Im Interview erklärt die Erasmus+ Koordinatorin für Kasachstan, Laura Paluanova, wie das Erasmus+ Programm strukturiert ist, welche Perspektiven ein Auslandsaufenthalt eröffnet und warum eine Teilnahme nicht nur wesentlich zur akademischen Bildung beiträgt, sondern sich auch zum Zwecke der persönlichen Weiterentwicklung lohnt.
Frau Paluanova, wie würden Sie den aktuellen Stand der akademischen Mobilität in Kasachstan beschreiben?
Überaus positiv! Der kasachstanische Staat benennt in seinem Entwicklungskonzept für Bildung und Wissenschaft von 2023-2029 gleich mehrere strategisch wichtige Punkte für das Hochschulwesen. Dazu gehört vor allem die Internationalisierung an den Universitäten, die den Austausch zwischen Kasachstan und Europa vorantreiben sollen.
Kasachstan hat sich das ambitionierte Ziel gesetzt, bis 2029 100.000 internationale Studierende im Lande zu begrüßen. Aktuell liegt diese Zahl bei circa 30.000. Die Zahlen sollen sich bis dahin also verdreifachen.
Wie lange existiert das Erasmus+ Programm in Kasachstan bereits und worin genau besteht Ihre Tätigkeit?
Kasachstan nimmt seit 2014 am Erasmus+ Programm teil. Es ist aber zu erwähnen, dass schon seit der Unabhängigkeit Kasachstans diverse Kooperationen zwischen zentralasiatischen Universitäten und der Europäischen Union bestanden und dass diese Zusammenarbeit mit dem Beitritt Kasachstans zum Erasmus+ Programm weiter an Interesse und Beliebtheit gewonnen hat.
Derzeitig bereiten wir uns auf die nächste Mobilitätsphase von 2028 bis 2034 vor, welche klassischerweise sechs Jahre beträgt. Meine Arbeit ist deshalb zur Zeit besonders vielfältig. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Bewerbung und Förderung des Erasmus+ Programmes im Inland sowie im Ausland. Ich helfe unseren Teilnehmenden bei Fragen rund um ihren Auslandsaufenthalt, von der Planung bis zur Durchführung.
Dazu bieten mein Team und ich regelmäßig Seminare, Webinare und Trainingssitzungen an, um unsere Kandidat*innen optimal auf diesen neuen spannenden Studienabschnitt vorzubereiten. Gleichzeitig stehen wir in engem Kontakt mit unseren europäischen Partnern, um die Finanzierung für das Programm stetig auszubauen.
Welche Rolle spielt Erasmus+ beim Ausbau der internationalen Mobilität kasachstanischer Studierender und Wissenschaftler*innen?
Erasmus+ ist ein Grundpfeiler der internationalen Mobilität Kasachstans. Wir ermöglichen es unseren Studierenden und dem wissenschaftlichen Personal, wertvolle Auslandserfahrung zu sammeln. Darüber hinaus schärft ein Auslandsaufenthalt das interkulturelle Bewusstsein und ermöglicht im besten Fall sogar den späteren Zugang zu einem ausländischen Arbeitsmarkt.
Aus meiner Sicht ist es der größte Vorteil des Erasmus+ Programmes, dass es nicht nur um akademischen Fortschritt geht, sondern auch ein Netzwerk der Teilnehmenden entsteht, aus dem Freundschaften entstehen können. In dieser Hinsicht ist Erasmus+ nicht nur ein Katalysator für akademische Mobilität, sondern ein echtes Bindeglied zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen aus allen Teilen der Welt.
Welche Länder verzeichnen die höchsten Teilnahmeraten und wie viele Teilnehmende zählt das Programm bis heute?
Kasachstan ist das zentralasiatische Land, welches die meisten Studierenden ins Ausland schickt. Der Anteil Kasachstans liegt bei etwa 48 % der Teilnehmenden aus ganz Zentralasien, wobei Kasachstan ungefähr 600 Teilnehmende pro Jahr entsendet.
Bei einem Land mit rund 20 Millionen Einwohner*innen ist das eine beeindruckende Entsendungsquote, spiegelt aber auch die hohe Nachfrage nach Auslandserfahrung wider. Umgekehrt kommen pro Jahr ungefähr 250 ausländische Teilnehmende nach Kasachstan.
Was sind die Voraussetzungen, um an dem Erasmus+ Programm teilzunehmen?
Grundsätzlich steht die Teilnahme fast jedem Studierenden auf Bachelor-, Master- oder PhD-Niveau frei, wenn die Interessenten an einer Hochschule immatrikuliert sind, die am Erasmus+ Programm teilnimmt. Es gibt keine allgemeine Altersgrenze und keine einheitliche Mindestnote für eine Teilnahme. Die konkreten Auswahlkriterien werden durch das Erasmus+-Büro an der eigenen Hochschule festgelegt. Dazu gehören beispielsweise ein exzellenter Notendurchschnitt und gute Englischkenntnisse.
