Das Unabhängige Institut für Umweltfragen (UfU) Central Asia will in Kasachstan nicht nur Projekte umsetzen, sondern langfristig Expertise aufbauen. Vertreter des UfU Central Asia sprachen mit uns über unabhängige Umweltforschung, Wasserknappheit, Carbon Farming und ihre nächsten Schritte in der Region.

Ein autonomer Traktor fährt über ein Pilotfeld in der Region Kostanai, während in Astana auf einem Laptop Bodenfeuchtigkeit, Vegetation und weitere Parameter dieses Feldes nahezu in Echtzeit sichtbar werden. Für das Unabhängige Institut für Umweltfragen ist Carbon Farming in Kasachstan keine abstrakte Klimadebatte mehr, sondern tägliche Feldarbeit, akribische Datenanalyse und politische Übersetzungsarbeit zugleich. Dabei bleibt jedoch eine größere Frage aktuell: Wie wird aus zahlreichen internationalen Memoranden, aus Forschung und Projektlogik eine langfristige Umweltinstitution in Zentralasien?

Darüber sprachen wir mit Dr. Michael Zschiesche, Geschäftsführer und 1. Stellvertretender Vorstandsvorsitzender des UfU. Ergänzend ordneten Aliya Mussina, Leiterin des Regionalbüros UfU Central Asia, und Sami Celtikoglu, Stellvertretender Fachgebietsleiter für Regenerative Landnutzung und Klimaresilienz und Teamleiter, einzelne Fragen aus kasachstanischer und fachlicher Perspektive ein.

Herr Dr. Zschiesche, das UfU hat in Kasachstan mehrere Memoranden und Vereinbarungen unterzeichnet. Woran lässt sich erkennen, dass daraus mehr wird als nur eine politische Absichtserklärung?

Dr. Michael Zschiesche: Memoranden sind natürlich zunächst Absichtserklärungen. Was dahinter steht, wird man an der konkreten Arbeit sehen. Viel hängt davon ab, ob es für Projektideen auch Finanzierungen gibt. Aber wir sind seit vier Jahren in Kasachstan aktiv, vor allem in den Bereichen Klimaschutz und Landwirtschaft. Damit haben wir unter Beweis gestellt, dass wir es ernst meinen.

Ein Beispiel ist unsere Studie zur Frage, wie Landwirte in Kasachstan den Klimawandel wahrnehmen. Landwirte beobachten überall auf der Welt das Wetter sehr genau. Wir haben diese Wahrnehmung flächendeckend erhoben. 7.740 Landwirte wurden befragt. Das ist eine Arbeit, die vor uns in dieser Form niemand gemacht hatte.

Man nimmt uns ab, dass wir es ernst meinen – auch deshalb, weil wir hier ein Büro aufbauen und nicht nur einmal im halben Jahr für zwei Wochen kommen, ein Seminar machen und wieder weg sind.

Viele internationale Organisationen arbeiten projektbezogen und verschwinden wieder, wenn die Finanzierung endet. Wie will das UfU Central Asia diese Abhängigkeit vermeiden?

Zschiesche: In Deutschland sind wir auch projektfinanziert. Aber wir haben gelernt, uns einer thematischen Linie zu verschreiben und daraus ein klares Profil zu entwickeln. Genau so sehen wir es auch in Kasachstan. Wir wollen nicht dem Geld hinterherrennen, sondern uns in einem thematischen Korridor bewegen, der zu unserer Expertise passt und uns erkennbar macht.

Für uns ist es wichtig, dass es sowohl Finanzierungsmöglichkeiten aus Deutschland als auch Interesse auf kasachischer Seite gibt. Das Büro vor Ort ist dabei nicht nur ein Zeichen der Glaubwürdigkeit, sondern auch eine praktische Voraussetzung, um langfristig arbeitsfähig zu sein.

Das UfU bezeichnet sich als unabhängige Organisation. Wie lässt sich diese Unabhängigkeit bewahren, wenn man eng mit staatlichen Institutionen zusammenarbeitet?

Zschiesche: Unabhängigkeit bedeutet für uns zunächst, Qualitätsstandards zu setzen, Auftraggeber zu diversifizieren und eine gewisse Unbestechlichkeit gegenüber dem Thema zu behalten. Wenn wir etwa beim Carbon Farming feststellen würden, dass am Ende wenig für Umwelt-, Natur- oder Klimaschutz übrigbleibt, würden wir das thematisieren.

Wir kommen aus der kritischen Umweltwissenschaft. Wir laufen nicht herum und kritisieren alles, aber wir befragen immer wieder: Ist das richtig, wie wir vorgehen? Sind unsere Methoden die richtigen?

Wenn man die großen Umweltprobleme Kasachstans betrachtet – Wasserknappheit, Dürre, Bodendegradation, Versalzung –, welches Thema wird aus Ihrer Sicht noch unterschätzt?

Zschiesche: Für eine abschließende Bewertung ist es noch zu früh, aber mir scheint das Thema Wasser extrem wichtig zu sein. Die kasachische Regierung hat mit dem neu geschaffenen Wasserministerium einen wichtigen institutionellen Schritt gemacht. Jetzt geht es darum, Monitoringstrukturen aufzubauen und diese mit Digitalisierung, IT und künstlicher Intelligenz zu verbinden.

Es nutzt nichts, nur auf oberster Ebene Vereinbarungen zu treffen. Wichtig ist, dass man die Bevölkerung mitnimmt und das Thema auf allen Ebenen erklärbar macht.

