die Hilfsbereitschaft der Menschen mit. Es ist sehr positiv zu sehen, wie offen die Menschen sind, wenn man als Ausländer hierher kommt und mit ihnen spricht. Auch die Schönheit des Landes werde ich mitnehmen. Wenn man zum Reisen kommt und sich außerhalb der großen Städte bewegt, sieht man, wie viel es hier zu entdecken gibt: die Steppe, das Kaspische Meer, den Süden. Und beruflich würde ich sagen, nehme ich vor allem die Erkenntnis mit, dass uns doch sehr viel verbindet. Wenn ich all die Bereiche sehe, in denen wir zusammenarbeiten, und wie viel in den letzten fünf Jahren dazugekommen ist, dann ist das enorm erfreulich.
Viele Menschen in Deutschland, die keinen Bezug zu dieser Region haben, würden wahrscheinlich nicht vermuten, wie eng unsere Beziehungen tatsächlich sind. Deshalb freue ich mich über jeden Besuch, über Studienreisen, offizielle Delegationen, aber auch über Austausch zwischen jungen Menschen, Universitäten und Behörden.
Kasachstan ist natürlich geografisch weit entfernt, aber in der Praxis und mit den heutigen technischen Möglichkeiten viel näher, als viele denken.
Und was werden Sie am meisten vermissen?
Den blauen Himmel im tiefsten Winter und die Schneesicherheit in Astana. Aber ganz sicher vor allem die Freundlichkeit der Menschen hier. Auch die Sicherheit, die ich im Alltag in Astana sehr stark wahrgenommen habe. Diese persönliche Sicherheit hat man nicht überall in der Welt, gerade in großen Städten.
Ich werde die gewachsene Kultur hier in Almaty vermissen, aber auch die beeindruckende Architektur in Astana, an die man sich mit der Zeit gewöhnt. Als ich kam, wurde gerade am Ufer des Ischim die Beleuchtung angebracht, und heute gibt es dort Radwege, Spielplätze und viele Angebote für die Menschen. Man sieht, wie sich alles weiterentwickelt.
Was ich im Einzelnen vermissen werde, werde ich wahrscheinlich erst merken, wenn ich nicht mehr hier bin. Sicherlich das kasachische Brot, das ich großartig finde, und natürlich die Baursaki. Aber vor allem werde ich ganz viele freundliche Menschen vermissen, die ich hier getroffen habe.
Möchten Sie unserer Leserschaft verraten, wo es für Sie als Nächstes hingeht?
Ich werde Ende des Monats in den Oman gehen, nach Maskat, und ich freue mich sehr darüber. Ich kenne das Land bisher vor allem aus der touristischen Perspektive. Ich war häufiger dort, weil man von Bischkek oder Astana aus im Winter doch irgendwann gerne wieder etwas Wärme möchte. Der Oman ist über Dubai relativ schnell zu erreichen.
Ich war dort einmal auf einer Rundreise mit Freundinnen und es hat mich immer wieder dorthin gezogen. Dass dieser Wunsch, dort einmal zu arbeiten, nun geklappt hat, freut mich sehr. Ich freue mich darauf, das Land noch einmal ganz anders kennenzulernen, tiefer in die Kultur, die Politik und die Zusammenarbeit einzusteigen.
Und so sehr ich Kasachstan vermissen werde, ist mein neuer Dienstort doch einer, auf den ich mich sehr freue.
























