Seit den Deportationen zur Zeit des Stalinismus sind auch Kurden ein Mosaikstück im multiethnischen Geflecht Kasachstans. Fast 90 Jahre später haben sie das erreicht, was sich viele kurdische Gemeinden in Europa nur wünschen können. Heute gelingt es ihnen, in ihrer Identität gesehen und anerkannt zu werden. Unser Autor sammelte Eindrücke von Kurd*innen aus Almaty und Berlin.
Wenn es überhaupt eine aufstrebende, kurdische Kulturwelle im deutschsprachigen Raum geben sollte, dann wird sie vor allem unter jungen Künstler*innen der zweiten und dritten Generation zu finden sein. In einem Umfeld, das kurdische Identitätsfragen nicht länger mit Gewalt beantwortet, und ausgestattet mit einem modernen sozialen Bewusstsein, stellen die Kinder und Enkelkinder der kurdischen Diaspora plötzlich Fragen. Über diese Fragen mussten ihre Vorfahren irgendwann schweigen oder aber fliehen. Die bedeutendste darunter ist wohl diese: Was bedeutet es denn, kurdisch zu sein?
Die Berliner Autorin Fatma Aydemir hat diese Frage in ihren Romanen „Dschinns“ und „Ellbogen“ eindrucksvoll und glaubhaft angerissen. Dabei vermeidet sie es, die Thematik ideologisch übermäßig aufzuladen. In dem Spielfilm „Sonne“ der Wiener Regisseurin Kurdwin Ayub kommt es dann so weit, dass die kurdische Protagonistin den unbewussten, familiären Assimilierungsdrang so stark internalisiert. Am Ende ziehen deshalb ihre österreichischen Freundinnen mit der kurdischen Flagge durch die Straßen und beantworten an ihrer Stelle im Fernsehen persönliche Fragen zu Identität, Religion und Kopftuch mit eigenen Projektionen. Der Film hat auf der Berlinale 2022 den Preis für den besten Debütfilm gewonnen. Und spätestens seit ihrem letzten Album „FC Chaya“ muss sich die Rapperin „Ebow“ keine Gedanken mehr machen, ob sie in Kreuzberg oder Neukölln erkannt wird – sie ist dort Teil der Popkultur.
Eine Erzählung von Missverständnissen
Kurdistan – das ist immer auch eine Erzählung von Missverständnissen und Macht. Heute gelten Kurd*innen als die weltweit größte Ethnie ohne eigenen Staat. Die meisten leben im Vierländereck zwischen der Türkei, Syrien, Irak und Iran. Eine kurdische Familiengeschichte ohne erlebte Repressionen zu finden, ist in etwa so wahrscheinlich, wie eine deutsche Familie, in der jeder und jede Widerstandskämpfer*in gewesen sein will.
Besonders die kemalistisch geprägte, türkische Nationalitätenpolitik in der Mitte des 20. Jahrhunderts hat vielen kurdischen Biographien eine Zäsur verpasst. Über Jahrzehnte war die öffentliche Verwendung des Kurdischen starken staatlichen Restriktionen unterworfen. Oft hielten nur politisch besonders unbeugsame Familien an ihrer Muttersprache fest. Jahrzehntelanger staatlicher Druck auf die kurdische Sprache und Identität hat dazu beigetragen, dass viele Kurd*innen in der Türkei heute kaum noch Kurdisch sprechen. In der Diaspora ist der Sprachverlust oft noch gravierender. Vielen bleibt ihre kurdische Identität dadurch verborgen.
Solche Verhältnisse will Ibrahim Flitovich Mamedov in Kasachstan gar nicht erst zulassen. Im kurdischen Restaurant „Mardin“ im Norden Almatys erzählt er, wie seine Familie 1937 aus Nord-Kurdistan, das im Osten der Türkei liegt, nach Zentralasien deportiert wurde. Heute ist er der stellvertretende Vorsitzende der kurdischen Gemeinschaft „Barbang“ in Kasachstan. „Wir schützen die kurdische Identität, indem wir unsere Sprache pflegen”, sagt er. „Meist sprechen wir untereinander Kurdisch“, im privaten wie in der Gemeinde, „aber mir scheint, als sei es hier, im Vergleich zu Kurden in Europa, deutlich besser und leichter, die kurdische Kultur zu bewahren.“
Um zu wissen, was er damit meint, reicht ein kurzer Blick nach Berlin. Hier ist Carla als Kind eines kurdischen Vaters aus Erbil, der inoffiziellen Hauptstadt Kurdistans, und einer deutschen Mutter geboren und aufgewachsen. Während in Zentralasien viele Kurd*innen ihre Muttersprache beibehalten haben, obwohl sie sich meist mit Russisch im sozialen Umfeld verständigen, überlebt die Sprache unter der in Europa lebenden Diaspora seltener.