Je nach den Anforderungen der Partneruniversität können auch Kenntnisse in der Landessprache erforderlich sein. Der Auswahlprozess ist oft sehr kompetitiv, aber wir versuchen allen Teilnehmenden einen Platz zu ermöglichen.
Was bedeutet internationale Mobilität für Sie im Kontext des Erasmus+ Programmes?
Internationale Mobilität bedeutet mir viel mehr als das bloße Reisen ins Ausland zum Studieren oder Arbeiten. Es ist eine Erfahrung fürs Leben, die uns die Fähigkeit gibt, eine vielfältigere Perspektive auf die Welt zu erlangen.
Ein Auslandsaufenthalt schafft Verbundenheit und Offenheit. Dabei geht es auch um die gegenseitige Vermittlung von Werten, die ein Lernen voneinander ermöglichen. Wir wollen, dass unsere Teilnehmenden ihre Erfahrungen mit nach Hause nehmen und davon erzählen. Internationale Mobilität ist daher ein wechselseitiger Erfolgsprozess für uns.
Was sind die größten Herausforderungen der internationalen Mobilität in Kasachstan?
Die Internationalisierung des Bildungssektors hat durch Erasmus+ einen Aufschwung erfahren und wird gerade für junge Menschen immer attraktiver. Daher benötigen wir weiterhin zuverlässige Investitionen in das Programm. Wir beobachten ein anhaltend wachsendes Interesse an Auslandsaufenthalten.
Derzeit stehen uns noch einige bürokratische Hürden wie Visaerteilungen im Wege, aber auch im administrativen Bereich werden kontinuierlich Gespräche geführt, um die Mobilitätsfenster so angenehm wie möglich zu machen. Wir unterstützen daher den Vorstoß der Politik, kasachstanischen Teilnehmenden Visaerleichterungen zu gewähren. Es bleibt unser Ziel, talentierte Teilnehmende auf ihrem Bildungsweg zu unterstützen, unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund oder ihrem Studienort.
Warum sollten sich internationale Studierende für einen Erasmus+ Aufenthalt in Kasachstan entscheiden?
Kasachstan bietet ein einzigartiges Umfeld für internationale Studierende, da es ein reiches kulturelles Erbe, ein sich rasch entwickelndes Bildungssystem und eine strategische Lage zwischen Europa und Asien vereint.
Für internationale Studierende, Forscher*innen und Fachkräfte bietet Kasachstan die Möglichkeit, ein Land zu erleben, in dem verschiedene Kulturen, Traditionen und Perspektiven aufeinandertreffen. Sie können nicht nur aus akademischen Programmen lernen, sondern auch durch den direkten Kontakt mit lokalen Gemeinschaften, Traditionen und Lebensweisen. Als aufstrebende Bereiche sind der Techniksektor, die Umweltwissenschaften und das Ingenieurwesen zu nennen.
Bei der Mobilität geht es jedoch nicht nur um berufliche Vorteile. Die Teilnehmenden auf beiden Seiten suchen nach persönlicher Weiterentwicklung, kulturellem Austausch und der Möglichkeit, Teil einer internationalen Gemeinschaft zu werden. Sie suchen nach einem Umfeld, in dem sie sich willkommen, respektiert und unterstützt fühlen können. Das können wir den internationalen Studierenden durch unsere Partnerschaft bieten.
Gibt es die Möglichkeit, internationale Partnerschaften in den nächsten fünf bis zehn Jahren auszubauen? In welchen Bereichen sehen Sie zusätzliches Wachstumspotenzial?
Mit Blick auf die nächsten fünf bis zehn Jahre bieten sich Kasachstan erhebliche Chancen, internationale Partnerschaften in gleich mehreren strategischen Bereichen auszubauen. Einer der vielversprechendsten Bereiche ist die digitale Transformation und die K.I.; Kasachstan gehört zu den ersten Ländern, welche die K.I. als Pflichtfach für Hochschulstudierende eingeführt haben. Das zeigt sich auch daran, dass Kasachstan in die Digitalisierung, die K.I., die Cybersicherheit und datengestützte Lösungen investiert.
Damit schafft unser Land auch zusätzliche Möglichkeiten für die Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Forschungseinrichtungen und Partnern aus der Industrie. Internationale Partnerschaften können den Wissensaustausch, die gemeinsame Forschung und die Entwicklung zukunftsorientierter Kompetenzen fördern.
Angesichts der weltweit zunehmenden Aufmerksamkeit für den Klimawandel und einer nachhaltigen Ressourcenbewirtschaftung verfügt Kasachstan über ein großes Potenzial für die internationale Zusammenarbeit in solchen Bereichen wie saubere Energiegewinnung, Wasserwirtschaft, und grüne Technologien.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Rupert Hess.
Weitere Informationen zu dem Erasmus+ Programm finden Sie hier.






















