Flüssige Darstellung eines nach Totalität strebenden Werks: Thomas S. Hoffmann baut einen leicht zugänglichen Seiteneingang in das Theoriegebäude Hegels

Als in diesem Jahr die internationale Hegel-Vereinigung nach Stuttgart zu einem großen Kongress lud, strömten die Hegelianer aus allen Ecken der Welt herbei. Nicht nur die amerikanische Hegel-Schule war prominent vertreten, auch aus Taiwan, Japan und Südamerika reisten Hegel-Kenner und -Verehrer an. Das letzte philosophische System scheint in Zeiten der Fragmentierung eine neue Attraktivität zu gewinnen, die selbst hart gesottene Hegelianer überrascht. Dass diese Attraktivität selbst ins ferne Ausland strahlt, ist um so erstaunlicher, als Hegel eine eigene, schwer verständliche Sprache entwickelte. Kaum ein Philosoph scheint dem Leser so viel abzuverlangen wie Hegel, und entsprechend zahlreich sind die Versuche, in diesen Theorie-Palast einen leicht zugänglichen Seiteneingang einzufügen, sprich: eine verständliche Darstellung zu bieten.

Dies haben, je auf ihre Art, bereits Charles Taylor, Herbert Schnädelbach und Vittorio Hösle unternommen. Nun hat sich auch Thomas Sören Hoffmann an dieser Aufgabe versucht – mit großem Erfolg. Denn zunächst muss man den Autor für seine Fähigkeit bewundern, den Leser in flüssigem Stil die Entwicklung in Hegels Denken vorzuführen und das genannte Sprachproblem unmerklich elegant zu lösen. Dabei trifft er ungemein sicher die richtige Tonlage zwischen reproduzierender Wiederholung und allzu grober Vereinfachung. Kein Hegel-Kommentar war bisher ein solches Lesevergnügen, das nur durch die etwas billige Aufmachung des Buches getrübt wird.

Zielsicher holt Hoffmann auch alles aus dem Vor- und Umfeld Hegels herbei, was der Leser über Kant, Schelling und Hölderlin wissen sollte. Den Hegel-Anfängern lässt sich dieser Band daher uneingeschränkt empfehlen. Vor allem aber bewahrt der Autor eine ausreichende Distanz zu seinem Gegenstand, die es ihm erlaubt, die klassischen Topoi der Hegel-Kritik an den Anfang zu stellen, um den Meisterdenker dann einer Prüfung zu unterziehen.

Dieser Katalog der zeitgenössischen Anti-Hegelianismen ist so umfangreich, dass man in der Tat zu wissen verlangt, was nach all diesen Einwänden noch von Hegel zu lernen bleibt. Nicht nur Hegels Systemanspruch ist gänzlich aus der Mode geraten; auch eine Geschichtsphilosophie traut sich heute aus gutem Grund niemand mehr zu. Die von Hegel beschworene Unhintergehbarkeit des Absoluten, die Lehre vom Weltgeist, wird heute wohl nur noch von hegelianisierenden Theologen vertreten.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Glücklicherweise wischt der Autor diese Einwände nicht einfach vom Tisch. Vielmehr plädiert er für einen genauen, differenzierten Blick auf das Werk. Gerade die Arbeit am Detail, die „Welthaltigkeit“ in Hegels Werk, seine historischen, kunstgeschichtlichen, rechtsphilosophischen Beobachtungen und Bezüge, machen ihn heute interessant. Dass aber auch sie nur aus dem Totalitätsanspruch des Gesamtsystems zu verstehen sind, zeigt Hoffmann an vielen Beispielen. Gerade weil Hegel entgegen  der Zeit das Ganze will und es der Philosophie zutraut, ist er heute so interessant.

Thomas S. Hoffmann, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Eine Propädeutik, Marixverlag, Wiesbaden 2004, gebunden, 526 Seiten, 12,95 EUR

19/08/05

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