Anfang September hat der Bund der Vertriebenen (BdV) den „Tag der Heimat 2026“ mit einem Festakt in Berlin gefeiert. Zugleich erinnerte man sich dieses Jahr zum 80. Mal an das Jahr 1946 als den Höhepunkt der organisierten Vertreibungen von Deutschen sowie zum 85. Mal an den Jahrestag des Erlasses zur Deportation der Wolgadeutschen vom 28. August 1941 in der ehemaligen Sowjetunion.

Der Festakt fand diesmal unter dem Leitgedanken „Bekenntnis und Verantwortung: Unser Kulturgut verbindet Europa“ statt. Zu den Hauptrednern gehörten der Bundesminister des Innern Alexander Dobrindt und der BdV-Präsident Stephan Mayer, die beide Mitglied des Deutschen Bundestages sind.

Die Wahrheit über die eigene Geschichte erkennen

Mayer hob in seiner Rede ein Zitat des früheren tschechischen Präsident Václav Havel aus dem Jahre 1997 hervor: „Nur eine Gemeinschaft, welche die Wahrheit über ihre eigene Geschichte erkennen kann und darf, ist tatsächlich eine freie Gemeinschaft“. Daher war Mayer der Ansicht, dass das kulturelle Erbe der Vertriebenen, der Aussiedler und der Spätaussiedler ein lebendiger Bestandteil der gesamtdeutschen sowie europäischen Kulturgeschichte sei.

Den Begriff der „Bekenntnisgeneration“ definierte der BdV-Präsident so: „Kulturelle Identität ist keine Frage des Geburtsjahrgangs, weshalb die Verantwortung zur Bewahrung und Weiterentwicklung des Kulturguts auf die nachfolgenden Generationen übergeht. Man muss Vertreibung nicht selbst erlebt haben, um sich ihrer Geschichte, ihrer Kultur und den daraus erwachsenen Aufgaben verpflichtet zu fühlen“, so Mayer.

Mayer ließ auch den 85. Jahrestag des Erlasses zur Deportation der Wolgadeutschen vom 28. August 1941 nicht unerwähnt. Er veranschaulichte am Schicksal von Zeitzeugen das schwere Unrecht der Kollektivstrafe an rund einer Million Betroffenen. Das Leid der Russlanddeutschen dürfe ebenso wenig vergessen werden wie ihre beeindruckende Integrationsleistung in Deutschland, hob er hervor.

Mayer bekräftigte seine Überzeugung, dass „aus Bekenntnis Verantwortung erwächst“ und dass „aus Verantwortung Zukunft entsteht“. Daher wolle der Bund der Vertriebenen nichts verschweigen, nichts gegeneinander aufrechnen, den Schmerz des anderen wahrnehmen und zugleich zur eigenen Geschichte stehen.

Zu dem Kulturgut, was Generationen vor uns geschaffen, bewahrt und weitergegeben haben, „gehören Bauwerke, Kunstwerke und Zeugnisse des Alltags ebenso wie Sprache, Musik, Bräuche, handwerkliches Können und überlieferte Erinnerungen“, so Mayer. Dieses Erbe stifte Identität und gebe Auskunft darüber, woher Menschen kommen, was sie geprägt hat und welche Erfahrungen sie an die folgenden Generationen weitergegeben haben.

Bundesinnenminister würdigt die Erinnerungsarbeit

Mit seiner Festrede setzte Alexander Dobrindt, Bundesminister des Innern, einen der inhaltlichen Höhepunkte der Veranstaltung. Er würdigte die Erinnerungsarbeit des BdV und bezeichnete sie als einen unverzichtbaren Beitrag für die Zusammenhalt und die Verständigung in Europa. Die Arbeit des Verbandes sei ein wesentlicher „Teil eines großen Versöhnungsprojektes“, an dem er gern selbst teilhabe.

Dabei betonte der Minister: „Es wird in vielen Debatten immer wieder zu wenig betont, dass unser kulturelles Erbe die Grundlage für die Einigung Europas ist.“ Kulturelles Erbe verstehe er nicht als bloße Rückschau, sondern als tragendes Fundament für ein Europa von heute und morgen.

Auch er blickte auf die 80. Wiederkehr des Jahres 1946 als den Höhepunkt der organisierten Vertreibungen zurück. Für ihn sei aber auch die Versöhnung wichtig, weshalb er den Sudetendeutschen Tag 2026 in Brünn, der auf Einladung der tschechischen Bürgerinitiative „Meeting Brno“ erstmals direkt in der Tschechischen Republik stattfand, ausdrücklich würdigte. Für ihn galt dieses Treffen als besonders bewegende persönliche Erfahrung sowie als Beleg dafür, dass eine junge Generation sich bereitwillig der Verantwortung für Erinnerung und Versöhnung stelle.

Zugehörigkeitsgefühl zu drei Heimaten

Bei einer anschließenden Podiumsdiskussion verwies Ira Peter, die als Spätaussiedlerin aus Kasachstan nach Deutschland gekommen ist und deren familiäre Wurzeln in der Ukraine liegen, beispielsweise darauf, dass sie ein modernes, nicht ausschließlich territoriales Heimatverständnis habe: Sie empfinde eine tiefe Zugehörigkeit zu drei Heimaten – der Ukraine ihrer Großeltern, ihrem Geburtsland Kasachstan und Deutschland, das sie ihr „Tochterland“ nennt, weil ihre Tochter hier geboren wurde.

Benjamin Józsa, der Sprecher der AGDM, ergänzte diesen Gedanken um den Begriff der „seelischen Heimat“. Dies sei für ihn der Ort, „an dem man sich nicht erklären muss“ und Sprache, Erinnerung und Zugehörigkeit selbstverständlich seien. Er machte zugleich deutlich, dass deutsche Minderheiten im östlichen Teil Europas viel zur deutschen Kultur beitragen.

Dabei verwies er auf ein flächendeckendes deutschsprachiges Schulwesen, Verlage, Bibliotheken und Kulturzentren – und erinnerte daran, dass die Schriftstellerin Herta Müller und der Chemiker und Biophysiker Stefan Hell, beide Nobelpreisträger, Deutsche aus Rumänien seien.

Auch Kritik kam zutage

In der anschließenden Diskussionsrunde waren aber auch kritische Stimmen zu vernehmen. Alle Podiumsgäste sahen erhebliche Defizite in der Bildung und der öffentlicher Wahrnehmung in Deutschland: Stefanie Kilian verwies beispielsweise darauf, dass die Vertreibung der Sudetendeutschen im Lehrplan bayerischer Schulen bislang nur als Wahlthema behandelt werde.

Ira Peter kritisierte, dass die Geschichte der Russlanddeutschen in der neuen Dauerausstellung des Hauses der Geschichte in Bonn lediglich auf ein „Mix-Markt“-Regal verkürzt wurde. „Mix-Markt“ ist die Bezeichnung für eine Supermarktkette in Deutschland, in deren Läden vorwiegend Lebensmittel aus Russland, der Ukraine, Armenien oder Weißrussland angeboten werden.

„Das Leitwort: ‚Bekenntnis und Verantwortung: Unser Kulturgut verbindet Europa‘ ist weit mehr als nur ein Aufruf zur Bewahrung. Es beschreibt eine Haltung: die eigene Geschichte offen anzunehmen, das überlieferte Kulturgut lebendig zu halten und daraus einen Beitrag zu Verständigung und guter Nachbarschaft zu leisten. So wird aus Erinnerung Verantwortung und aus kulturellem Erbe wird eine Brücke in die gemeinsame europäische Zukunft,“ resümierte Stephan Mayer.

Josef Bata

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