„Als Kleinkind hat mein Vater noch versucht, Sorani (einer der kurdischen Dialekte) mit mir zu sprechen“, erzählt Carla, die aktuell an der Uni Potsdam studiert und in einer kurdischen Studierendenvereinigung aktiv ist. „Aber irgendwann habe ich ihn immer schlechter verstanden. Und er spricht sehr gut Deutsch – also haben wir irgendwann die Sprache gewechselt.“
Sprache und Traditionen
Dass viele kurdische Familien in Zentralasien ihre Sprache bewahren konnten, könnte auch mit den politischen und sozialen Umständen zusammenhängen. Um langfristig in Kasachstan leben zu können, ist der Erwerb kasachischer Sprachkenntnisse keine zwingende Grundvoraussetzung. Auch die weit verbreitete Verkehrssprache Russisch kann ohne Probleme durch Bildungs- und Behördensysteme im Land leiten. Wer andererseits in Deutschland, Frankreich oder Schweden lebt, wird jedoch kaum durch den Alltag, den Beruf und die Behörden kommen, wenn man sich nur der internationalen Verkehrssprache Englisch bedient. Ja, Englisch reicht vielleicht für einen kurzen oder mittelfristigen Aufenthalt. Langfristig reicht es jedoch nicht, nicht fürs Leben und all seine Herausforderungen.
Dazu kommt die finanzielle Förderung von Kurdischlehrer*innen und Sprachkursen in Kulturzentren in Kasachstan. An verschiedenen Schulen in den Gebieten mit einer hohen Dichte an Kurd*innen wird Kurdisch bis zur Oberstufe angeboten. „Außerdem gibt es das sogenannte ‘Völkerhaus’“, sagt Ibrahim Mamedov. „Es ist vollkommen normal, dass unterschiedliche Ethnien hier miteinanderleben, vor allem in den vielen Vororten der Städte.“ Und dann wäre da noch die kulturelle Schnittmenge: Sowohl in Kasachstan als auch in Kurdistan gilt Nauryz als der wichtigste Feiertag im Jahr.
Carla hat dagegen lange nur auf einem abstrakten Verständnis ihrer kurdischen Familiengeschichte aufbauen können. „Das Kurdische war natürlich präsent, weil es meinem Vater sehr wichtig war. Aber abgesehen von Telefonaten kannte ich meine Verwandten nicht. Erst als ich mit neun Jahren das erste Mal in Erbil war, hatte ich das Gefühl dazuzugehören.“ An diese Stelle passt ein Zitat, das sowohl einer Figur aus Fatma Aydemirs „Dschinns“ als auch Ibrahim Mamedov zugeordnet werden kann. Der Wortlaut stimmt bei beiden Quellen, freilich abgesehen vom jeweiligen Kontext, überein. „Kurdisch zu sein bedeutet, sich selbst als kurdisch zu fühlen.“ Wer auch immer nach Kasachstan komme und sich dabei als Kurde oder Kurdin empfinde: Bei „Barbang“ sind sie alle willkommen!
Dass man Sprache und Traditionen nicht gänzlich auf die Frage nach der ethnischen Zugehörigkeit reduzieren kann, hat Carla schon in ihrer Familie gespürt: “Kurdisches Leben und Zugehörigkeit fand primär über das gemeinsame Essen statt, aber zum Beispiel weniger über Feste“, sagt sie. Außerdem seien ihr viele kurdische Kinderbücher vorgelesen worden, auch das sei prägend in Erinnerung geblieben.
In Kasachstan sind Kurd*innen inzwischen in allen Arbeitsbereichen vertreten, egal ob in Medizin, Wissenschaft oder Sport. „Wer in ein kasachisches Krankenhaus geht, wird dort mindestens einen kurdischen Arzt finden“, sagt Ibrahim Mamedov. Ob das in dieser Drastik genauso stimmen muss, sei dahingestellt, ebenso wie die Einschätzung, dass Kurd*innen in Kasachstan etwa 1 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Das wären rund 150.000 Menschen. Laut dem jüngsten kasachischen Zensus leben knapp 52.000 Kurd*innen im Land. „Viele geben sich aber als Türken, Aserbaidschaner oder Iraner aus“, ist sich Ibrahim Mamedov sicher. Sein Argument ist nicht ganz unbegründet, wenn man an all die Kurd*innen denkt, denen das Etikett „Türkei“ oder „Iran“ aufgeklebt wurde.
Immerhin kann er sich nach dieser Logik sicher sein, dass der Anteil an Kurd*innen, die ihre Identität geheim halten, in naher Zukunft sinken muss. Spätestens mit einem neuen Buch von Fatma Aydemir oder einer EP von Ebow werden sich einige junge Kurd*innen von neuem befragen, warum sie sich im Buch oder Liedtext so stark wiederfinden. Vielleicht werden einige von ihnen beginnen, Fragen über ihre eigene Familiengeschichte zu stellen, die lange ungestellt und unbeantwortet geblieben sind.























