Wir sind es gewohnt, wissenschaftliches Wissen als objektiv zu betrachten. Doch was passiert, wenn die Ergebnisse einer Untersuchung davon beeinflusst werden, wer eine bestimmte Frage betrachtet, aus welcher Perspektive und mit welchem Erfahrungshintergrund? Kann es einen einheitlichen objektiven Blick auf eine Gesellschaft geben – oder muss man für ihr Verständnis viele unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen?
Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion „Situiertes Wissen: Wie ist objektives Wissen über Kasachstan möglich?“, die am 19. August in Almaty stattfand. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Zentrum für Forschung und Postgraduale Bildung der Deutsch-Kasachischen Universität gemeinsam mit dem Regionalbüro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Zentralasien im Rahmen des Projekts „Linke Literatur lesen: Macht, Wissen und Ungerechtigkeit“. Die Diskussion konnte sowohl vor Ort als auch online verfolgt werden.
Die epistemische Ungerechtigkeit
Zu Beginn der Veranstaltung ordnete der Moderator die Diskussion in den größeren Zusammenhang einer Veranstaltungsreihe der Organisatoren ein. Ein Thema, mit dem sich diese im Rahmen des Projekts beschäftigen, ist die epistemische Ungerechtigkeit – eine Form der Ungerechtigkeit, die nicht nur mit materiellen Ressourcen oder der sozialen Stellung eines Menschen verbunden ist, sondern auch mit der Entstehung, Verbreitung und Anerkennung von Wissen.
Damit geht es um eine einfache, aber wichtige Frage: Wer hat das Recht, Wissen zu produzieren, wessen Meinung wird vertraut und welches Wissen wird anerkannt?
Die vorangegangenen Veranstaltungen waren anderen Autorinnen und Autoren sowie Texten gewidmet, wodurch ein differenzierter Blick auf diese Problematik ermöglicht wurde. Diesmal wandten sich die Organisatoren der Arbeit der US-amerikanischen Philosophin und feministischen Wissenschaftlerin Donna Haraway zu, deren Aufsatz „Situiertes Wissen: Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg der partialen Perspektive“ im Mittelpunkt der Veranstaltung stand.
Die Wahl dieses Textes war kein Zufall. Bevor die eigentlichen Ideen Haraways diskutiert wurden, lenkte der Moderator die Aufmerksamkeit auf den Kontext, in dem ihre Arbeit entstanden ist. Er betonte, wie wichtig es sei, zu berücksichtigen, in welchem Jahr und unter welchen Bedingungen der Text verfasst wurde.
Der innere Kontext
Dies bildete den Ausgangspunkt für die sich anschließende Frage, wie Haraways Ideen im kasachischen Kontext betrachtet werden können. Daher beschäftigten sich die Teilnehmer sowohl mit dem äußeren Kontext des Textes, also den Umständen und der Zeit seiner Entstehung, als auch mit seinem inneren Kontext – den Ideen Haraways zu Wissenschaft und Objektivität.
Eine der zentralen Gedanken der Autorin ist, dass die Art und Weise, wie ein Mensch die Welt sieht und wahrnimmt, unmittelbar damit verbunden ist, aus welcher Position heraus er sie betrachtet. Dies spielt auch in der wissenschaftlichen Forschung eine Rolle: Die Position, die Erfahrungen und die Perspektive von Forschenden können beeinflussen, welche Fragen sie stellen, was sie wahrnehmen und zu welchen Schlussfolgerungen sie gelangen.
Daher versuchten die Teilnehmer, Haraways Ideen aus dem theoretischen Raum in den kasachischen Kontext zu übertragen. Eine der zentralen Fragen der Diskussion war, inwiefern die Anerkennung einer Vielzahl partieller Perspektiven dazu beitragen kann, gesellschaftliche Prozesse im Land besser zu verstehen.
An der Diskussion nahmen Rustam Burnaschew von der Deutsch-Kasachischen Universität, Ljubow Sartakowa von der Nazarbayev-Universität, Philipp Semjonow von der Universität Marburg und Alexander Ten von der Deutsch-Kasachischen Universität teil.
Die Diskussion brachte Vertreter der akademischen Gemeinschaft, Forschende und Studierende zusammen. Die Veranstaltung stieß auf so lebhaftes Interesse, dass die Erörterung der aufgeworfenen Fragen auch nach dem offiziellen Ende fortgesetzt wurde, während die Organisatoren zahlreiche herzliche Kommentare und positive Rückmeldungen von den Teilnehmern erhielten.























