In den Häusern unserer Kindheit hing der Teppich nicht nur auf dem Boden. Er hing an der Wand – über dem Sofa, über dem Bett, manchmal leicht schief, manchmal streng ausgerichtet. Er war Hintergrund für Gespräche, Feste, Stille und Schlaf. Niemand erklärte seine Anwesenheit. Er war einfach da. Und doch war er weit mehr als Dekoration.

Der Teppich an der Wand ist kein Zufall der sowjetischen Wohnkultur und keine bloße Geschmacksfrage. In Kasachstan steht er am Ende einer jahrhundertealten Entwicklung, die Nomadentum, Oasenkultur, Khanat, Imperium, Sowjetzeit und Gegenwart miteinander verbindet.

Der deutsche Architektur- und Kulturtheoretiker Gottfried Semper formulierte im 19. Jahrhundert einen Gedanken, der diese Kontinuität auf überraschende Weise erklärt: Der Anfang der Baukunst liege im Weben. Vor dem Stein war der Stoff, vor der Wand der Teppich. Der Mensch markierte den Raum zunächst mit Fäden, nicht mit Mauern. Vielleicht sind Textilien deshalb bis heute das leiseste und zugleich das verlässlichste Zeichen von Zuhause geblieben.

Der Teppich im nomadischen Leben

Im traditionellen Alltag der Kasachen nahm der Teppich eine besondere Stellung ein. Er war Gebrauchsgegenstand und Träger kultureller Bedeutungen zugleich. In der Jurte strukturierte er den Raum, schützte vor Kälte, diente als Sitz- und Schlafunterlage und begleitete den Menschen vom Moment der Geburt bis zu den letzten Ritualen. Er war ein permanenter Teil des Lebenszyklus.

Florierte Teppiche – tükti kilem oder qaly kilem – waren vor allem im Süden und Südwesten Kasachstans verbreitet. Ihr Wert wurde Gold- und Silberarbeiten gleichgestellt. Ein hochwertiger Teppich gehörte zu den sogenannten beszhaksy, den fünf kostbarsten Gütern: ein edles Pferd (saigülik), ein Kamel, ein reich verzierter Stahlsäbel (almas qylysh), kostbare Pelzkleidung (zhaksy ishik) und eben auch der qaly kilem genannte Teppich.

Gefertigt wurden diese Teppiche auf horizontalen Webstühlen – örmek. Ein florierter Teppich besteht aus einem zentralen Feld (köl oder tabak), einer Bordüre – qorgan – sowie verbindenden Ornamentstreifen, die su oder qaima genannt werden. Die Namen der Teppiche leiteten sich häufig von ihren Ornamenten ab, etwa gülkümbezdi, sharshy oder samauyr gül.

Neben florierten Teppichen existierten flachgewebte Varianten, die zu den ältesten Formen der Textilkunst gehören. Besonders verbreitet war alascha, ein flach gewebter Teppich ohne Flor. Je nach Technik unterscheidet man terme, kezhim teru oder bukhar teru. Ornamentale Varianten heißen etwa zholaq alascha (gestreift) oder örnekti alascha (ornamentiert).

Zu den weiteren zentralen Formen gehören Tekemet, Syrmak, Tuskiiz und Tuskilem. Tekemet ist ein gefilzter Bodenteppich aus geschichteter Schafwolle. Die Muster entstehen durch das gemeinsame Verfilzen farbiger Wollschichten, wodurch weiche, fließende Ornamente ohne harte Konturen entstehen. Er symbolisierte Erde, Wärme und Leben.

Syrmak ist ebenfalls ein Filzteppich, jedoch dekorativer und präziser gearbeitet. Zwei verschiedenfarbige Filzstücke werden ausgeschnitten und gegeneinander ausgetauscht. So entsteht ein klares, kontrastreiches Ornament. Syrmak verkörperte Ordnung und Harmonie und konnte sowohl auf dem Boden liegen als auch am Ehrenplatz hängen.

Tuskiiz hingegen ist ein Wandbehang. Auf weißem Filz werden farbige Stoffe appliziert und zusätzlich bestickt. Häufig wurde er zur Hochzeit gefertigt und im ehrenvollsten Teil des Hauses angebracht. Er hatte eine dekorative und zugleich schützende Funktion. Der untere Rand blieb traditionell ohne Bordüre – ein Zeichen dafür, dass das Leben nicht abgeschlossen ist und sich weiter entfaltet.

