Die Machallas in Usbekistan sind historische Wohnviertel, in denen früher vor allem Angehörige der gleichen Berufsgruppen zusammenlebten. Auch in der heutigen Zeit bieten sie ihren Bewohnern Halt und vermitteln ein Zusammengehörigkeitsgefühl.

Die Regime kommen und gehen, die „Machallas” bleiben: Schon seit dem Mittelalter schließen sich in Taschkent Angehörige der gleichen Berufsgruppen zu weitgehend autarken Wohnvierteln zusammen.

Eigentlich ist Batyr Lehrer. Aber jeden zweiten oder dritten Tag zieht es ihn in die Altstadt von Taschkent. In ein Wohnviertel, das geprägt ist von exotischen Lehmziegelbauten aus dem usbekischen Altertum. Zwei Meter hohe Mauern schützen die Bewohner vor den neugierigen Blicken der Vorübergehenden. Sie schließen mehrere einstöckige Häuser und die dazugehörigen Höfe ein. Drinnen sind miteinander verwandte und befreundete Menschen zu sogenannten „Machallas” vereint, einer sehr alten, typisch usbekischen Form der Nachbarschaftsgemeinde. „Dieser Ort hat alles überlebt”, sagt Batyr, „die frühen Plünderungen der Eroberer, die Zeit Dschinghis Khans und Timur des Lahmen, das schreckliche Erdbeben von 1966 – und Stalin.“

300 Machallas zählt Taschkent derzeit. Knapp die Hälfte der Bevölkerung, rund eine Million Menschen, wohnen hier. Stets waren die Gemeinden die Wächter der usbekischen Tradition und der islamischen Sittlichkeit, die auch im Sozialismus nicht untergingen. Auch heute noch tragen die Frauen hier traditionelle Gewänder, bodenlang und farbenfroh. Und die Tschai-Chanes, die Teestuben, sind nur für Männer geöffnet.

Die Menschen fühlen sich als große Familie. Sie unterstützen einander, arbeiten zusammen. „Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen”, meint Assan, den Batyr seinen Onkel nennt, obwohl er es eigentlich nicht ist. Er gehört nicht einmal zu Batyrs Familie. Aber irgendwann haben sich ihre Urahnen zusammengeschlossen, weil sie das gleiche Gewerbe betrieben. Es gibt Machallas der Klempner, der Schmiede, der Töpfer. Sie bestehen seit dem Mittelalter. Und dank der Wohngemeinschaften war es den Menschen, die mitten in der Stadt leben, möglich, den Kontakt zur Natur nicht zu verlieren. Jeder Hof hat einen kleinen Obst- und Gemüsegarten, jede Familie hält Ziegen und Geflügel, auch wenn sie nicht mehr das traditionelle Gewerbe ihrer Großväter betreibt. Viele sind heute Beamte, Verkäufer oder Lehrer – so wie Batyr.

Ein Ball schnellt über den Hof, verfolgt von ein paar Kindern. Auch Batyr versucht ihn zu fangen, die Kinder feuern ihn an. Es gibt hier viele von ihnen. Eine Familie hat im Schnitt sechs Kinder, die sich immer unter der Aufsicht der Machallas befinden. Deshalb, so die Erwachsenen, sei auch die Kriminalitätsrate in dem alten Stadtviertel extrem niedrig: „Durch die Gemeinschaft führen wir unsere Jugend an das Arbeitsleben heran”, erklärt Batyr. „Wir geben ihnen eine Richtung im Leben.”

Frauenfeindliche Religionen?

Batyrs Freund Salai, ein Arzt aus Buchara, hat es sich währenddessen auf einer Bank bequem gemacht. Eine Tasse, gefüllt mit grünem Tee, dampft auf dem Tisch. Onkel Assan, der das bunte Treiben auf dem Hof von seiner Werkstatt aus beobachtet hat, kommt hinzu. Seine Frau bringt auch ihm einen Tee. „Setz dich zu uns”, sagt er, aber die Frau hastet sofort in ihre Waschküche zurück. „So ist das jetzt immer”, sagt Assan. „Wenn ein Fremder auftaucht, gibt sie sich, wie es die islamische Gesellschaft fordert. Dabei ist der Koran längst nicht so frauenfeindlich wie beispielsweise die Bibel.”

Zu Sowjetzeiten lagen die Dinge anders: Damals integrierten die Machallas-Bewohner als fortschrittlich wahrgenommene Aspekte der Sowjetgesellschaft in ihre Gemeinschaft. „Zum Beispiel den Subbotnik”, erzählt Batyr, und meint damit freiwillige Arbeitseinsätze am Wochenende, mit denen der Bau von Wohnhäusern oder Straßen unterstützt wurde, das Ausheben von Bewässerungsgräben oder die Straßenreinigung. Heute nennt sich der Arbeitseinsatz wieder „Haschar”, doch im Grunde ist es dieselbe Sache. Die Organisation wird von einem freiwilligen Komitee übernommen, das aus den angesehensten Männern der Gemeinde besteht. „Zu sowjetischen Zeiten waren auch viele Frauen darunter”, berichtet Onkel Assan.

Nach Artikel 105 der usbekischen Verfassung haben die Machallas das Recht, über alle Fragen, die sie unmittelbar betreffen, selbständig zu entscheiden. Zu ihrem Sprecher wählen die Bewohner wie vor Jahrhunderten einen weisen Alten, einen „Aksakal”, was „Weißbart” bedeutet. Er erfüllt im Wohnviertel oft die Funktion eines Richters und Mullahs. Ebenso haben die Bürgerversammlungen das Recht, eigene Kandidaten für das Parlament aufzustellen. Die Wohngemeinschaft betreut ihre Kranken und bedürftigen Mitglieder, erzieht die Kinder gemeinsam und ersetzt staatliche Institutionen wie Kindergarten und Sozialversicherung. „Unter Usbeken sind europäische Einrichtungen wie Senioren- und Pflegeheime völlig unbekannt”, erzählt Batyr. „Unsere Eltern bleiben bis zum Tod in unserer Mitte.” Es ist eine Schande für jeden Usbeken, betagte Mütter oder Väter dem Staat zur Pflege zu überlassen. Sie schätzen ihre Alten, sagen sie, ihr Wort wiege mehr als die stürmischen Sätze der Jugend, auch wenn die meist lauter seien.

Als es Abend wird, wirft Batyr die Kelle und den Hammer zur Seite. Für ihn gehört das Arbeiten in den Machallas genauso zu einem ausgefüllten Leben wie der Lehrerberuf und sein jahrelanges Studium der usbekischen Geschichte. „Die Machallas”, stellt er fest, „sind für mich die zukunftsträchtigste Lebensform in Usbekistan.”

23/12/05

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