Aliya Mussina: Für Kasachstan ist die Wasserfrage nicht nur mit dem Kaspischen Meer oder dem Aralsee verbunden, sondern auch mit grenzüberschreitenden Flüssen und mit regionaler Zusammenarbeit. Studien und Prognosen zeigen, dass sich die Wasserkrise langfristig auch wirtschaftlich auswirken kann. Deshalb muss früh darüber nachgedacht werden, welche Themen für das UfU Central Asia prioritär werden.

Das UfU Central Asia trägt die Region bereits im Namen. Soll die Arbeit künftig über Kasachstan hinausgehen?

Zschiesche: Ja. Sonst hätten wir uns nicht „UfU Central Asia“ genannt. Wir wollen nicht nur in Kasachstan tätig sein, sondern auch die anderen zentralasiatischen Länder in den Blick nehmen. Wir sind noch im Aufbau und können heute noch keine konkreten Projekte in anderen Ländern nennen. Aber es ist unser Ziel, im nächsten Jahr ein Projekt mit einem weiteren zentralasiatischen Land zu beginnen – ob das letztlich Kirgisistan, Usbekistan, Tadschikistan oder Turkmenistan sein wird, ist noch offen. Und 2028 könnte durchaus ein weiteres Land dazukommen.

Was soll das UfU Central Asia langfristig werden – ein Projektbüro, ein Forschungsinstitut oder ein Kompetenzzentrum?

Zschiesche: Ich würde es als Thinktank beschreiben. Thinktanks entwickeln angewandt-wissenschaftliche Konzepte auf der Basis von Fakten und fundierten Analysen. Sie verfolgen aber dabei einen sehr praktischen Ansatz und suchen die Nähe zur Politik, um Hebel zu identifizieren: Gesetze, Förderprogramme, manchmal auch Verbote. Organisationen wie das UfU versuchen, solche Hebel herauszuarbeiten und so aufzubereiten, dass die Politik sie aufgreifen und umsetzen kann.

Das UfU Central Asia soll als Impulsgeber wahrgenommen werden – als eine Institution, mit der man gerne zusammenarbeitet.

Welche Bedeutung hat Carbon Farming für Kasachstan heute – jenseits der allgemeinen klimapolitischen Zielsetzung?

Zschiesche: Carbon Farming ist ein Teil einer größeren Entwicklung hin zu einer regenerativen Landwirtschaft. Es geht nicht nur darum, Kohlenstoff im Boden zu speichern, sondern auch um Bodengesundheit, Wassermanagement, Trockenheitsresilienz und Anpassung an den Klimawandel.

Für Kasachstan ist das besonders relevant, weil die Vegetationsperiode im Norden sehr kurz ist – ungefähr 100 Tage. In dieser Zeit muss sehr viel passieren. Deshalb geht es auch um Technologietransfer und Know-how-Transfer.

Wie praktisch diese Arbeit inzwischen ist, zeigte sich im Gespräch mit Sami Celtikoglu, dem Stellvertretenden Fachgebietsleiter für Regenerative Landnutzung und Klimaresilienz. Auf seinem Laptop öffnete er aktuelle Daten von Pilotflächen in der Region Kostanai: Satellitenbilder, Bodenfeuchtigkeit, Vegetationsentwicklung und die Bewegungen eines autonomen Traktors lassen sich nahezu in Echtzeit verfolgen. „Wir können gleichzeitig viele Parameter sehen und den Landwirtinnen und Landwirten konkrete Hinweise geben, wenn auf einer Fläche ein Problem sichtbar wird“, erläuterte Celtikoglu.

Seit 2023 erhebt das Team auf den Pilotflächen regelmäßig Daten – unter anderem zu Stickstoffparametern, Vegetation und CO₂-Speicherung. Auch „Biochar“, also Pflanzenkohle, wird dabei erprobt. Die vorläufigen Ergebnisse deuten auf bestimmten Versuchsflächen auf eine höhere CO₂-Speicherfähigkeit hin. Belastbare Schlüsse erfordern jedoch langfristige Messungen.

Können solche Ansätze auch kleineren landwirtschaftlichen Betrieben helfen?

Sami Celtikoglu: Das ist wichtig. Große Agrarbetriebe können eine Vorbildfunktion haben, weil sie über große Flächen und Ressourcen verfügen. Wenn sie neue Methoden anwenden, kann das auch kleinere und mittlere Betriebe beeinflussen. Aber es darf nicht nur um große Unternehmen gehen. Gerade kleinere Landwirte brauchen Wissen, Beratung und Anreize.

Aliya Mussina: Im Zusammenhang mit dem neuen Bodengesetz in Kasachstan bekommt das Thema zusätzliche Bedeutung. Landwirte müssen künftig strengeren Anforderungen folgen und Maßnahmen gegen Bodendegradation ergreifen. Dafür fehlt teilweise noch das Wissen. Hier kann Carbon Farming ein praktischer Ansatz sein.

Wenn wir dieses Gespräch in drei bis fünf Jahren wiederholen: Woran würden Sie erkennen, dass das UfU Central Asia erfolgreich war?
Zschiesche: Es soll eine gewisse Stabilität erreicht sein. Erfolgreich wären wir, wenn das UfU Central Asia als glaubwürdige Institution gilt, die Impulse gibt, Brücken baut und praktische Lösungen für Umweltprobleme entwickelt. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Nurgul Adambajewa.

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