Mit Hugo Wormsbecher verlor die russlanddeutsche Gemeinschaft Ende 2024 einen ihrer bekanntesten Schriftsteller, Publizisten und gesellschaftspolitischen Aktivisten. Sein Leben war geprägt von den Erfahrungen der Deportation und der Verbannung. Es war aber auch vom Engagement für die Rechte der Russlanddeutschen sowie von einem literarischen Schaffen geprägt. Dieses gilt bis heute als wichtiger Beitrag zur russlanddeutschen Literatur.

Kindheit in Verbannung und Neubeginn in Kasachstan

Hugo Wormsbecher wurde am 26. Juni 1938 in Marxstadt in der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen geboren. Wie viele Angehörige der deutschen Minderheit in der Sowjetunion wurde seine Familie von den stalinistischen Repressionen getroffen. So musste er seine Kindheit und Jugend in der sibirischen Verbannung verbringen.

Nach dem Schulabschluss in Barnaul und dem Militärdienst zog Wormsbecher 1962 nach Alma-Ata, ins heutige Almaty. Dort arbeitete er zunächst als Dreher und Elektriker, bevor er später als Lehrer für Deutsch und Sport tätig wurde. Die kasachische Metropole sollte für viele Jahre zu seinem Lebensmittelpunkt werden und sein weiteres Wirken entscheidend prägen.

Ab 1965 arbeitete Wormsbecher als Journalist und Schriftsteller. Seine literarische Tätigkeit war eng mit seinem gesellschaftspolitischen Engagement verbunden. Er beteiligte sich sowohl an der Herausgabe der Zeitung „Freundschaft“ als auch ab 1969 bei „Neues Leben“. Anders als viele Russlanddeutsche, die später nach Deutschland auswanderten, blieb er in der Sowjetunion beziehungsweise ihren Nachfolgestaaten. Dort setzte er sich für die Belange seiner Volksgruppe ein.

Wormsbecher gehörte zu den führenden Vertretern deutscher Nationalität in der Sowjetunion der Nachkriegszeit. Er nahm an den Delegationen der Russlanddeutschen von 1965 und 1988 teil. Diese forderten in Moskau die Wiederherstellung der Wolgadeutschen Republik. Darüber hinaus war er Mitbegründer der Vereinigung von Angehörigen deutscher Nationalität „Wiedergeburt“. Diese spielte Ende der 1980er Jahre eine zentrale Rolle bei der politischen Mobilisierung der Russlanddeutschen.

Sein Engagement galt vor allem der historischen Aufarbeitung des Unrechts, das den Russlanddeutschen während der Stalinzeit widerfahren war. Er setzte sich für die Wiederherstellung ihrer Rechte und für das Bewahren ihrer kulturellen Identität ein.

Literarisches Schaffen

Neben seiner gesellschaftspolitischen Arbeit hinterließ Wormsbecher ein umfangreiches literarisches Werk.

Er veröffentlichte Romane, Novellen, Erzählungen, Drehbücher und Bühnenstücke sowie zahlreiche publizistische und literaturkritische Beiträge. In seinen Texten setzte er sich immer wieder mit den Erfahrungen von Deportation, Verbannung, Identität und Heimat auseinander.

Eine besondere Bedeutung kommt der Erzählung „Unser Hof“ aus dem Jahr 1973 zu. Das Werk schildert das Leben einer deportierten deutschen Familie in der sibirischen Verbannung. Es wird aus der Perspektive eines deutschen Jungen namens Fritz erzählt. Die Geschichte vermittelt eindrucksvoll die Lebenswirklichkeit vieler Russlanddeutscher in den Jahren nach der Deportation. Sie zählt bis heute zu den bekanntesten Werken der russlanddeutschen Literatur.

Bemerkenswert ist, dass Wormsbechers Werk auch in Deutschland wahrgenommen wird. „Unser Hof“ verfügt über eine ISBN und ist über den Buchhandel erhältlich. Zudem befindet sich ein deutschsprachiges Exemplar in der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund. Es kann dort sowie über den Leihverkehr deutscher Bibliotheken genutzt werden.

Angesichts der insgesamt geringen Präsenz kasachstandeutscher und russlanddeutscher Literatur im deutschen Kulturbetrieb stellt dies eine beachtliche Anerkennung dar. Die anhaltende Verfügbarkeit seines Werkes zeigt, dass Wormsbechers literarische Auseinandersetzung mit Deportation, Heimatverlust und Identität auch heute noch Leserinnen und Leser erreicht.

Hugo Wormsbecher starb am 20. November 2024 in Moskau. Wesentliche Teile seines Lebens, seines literarischen Schaffens und seines gesellschaftspolitischen Wirkens waren jedoch eng mit Kasachstan verbunden. Als Schriftsteller, Publizist und Aktivist prägte er über Jahrzehnte die russlanddeutsche Gemeinschaft. Er hinterließ ein Werk, das weit über seine Generation hinaus Bedeutung besitzt.

Damit gehört Hugo Wormsbecher zweifellos zu den prägenden Persönlichkeiten der Geschichte der Deutschen in Kasachstan und der russlanddeutschen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Andreas Rüdig

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