Tuskilem schließlich ist ein gewebter Wandteppich aus Wollgarn, dessen Ornament direkt während des Webens entsteht. Er galt als Zeichen von Wohlstand und als wichtiger Schmuck des Hauses.

Ornament als Erinnerung

In der uigurischen Tradition existiert mit dem asima gilem eine verwandte Form des Wandteppichs. Anders als gestickte Arbeiten wird er Knoten für Knoten gewebt. Geometrische Gitter, Medaillons und sich wiederholende Motive vermitteln Stabilität in Zeiten des Wandels. Der Kunsthistoriker Ernst Kühnel betonte, dass Ornamente eine Form der Erinnerung seien, besonders in Epochen des Umbruchs. Im Teppich wird Erinnerung fixiert, nicht erzählt.

Auch im Bestand des Zentralen Nationalmuseums der Republik Kasachstan zeigt sich diese historische Tiefe. Dort befinden sich 91 florierte Teppiche – die größte Sammlung ihrer Art im Lande. Ein rekonstruierter Orda-Teppich basiert auf einem Fragment aus dem 18.-19. Jahrhundert, das im Mausoleum von Khoja Ahmed Yassawi entdeckt wurde. Fachleute vermuten, dass dieser Typ bereits zur Zeit des kasachischen Khanats existierte.

Ein einzigartiger lederner Tuskilem von 1890, der reich mit Pflanzenornamenten und silbernen Plättchen verziert ist, gilt als einzigartig. Weitere Stücke zeichnen sich durch solch ungewöhnliche Materialien aus wie Korallen, Glasperlen, Perlmutt oder geprägte Metallplättchen. In den Sammlungen befinden sich zudem Teppiche, die einst bedeutenden Persönlichkeiten gehörten, darunter Bachajan Karatajew, Saken Seyfullin und Alibi Dschangildin.

Der sowjetische Teppich und die stille Nostalgie

Im 20. Jahrhundert erhielt der Teppich eine neue Rolle. Der sowjetische Wandteppich war selten einzigartig. Man erwarb ihn bei Gelegenheit, bewahrte ihn sorgfältig auf, klopfte ihn im Winter im Hof aus und ließ ihn jahrelang hängen. Er hing nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern auch weil die Wände dünn und die Häuser kalt waren. Er schuf Wärme – physisch und emotional.

Vor ihm wurden Familienfotos gemacht. Kinder ließen ihren Blick über seine Muster wandern, wenn sie nicht einschlafen konnten. Er war der Hintergrund des Lebens. Der Kulturhistoriker Aby Warburg schrieb, dass das Gedächtnis der Kultur in Bildern und Dingen lebe. Der Teppich bewahrte keine Ideologie, sondern Erfahrung. Mit dem Zerfall der Sowjetunion verschwanden viele Teppiche von den Wänden. Doch, obwohl das Objekt verschwand, blieb das Bild im Gedächtnis.

Industrie, Verlust und Verantwortung

Auch in der Industriegeschichte spielte der Teppich eine wichtige Rolle. Die Almatiner Teppichfabrik „Almaty kilem“ produzierte handgefertigte florierte Teppiche und Läufer und war mit moderner deutscher Technik ausgestattet. Als Sonderauftrag fertigte man auch Porträtteppiche bedeutender Persönlichkeiten wie Abay Kunanbajew, Schambyl Schabajew und Muchtar Äuesow. Die Fabrik wurde später liquidiert und nicht wiederhergestellt.

Heute stehen wir vor einer paradoxen Situation. Früher schufen Nomaden mit begrenzten Mitteln – Wolle, natürlichen Farbstoffen, einfachen Werkzeugen – Werke von bleibender Schönheit. Heute verfügen wir über Technik, Wissen und Freiheit, jedoch produzieren wir häufig nur Überfluss statt bleibende Werte. Unsere Konsumkultur erzeugt Massenwaren, aber die sind selten von Dauer.

Vielleicht liegt die Zukunft der kasachischen Teppichkunst nicht im schnellen Markt, sondern in Werkstätten, Ausbildungsprogrammen und offenen Museumsräumen. Ein Teppich muss aus der Nähe betrachtet, seine Struktur mit der Hand gespürt werden. Nur so wird verständlich, dass jeder Faden Zeit, Geduld und Verantwortung in sich trägt.

Von Alascha bis Syrmak, von Tuskiiz bis zum sowjetischen Wandteppich zieht sich ein einziger langer Faden durch die Geschichte. Wie dieses Muster weitergewebt wird, hängt von uns ab.

Rukhsara Seitova

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