Seit fast zehn Jahren inszeniert Natascha Dubs den Klassiker „Karagös“ des kasachischen Dramatikers und Schriftstellers Muchtar Äuesow. Ein Besuch beim Deutschen Theater Almaty, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu existenziellen Menschheitsfragen verschmelzen.

Die unsanfte Begegnung menschlicher Sehnsüchte mit familiären oder sozialen Erwartungen ist die Kerntragödie jedes Lebens. Ein Erzählstoff also, der nie altert. Shakespeares „Romeo und Julia“, inzwischen mehr als 400 Jahre alt, gehört weiterhin zum Bildungs- und Theaterkanon. Die chinesische Legende „Liang Shanbo und Zhu Yingtai“, auch bekannt als die „Schmetterlings-Liebenden“, erzählt von einer verbotenen Liebe im mehr als 1.500 Jahre zurückliegenden China.

Und im sowjetischen Kirgisistan erschien Ende der 1950er Jahre „Dschamilja“ von Tschingis Aitmatow. All diese Geschichten lassen sich in einem Satz etwa so deuten: Nicht jede Familie kann ihre schmachtenden Kinder von ihrem Schicksal abhalten, selbst wenn der Tod oder zumindest ein ewiger Abschied die Folge sind.

„Karagös“ von Muchtar Äuesow schlägt in dieselbe Wunde: Das junge Mädchen Karagös soll nach dem Wunsch ihrer Familie an einen treuen, aber biederen Mann verheiratet werden, den sie nicht liebt. Statt dessen ist sie fasziniert vom rebellischen Syrym, der gleichzeitig ihr Cousin sechsten Grades ist.

Ein Affront im rigiden Netz der traditionellen Gesellschaft. Es kommt zur erwartbaren Eskalation: Die Grenzen zwischen Liebe, Gewalt und Enttäuschung verschwimmen, Familienscham, Eifersucht und männliche Handgreiflichkeiten inklusive. Und so stellt der zurückgewiesene Ehemann am Anfang des Stücks die Frage: „Lohnt es sich zu leben, wenn man nicht der einzige Liebhaber seiner Geliebten ist?“

Ein ins Deutsche übersetztes Stück ohne deutsche Schauspieler

Seit 2017 gehört „Karagös“ zum Repertoire des Deutschen Theaters. Das Besondere an der Inszenierung der Intendantin Natascha Dubs ist wohl die Sprache. Das Stück wird weiter auf Deutsch und nicht auf Russisch aufgeführt. Ohne deutsche Muttersprachler unter den Schauspielerinnen und Schauspielern. „Das Theater hat seine eigene Bühnensprache“, sagt sie. „Es ist ein bisschen wie in der Apotheke. Alle Elemente des Theaters lassen sich beliebig miteinander variieren, von der Körpersprache, zu den Kostümen bis zu den Stimmen.“

Die Übersetzung ins Deutsche übernahm damals das Goethe-Institut Almaty. Ein schwieriger Prozess, sagt Dubs. Die Sprache Äuesows sei sehr poetisch gewesen, die deutsche Sprache wiederum sei dafür „viel zu konkret“. Allerdings ist die Theatermacherin auch davon überzeugt, dass der Körper vor dem Kopf steht. „Ich renne erst los und dann merke ich, dass ich Angst habe. Genauso verhält es sich auf der Bühne. Ein Schauspielkörper muss schon alleine etwas auf der Bühne kommunizieren können“, das sei eine Analogie, mit der sie arbeite.

Körper und Farben spielen in Dubs Inszenierung tatsächlich eine größere Rolle als Worte. Die Sprechpassagen werden hauptsächlich durch Tanzchoreografien ergänzt, die Kontrolle der patriarchalen Normen kommt durch Bilder einer gefühlt aneinanderklebenden Gesellschaft zum Ausdruck, die sich an den Haaren zieht und keine intime Gefühlsregung unbemerkt lässt. Und wenn gesprochen wird, dann fest und steif, als bekämen die Figuren ihren eigenen Schmerz nicht über die Lippen.

Die Frage der jungen Generation: Was bedeutet Geschlecht?

Das Ensemble auf der Bühne ist ähnlich jung zusammengesetzt wie die Figuren in Äuesows Drama. Das Stück wird mit wenigen Ausnahmen von Schauspielstudenten gespielt. Sichtbar ist das nicht. Die Figuren tanzen, singen und leiden auf hohem schauspielerischem Niveau. Für eine Geschichte des „Erwachsenwerdens“ sei das die ideale Besetzung, findet Dubs.

Nur, worin kann sich die junge Generation bei „Karagös“ wiederfinden? Zwangshochzeiten sind ja nicht mehr so verbreitet, wie noch zur Zeit Äuesows. Dubs spricht, vielleicht ohne es bewusst zu merken, überraschend viel über Geschlechterrollen und -interpretationen. Am sichtbarsten ist das für sie in der Figur des Syrym, der frei sein und sich aus dem gesellschaftlichen Korsett entwinden möchte, dabei aber auch sich und seine Orientierung verliert.

„Das ist schon ein interessantes Bild von einem Mann. Nach außen wirkt er sehr stark, aber innerlich ist er getrieben von Rache und wird zu einer Art Steppenroller, einem einsamen Wolf. Dabei könnte er doch auch seinen Schmerz wegsingen, aber mir scheint, als sei das Wolfssein die erste, intuitive Reaktion des Mannes“, sagt sie grinsend.

Ein zeitloses Drama

„Karagös“ ist eine zeitlose Tragödie, ein Werk, das über Fragen von Tradition und Liebe hinausgeht und stattdessen die Bedeutung und Nachhaltigkeit von Freiheit des Individuums hinterfragt. In der ersten Szene schleichen sich alle Figuren noch tanzend aus einem kokonartigen Netz. Es wackelt und brodelt immer wieder, manchmal gefährlich nah am Kollaps. Aber zum Schluss bleibt doch die Frage haften, was stärker war: Die Liebe zwischen Karagös und Syrym oder die Anziehung des Kokons, der sichere Hafen gesellschaftlicher Konformität? Eine klare Antwort gibt das meist schnelllebige Stück, das Dubs als eines mit „viel Luft“ bezeichnet, nicht. Die Deutung bleibt wohl dem Wind der Steppe überlassen.

Yannik Yeşilgöz

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