Was wäre, wenn man eine Geschichte aus dem eigenen Leben erzählt und sie wenige Minuten später auf der Bühne sieht? Beim Playback-Theater werden persönliche Erlebnisse des Publikums unmittelbar zu einer Szene. Am 20. Oktober feierte das deutschsprachige Ensemble WE-art seine Premiere in dieser Besetzung am Goethe-Institut in Almaty.
Hinter dem Projekt steht Elizaveta Wyssotschina-Flach. Rund 20 Jahre lang beschäftigte sie sich mit klassischem Theater. Heute nutzt sie Playback-Theater, um jungen Menschen einen neuen Zugang zur deutschen Sprache zu ermöglichen.
Eine eigene Methode gegen die Sprachbarriere
Im Jugendcamp „Jugendtreff 30“ leitete Wyssotschina-Flach einen Workshop, in dem sie ihre eigene Methode erprobte: Playback-Theater auf Deutsch, um die Angst vor dem Sprechen zu überwinden. Die Teilnehmenden kamen aus verschiedenen Städten Kasachstans. Einige von ihnen gehören heute zum Ensemble WE-art, andere stießen später dazu. Am 20. Oktober trat die Gruppe erstmals in dieser Besetzung auf.
Beim Playback-Theater gibt es keinen vorab geschriebenen Dialog. Die Geschichte des Erzählers bildet das Drehbuch. Die Schauspieler hören zu und setzen das Erzählte spontan auf der Bühne um. Dafür müssen sie Details wahrnehmen, Emotionen erfassen und unmittelbar reagieren. Manchmal gelingt ihnen das so genau, dass das Publikum überrascht ist. Wyssotschina-Flach erinnert sich an eine typische Reaktion nach solchen Szenen: „Wie habt ihr erraten, was als Nächstes passiert? Das habe ich doch noch gar nicht erzählt!“
Für Wyssotschina-Flach liegt die besondere Stärke des Formats nicht nur in der Improvisation, sondern auch darin, dass es den Zugang zur deutschen Sprache erleichtert. „Während man darüber nachdenkt, was man spielen soll, vergisst man, Angst vor dem Sprechen zu haben“, erklärt sie.
Wer eine Fremdsprache spricht, überlegt oft zu lange, wie ein Satz richtig formuliert werden muss. Beim Playback-Theater richtet sich die Aufmerksamkeit dagegen auf die Geschichte und darauf, wie sie sich darstellen lässt. So kann die Angst in den Hintergrund treten und das Sprechen leichter fallen. „Die Stärke des Playback-Theaters liegt darin: Wenn man nicht weiß, wie man etwas auf Deutsch sagen soll, kann man es spielen“, erklärt Wyssotschina-Flach. „Alles, was wir nicht sagen können, können wir spielen.“
So können auch Teilnehmende mit geringeren Deutschkenntnissen mitmachen und ihre Sprachkenntnisse weiterentwickeln. Auf der Bühne stehen sie Seite an Seite mit Menschen, die sicherer Deutsch sprechen. Gemeinsam setzen sie die erzählten Geschichten in Szenen um, bringen ihre jeweiligen Fähigkeiten ein und lernen voneinander. So gewinnen die Teilnehmenden nicht nur mehr Sicherheit im Deutschen, sondern auch mehr Mut, die Sprache zu sprechen.
Zuhören, reagieren, sprechen
Auch für Dominika Schamne ist die Konzentration auf den Erzähler eine der größten Herausforderungen. „Am schwierigsten ist es, dem Erzähler zuzuhören. Wenn man auch nur eine Sekunde unaufmerksam ist, kann man die Geschichte später nicht richtig spielen. Man muss jede Geste, jede Emotion, jede Betonung und jeden Gesichtsausdruck wahrnehmen. Am schwierigsten ist es, sich zu konzentrieren und nichts Wichtiges zu übersehen.“
Aljona Nowikowa kam zum Playback-Theater, um ihr gesprochenes Deutsch zu verbessern. Sie kennt die Situation, in der selbst einfache Wörter plötzlich fehlen. „Das Format hat mir schon gefallen, als wir es im Camp kennengelernt haben. Ich habe Schwierigkeiten mit dem gesprochenen Deutsch: Manchmal vergesse ich sogar die einfachsten Wörter. Dieses Format hilft mir, an meiner mündlichen Ausdrucksfähigkeit zu arbeiten. Ja, ich habe immer noch Angst, aber man muss es ausprobieren. Ich hoffe, dass sich das Format weiterentwickelt und wir uns in neuen Rollen ausprobieren können.“
Deutschlernen auf der Bühne
Auch das Goethe-Institut Kasachstan setzt sich mit neuen Ansätzen für den Sprachunterricht auseinander. Dmitri Kletschko, Leiter der Spracharbeit am Goethe-Institut Kasachstan, erklärte, dass das Institut mit praxisorientierten Formaten experimentiert. Für das kommende Jahr ist ein größeres Theaterprojekt geplant. Außerdem sollen Lehrkräfte darauf vorbereitet werden, solche Ansätze im Unterricht einzusetzen.
Die Premiere von WE-art stieß beim Publikum auf positive Resonanz. Für die meisten Zuschauer war das Playback-Theater eine neue Erfahrung. Auch nach der Vorstellung wurde noch etwa eine Stunde lang diskutiert.























