Kasachstan erwärmt sich schneller als der globale Durchschnitt. Regionale Klimamodelle prognostizieren für Zentralasien bis 2074 einen Temperaturanstieg von vier bis sechs Grad Celsius. Diese Entwicklung hat besonders spürbare Folgen für die Landwirtschaft: zunehmende Dürren, unregelmäßige Niederschläge, sinkende Bodenfruchtbarkeit und stagnierende Ernteerträge. Für ein Land, in dem fast ein Drittel der Erwerbsbevölkerung in der Landwirtschaft arbeitet und das zu den größten Getreideexporteuren der Welt zählt, ist der Klimastress keine abstrakte Bedrohung.

Die Strategie zur Erreichung der Klimaneutralität Kasachstans bis 2060 und der jüngst von der kasachischen Regierung aktualisierte Nationale Klimaschutzbeitrag (NDC oder Nationally Determined Contribution) benennen eine klimafreundliche Landwirtschaft ausdrücklich als den zentralen Wege zur Emissionsminderung und zur Anpassung an die Herausforderungen des Klimawandels. Ein solcher Schritt, den es für die gesamte Region zu nehmen gilt, verläuft jedoch nicht reibungslos: Es fehlt an innovativen Ansätzen, an Forschung und Expertise, an qualitativ hochwertigen politischen Initiativen und an unabhängiger Beratung. Damit diese Lücke geschlossen werden kann, braucht es eine kontinuierliche Kommunikation und stabile Kontakte zwischen Wissenschaftlern und politischen Entscheidungsträgern – und dafür wird wiederum mehr Expertise und internationale Erfahrung in der Forschung gebraucht. Das Unabhängige Institut für Umweltfragen hat nun als Berliner Umweltinstitut beschlossen, nicht mehr nur aus der Ferne zu forschen, sondern direkt vor Ort, in Kasachstan.

Wissenschaft und Gesellschaft zusammenbringen

Das Unabhängige Institut für Umweltfragen (UfU) wurde 1990 als erstes unabhängiges Umweltinstitut in den neuen Bundesländern gegründet. Die Gründungsinitiative entstand aus der DDR‑Bürgerbewegung heraus. Heute ist das UfU ein wissenschaftliches Institut und gemeinnütziger Verein mit rund 200 Mitgliedern, über 40 Mitarbeitenden und mehr als 60 Projekten pro Jahr im In- und Ausland. Das Institutsmotto „Umweltwissenschaft bürgernah“ bringt den Anspruch auf den Punkt: Wissenschaft soll gesellschaftlich wirksam sein, nicht im Elfenbeinturm verschwinden.

Das Institut arbeitet in mehreren Fachgebieten, die unter den Bezeichnungen Partizipation & Umweltrecht, transformative Bildung & Klimaschutz, Energieeffizienz & Energiewende, Naturschutz & Umweltkommunikation zusammengefasst werden. Neben dem Hauptsitz in Berlin gab es bisher nur ein Projektbüro in Hanoi (Vietnam), aber seit diesem Jahr ist ein weiteres Büro in Astana hinzugekommen. Das UfU ist außerdem eine Gastinstitution für das internationale Klimaschutzstipendium der Alexander‑von‑Humboldt‑Stiftung; für die zentralasiatische Region ist dabei ausdrücklich ein Fokus auf Projekte zur Klimaanpassung durch naturbasierte Lösungen wie Carbon Farming vorgesehen.

Im August 2024 unterzeichneten das UfU, das kasachische Landwirtschaftsministerium und das Kasachische Wissenschaftliche Forschungsinstitut für Wasserwirtschaft in der Berliner Botschaft Kasachstans ein Memorandum of Understanding. Anwesend war auch der kasachische Vize‑Premierminister Kanat Bosumbajew, was als ein deutliches Signal für den hohen Stellenwert gewertet wurde, welcher dieser Zusammenarbeit seitens Kasachstan zugemessen wird. Seit diesem Moment arbeitet das UfU daran, einen Sitz in Astana aufzubauen und die Forschung – diesmal vor Ort – fortzusetzen. In dieser Phase haben sich die zentralen Themen für Kasachstan und Zentralasien in der Einrichtung herauskristallisiert: nachhaltige Landwirtschaft, Carbon Farming sowie Boden‑ und Wassermanagement. Es gibt bereits erste Ergebnisse und Projekte, die in Kasachstan umgesetzt wurden.

Die Lage verstehen, bewerten und Polikansätze entwerfen

Bevor man wirklich in Prozesse eingreifen kann, muss man verstehen, wie kasachische Landwirtinnen und Landwirte den Klimawandel überhaupt wahrnehmen und einschätzen. Zum ersten Mal wurden in Kasachstan umfassende Befragungen durchgeführt – bei Landwirt:innen, politischen Entscheidungsträgern und Branchenakteuren. Die Ergebnisse des UfU‑Projekts 4646 bilden die Datengrundlage für die weitere Forschung. Die Studie analysiert, welche Klimaanpassungsstrategien in diesen Gruppen bekannt sind, welche Bereitschaft bei ihnen zur Umstellung besteht und welche strukturellen Hindernisse existieren.

Aufbauend auf diesem Verständnis folgt die Bewertung des Potenzials: Wieviel Kohlenstoff können Kasachstans Böden tatsächlich speichern – und unter welchen Bedingungen? CarbonIQ ist eine Pilotstudie, die die Machbarkeit von Carbon Farming in Kasachstan untersucht und dabei konservative, wissenschaftlich abgesicherte Methoden verwendet.

