An der Versammlung der deutschen Minderheit, die Mitte Mai in Almaty von der Assoziation der gesellschaftlichen Vereinigungen der Deutschen Kasachstans durchgeführt wird, werden auch Vertreter des Volksrates der Deutschen Kirgisistans teilnehmen. Seine Erwartungen, die er an das bevorstehende Treffen knüpft, hat der Vorsitzende des Volksrates der Deutschen Kirgisistans, Valeri Isidorowitsch Dill, der DAZ mitgeteilt.

/Bild: Archiv. ‚Valeri Dill, Vorsitzender des Volksrates der Deutschen Kirgisistans.’/

 

Herr Dill, was erwarten Sie von der Versammlung der ethnischen Deutschen in Almaty?

In erster Linie erwarten wir, dass die Deutschen Kirgisistans und Kasachstans, die eine gemeinsame Geschichte haben und von gleicher Herkunft sind, auf dieser Veranstaltung die Situation analysieren, welche die gesellschaftlichen Vereinigungen der deutschen Minderheit prägt. Außerdem sollen die mit der Selbstorganisation zusammenhängenden Probleme besprochen und die Perspektiven einer weiteren Entwicklung bestimmt werden.
Wir möchten, dass die regsamsten und aktivsten Persönlichkeiten der deutschen Bewegung auf dieser Veranstaltung analysieren, was mit der deutschen Minderheit in den letzten 20 Jahren, das heißt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, geschehen ist. Wir wollen verstehen, warum sich unsere Vereinigungen im Grunde genommen nicht weiterentwickeln. Warum zeigt sich die Jugend nicht aktiver in Bezug auf die heute existierenden Probleme wie die Erhaltung der nationalen Identität, der Sprache, der Kultur und allem, was damit verbunden ist? Wir wollten das Problem von Seiten jener gesellschaftlichen Organisationen anschauen, die von einem Fuß auf den anderen treten oder mit dem Strom schwimmen und keinen Einfluss auf den Großteil der deutschen Bevölkerung in ihren Regionen ausüben. In diesem Zusammenhang wollen wir eine neue Konzeption der Entwicklung unserer Vereinigungen planen.

Wie sehen Sie konkret die Entwicklungsperspektiven der deutschen Minderheit in den zentralasiatischen Ländern?

Meiner Meinung nach stoßen wir jetzt auf das sehr ernste Problem, und zwar auf das Fehlen einer Basis für die Erhaltung der russlanddeutschen Identität. Wenn wir uns die Geschichte anschauen, werden wir die Attribute der russlanddeutschen Identität wahrnehmen: die kompakten Siedlungen, die Glaubensgemeinschaft und in erster Linie – die russlanddeutsche Familie. All das gibt es im Grunde genommen bei uns heute nicht mehr. Gerade diese Attribute kennzeichneten jedoch die Anfänge der Russlanddeutschen und bewahrten ihre deutsche Zugehörigkeit. Heute spüren wir bereits den Einfluss der Globalisierung. Der gesellschaftliche Entwicklungsprozess zwingt unsere heranwachsende Generation mitzumachen und zugleich unter diesen Bedingungen neue Lebenswege zu suchen. Als Ergebnis hat die nationale Zugehörigkeit aufgehört, eine wichtige Rolle zu spielen, so auch die Beherrschung der deutschen Sprache. Aber bekannterweise bildet die Beherrschung der Muttersprache die Grundlage der nationalen Identität. Wenn diese grundlegenden Momente fehlen, so fehlt auch die Entwicklungsperspektive.
Heute steht die Computersprache im Vordergrund, und schon jetzt kann man mit aller Gewissheit sagen, dass die Sprache des internationalen und zwischenstaatlichen Austausches Englisch geworden ist. Die Jugend ist gezwungen, gerade diesen Weg zu gehen, um sich ihren Platz im Leben zu sichern. Wir, die ältere Generation, leben noch mit den Erfahrungen aus den Jahren der Sowjetunion. Aber jetzt ist bereits eine andere Zeit angebrochen, mit anderen Gesichtspunkten. In Ermangelung eines dichten Siedelns der Russlanddeutschen stoßen wir auf das ernsthafte Problem der Assimilation. Heute müssen wir feststellen, dass die Russlanddeutschen größtenteils assimiliert sind. Ich weiß nicht, wie es anderen Minderheiten in unseren Ländern geht, für jede sind natürlich ihre eigenen Besonderheiten kennzeichnend, aber in unserer deutschen Gemeinschaft ist dieses Problem existent.

Welche Projekte organisieren die Russlanddeutschen derzeit in Kirgisistan?

In erster Linie organisieren wir Projekte, die mit unseren Forderungen verbunden sind, wie die Vervollkommnung der Selbstorganisation, sowie Veranstaltungen zur Erhaltung der nationalen Identität. Eine große Aufmerksamkeit wird auch der Jugendarbeit, der Elitenförderung, der Konsolidierung unserer Jugend und der Erweiterung ihres Einflusses gewidmet. Es existiert eine Reihe von Bildungsprogrammen für Kinder wie auch für Erwachsene. Aber oberste Priorität hat stets noch der soziale Schutz der Bevölkerung. In unserer Vereinigung funktioniert ein Netz von Sozialstationen, in deren Rahmen wir uns bemühen, den Bedürftigen eine angemessene Unterstützung zukommen zu lassen. Besonders jetzt, in der für unser Land nicht gerade einfachen Zeit.

Interview: Olesja Klimenko, sinngemäße Übersetzung: Christine Karmann.

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