Zu Besuch bei einem Bogenmacher in Kirgisistan
Das größte Zimmer in Yuras Haus ist seine Werkstatt und in den Holzregalen an der Wand liegt kreuz und quer, was er an Materialien benutzt. Grob geschnittene Holzstücke, große Tierhörner, Sehnen oder Pfeile stapeln sich. Auf dem großen Werktisch liegen angefangene Bögen, an denen er arbeitet, und warmes Tageslicht fällt durch leichte Spitzengardinen auf das kreative Chaos.
Yura kommt aus der Tschechischen Republik, lebt aber bereits seit vier Jahren in Kirgisistan. Dort produziert er traditionelle Bögen per Handarbeit. Es sind sogenannte Hornbögen, die für Zentralasien und die Mongolei typisch sind. Außerdem bietet Yura mehrtägige Camps an, bei denen sich alles um Horseback Archery dreht – eine traditionelle Sportart der Region, bei der vom Pferd aus mit Pfeil und Bogen auf Zielscheiben geschossen wird. Horseback Archery wird auch eine große Rolle spielen, wenn Kirgisistan 2026 als Gastgeberland für die World Nomad Games auftritt.
Die Kunst der handgemachten Kompositbögen
Yuras Bögen, für die er ausschließlich natürliche Materialien benutzt, seien verhältnismäßig klein, wie er mir erklärt: „In Zentralasien und der Mongolei wurden die Bögen beim Reiten genutzt. Große, starre Holzbögen, wie sie in Europa üblich sind, eignen sich für diese Art der Nutzung nicht.“ Stattdessen besteht der Hornbogen nur im Kern aus Holz, welches über einen langen Zeitraum hinweg bearbeitet wird. „Das Material muss langsam in Form gebracht, geleimt und gebogen werden. Wenn man zu schnell daran arbeitet, kann der Bogen brechen“, erklärt Yura, während er einen unvollendeten Bogen gegen das Licht hält und seine Form prüft. Das Holz wird daher auf der Innenseite mit Horn ausgekleidet und die äußere Schicht mit Sehnensträngen verklebt. Sowohl die Hörner als auch die Stränge aus Achillessehnen stammen von Büffeln.
„Den Kleber stelle ich selbst her. Er wird aus Tierhaut gewonnen“, sagt Yura. Der innere Teil des Bogens wird bei der Nutzung stark zusammengedrückt. Horn kann als Material diesem Druck, im Gegensatz zu Holz, standhalten. Die äußere Seite des Bogens wiederum wird stark gedehnt, wofür sich die längs liegenden Sehnen besonders gut eignen. Solche Bögen, die aus verschiedenen Materialien bestehen, heißen Kompositbögen.
Bei den Enthusiasten des Bogenschießens ist Yura unter dem Namen Tengri Bows inzwischen ziemlich bekannt. Er ist einer der wenigen, die die traditionellen Hornbögen noch vollständig per Hand herstellen können. Schon als Kind hat er sich für diesen Sport und das Handwerk interessiert, geprägt von Filmen über Cowboys, Indianer und den wilden Westen. Unter anderem Karl May und Winnetou, sagt er, haben diese Neugier früh in ihm erweckt. Lange hat er in Europa gelebt und im Bereich Software und IT gearbeitet, bis ihm die Sonne keine Ruhe mehr gelassen hat: „Im Sommer im Büro zu sitzen – das habe ich einfach nicht mehr ertragen!“, erzählt er. Doch das ist nun schon zehn Jahre her.
Vom Selbststudium zum Meisterhandwerk
Also hat Yura das Reiten gelernt und angefangen, sich die Produktion von Bögen selbst beizubringen. Eine Person zu finden, die das lehrt, sei nicht möglich gewesen. Stattdessen nutzte er Videos und Bücher, um sich fortzubilden. Aber dabei blieb es nicht: Er wollte die Tradition perfektionieren und spezialisierte sich auf Hornbögen aus dem 13. und 14. Jahrhundert, die im Reich Dschingis Khans genutzt wurden. In Veröffentlichungen über archäologische Ausgrabungen findet Yura viele Informationen sowie detaillierte Maßangaben der originalen, historischen Bögen. Zudem reiste er für zwei Monate in die Mongolei, um dort im Umfeld der Hauptstadt Ulan-Bator mit Hirten nomadisch zu leben.
Bis Yura seinen ersten Bogen verkaufen konnte, dauerte es zwei Jahre. Inzwischen stellt er Bögen und Lederköcher auf Anfrage her. Auf seiner Werkbank liegen aktuell zwei Auftragsarbeiten, an denen er bereits seit mehreren Monaten arbeitet. „Die Herstellung eines Bogens kann bis zu einem Jahr dauern“, erzählt er mir. Im letzten Arbeitsschritt wird der Bogen gespannt und eingeschossen, bevor er in den Besitz der Kundschaft übergeht. Da sich der Bogen Yura zufolge wie ein lebender Organismus verhalte, muss er in den ersten drei Monaten in regelmäßigen Abständen genutzt und dabei korrigiert werden, sonst können sich die Materialien verziehen.
Schließlich frage ich, ob mir Yura auch seinen eigenen Bogen zeigen könne. „Oh, der ist nichts Besonderes!“, lacht er und erzählt mir eine tschechische Redenswendung: Das Pferd des Hufschmieds geht immer barfuß. „So, wie der Hufschmied keine Zeit findet, um seinem eigenen Pferd die Hufe zu beschlagen, so habe ich keine Zeit, mir einen eigenen Bogen zu bauen.“