Zum Carbon Farming zählen unter anderem die konservierende Bodenbearbeitung (No-Till), das Belassen von Ernterückständen auf dem Feld, der Anbau von Zwischenfrüchten, Agroforstsysteme und ein verbessertes Düngemanagement. CarbonIQ untersucht auch die Möglichkeit, gespeicherten Bodenkohlenstoff durch unabhängige Organisationen zertifizieren zu lassen, um den Carbon Farmern so langfristig Zugang zu Klimafinanzierung und Kohlenstoffmärkten zu eröffnen.

Das bisher umfangreichste Ergebnis ist der im Januar 2025 veröffentlichte Policy Brief „Carbon Farming in Kazakhstan – Unlocking Climate and Agricultural Resilience“ und das begleitende technische Hintergrundpapier, das vom UfU zusammen mit internationalen Forschungspartnern erarbeitet wurde. Darin wird empfohlen, in verschiedenen Agrarregionen – von der nördlichen Steppe (Qostanai, Akmola) bis in den bewässerten Süden – Pilotzonen einzurichten, in denen No‑Till, Agroforstsysteme, Biokohle und Zwischenfrüchte getestet werden. Zudem werden Vorschläge zur Digitalisierung der Monitoringsysteme gemacht: Eine nationale digitale Monitoring‑, Berichts‑ und Verifizierungsplattform soll Bodenproben und Fernerkundungsdaten in entsprechende Modelle integrieren, um das Carbon Farming wissenschaftlich nachvollziehbar und politisch anschlussfähig zu machen.

Was können diese Projekte den Landwirten Kasachstans bringen?

Ohne zusätzliche Maßnahmen wird pro jedem weiteren Grad des Temperaturanstiegs ein Ertragsverlust von etwa sechs Prozent beim Weizen erwartet. Man rechnet also mit erheblichen Auswirkungen angesichts der derzeitigen Produktionsvolumina in Kasachstan. Die Einführung von Carbon‑Farming‑Praktiken soll den Zustand der Böden verbessern, ihr Wasserhaltevermögen erhöhen und ihre langfristige Gesundheit fördern. Diese Ansätze verringern die Erosionsgefahr und sollen helfen, trotz zunehmend häufigen Wetterextremen stabilere Erträge zu erzielen.

In Nordkasachstan zeigen Versuche mit einer konservierenden Bodenbearbeitung, dass die im Boden verbleibenden Ernterückstände die Winderosion deutlich verringern und in manchen Jahren die Weizenerträge sogar steigern können. Mittelfristig verspricht dies niedrigere Produktionskosten durch einen effizienteren Einsatz von Kraftstoff und Düngemitteln. Mit solchen Schritten kann sich Kasachstan als regionaler Vorreiter für klimafreundliche Landwirtschaft in Zentralasien etablieren. Alle diese Projekte tragen dazu bei, dem strategischen Ziel der Klimaneutralität bis 2060 näherzukommen. Immer deutlicher zeigt sich, dass nachhaltige Produktionsweisen langfristig mehr zu bieten haben – und wirtschaftlich oft rentabler sind – als klassische, stark input‑intensive Ansätze.

Die Einführung neuer Technologien ist jedoch ohne den menschlichen Faktor kaum möglich: Es braucht mehr Aufklärung und Schulung von Berater:innen, faire Anreize für Landwirt:innen und Offenheit für Experimente und neue Ansätze.

Wie kann man dazu beitragen?

Alle diese Projekte sind langfristig angelegt – es ist also keineswegs zu spät, einzusteigen, besonders wenn man bereits im Bereich Landwirtschaft oder nachhaltige Entwicklung arbeitet oder forscht. Das UfU verankert sich gerade erst in Astana; neue Stellen für Forschung, Koordination und Verwaltung werden nach und nach ausgeschrieben, und das Büro sucht aktiv nach Partner:innen in Wissenschaft, Praxis und Verwaltung.

Als Gastinstitution für internationale Klimaschutzstipendien bietet das UfU Forscher:innen aus Zentralasien die Möglichkeit, eigene Projekte zu Klimaanpassung, Carbon Farming oder Wassermanagement zu entwickeln und sich mit internationalen Netzwerken zu verknüpfen. Für Studierende in Kasachstan eröffnet das Institut praktische Wege der Zusammenarbeit – von Praktika über die Mitarbeit in Projektteams bis hin zu Abschlussarbeiten, die sich direkt auf die Transformation der Land‑ und Wasserwirtschaft beziehen. Auch zivilgesellschaftliche Organisationen können die neuen Strukturen nutzen: Die Vereinbarungen des UfU mit dem Landwirtschaftsministerium Kasachstans schaffen eine offizielle Brücke in die nationale Agrarpolitik und erleichtern gemeinsame Projekte, etwa zu Versuchsbetrieben, Weiterbildung oder Monitoring. Je besser diese Brücke genutzt wird, desto größer ist die Chance, dass Carbon Farming und andere klimaresiliente Praktiken nicht im Pilotstatus stecken bleiben, sondern in der Breite ankommen.

Ob die in Kasachstan entwickelten Ansätze auch tatsächlich ein Vorbild für Kirgisistan, Usbekistan oder Tadschikistan werden, entscheidet sich in den nächsten Jahren. Wenn es gelingt, Wissenschaft, Politik und Praxis dauerhaft ins Gespräch zu bringen, kann Astana mehr sein als nur ein weiterer Projektstandort, nämlich ein echter Klimahub für die gesamte Region.

Darya Koppel

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