In der Bibliothek des Goethe-Instituts Almaty fand eine offene Podiumsdiskussion aus der Reihe „Áńgimeler“ (kasachisch für „Gespräche“) statt, die sich mit dem Einfluss künstlicher Intelligenz auf den Kunstsektor, auf kulturelle Prozesse und verschiedene künstlerische Arbeiten beschäftigte. Vier Referenten, vier verschiedene Tische und viele brisante Fragen, die sich alle um das zentrale Problem rankten, ob die KI nur ein praktischer Assistent ist oder ob sie bereits einen Anspruch auf die Rolle einer eigenständig kreativen Autorin erhebt?

Die Veranstaltung fand in einem interaktiven Format statt, bei dem die Teilnehmenden alle 20 Minuten zwischen vier Thementischen wechselten, um diese Fragen mit unterschiedlichen Moderatorinnen und Moderatoren zu diskutieren.

Den einführenden Teil übernahm Dmitri Kletschko, Leiter der Sprachabteilung des Goethe-Instituts Kasachstan. Er steckte die Kernfragen der Diskussion ab: Wie verändern Technologien unsere Wahrnehmung von Kreativität und wo verläuft die Grenze der menschlichen Präsenz in der Kunst?

Wie verändert KI den Ausstellungsraum?

Die kasachische Kuratorin Julija Sorokina schlug vor, das Thema durch das Zusammenspiel von lebendiger, körperlicher Erfahrung, digitaler Umgebung und der Wahrnehmung von Kunst durch das Publikum in der heutigen Realität zu betrachten.
Der Schwerpunkt an ihrem Tisch lag auf dem Konzept des „Todes des Autors“: Wenn ein Werk auf das Publikum trifft, „stirbt“ der Autor, und der Text beginnt sein eigenes Leben zu führen. Im Kontext der KI ist dieser Gedanke besonders spürbar, da die Grenzen der Autorenschaft noch stärker verschwimmen.

Diskutiert wurde auch das Problem des „perfekten Inhalts“. Dem Publikum fällt es von Tag zu Tag schwerer, KI-generierte Texte und Bilder als solche zu erkennen. Diese „synthetische Perfektion“ ruft jedoch eine Gegenreaktion hervor: Das „unperfekte“, spontane menschliche Wort gewinnt immer mehr an Wert. Der Verzicht auf Algorithmen zugunsten echter Emotionen wird zu einem Weg, Aufrichtigkeit und eine lebendige Stimme zu bewahren.

Neben den spürbaren Auswirkungen auf den produzierten Content stellt sich eine ebenso drängende Frage: wie sollte die Nutzung von KI im Bildungsbereich aussehen? In den letzten Jahren sind die Folgen der KI für das akademische Selbstverständnis der Studierenden deutlich geworden. Durch den übermäßigen Einsatz von KI im Bildungsbereich verlagern Studierende die analytische Arbeit immer häufiger auf Algorithmen und verlieren dadurch nach und nach die Fähigkeit zu eigenständiger Recherche und kritischem Denken.

Digitaler Müll und Entfremdung

Die Sound- und Medienkünstlerin Kamila Naryschewa richtete den Fokus auf die Kehrseite der „schnellen“ Kreativität. An ihrem Tisch wurde die alltägliche und massenhafte Nutzung von KI in der Kunst kritisiert. Eine Flut von gleichförmigen und leicht generierbaren Bildern und Tönen erzeugt den sogenannten „Internet-Müll“, der tiefgründige künstlerische Konzepte verdrängen und entwerten kann.

Darüber hinaus erfordert die Generierung von Kunstinhalten das Training von neuronalen Netzen mit Werken realer Künstlerinnen und Künstler — was in der Regel ohne deren Zustimmung oder Erlaubnis erfolgt. Der Algorithmus nutzt fremdes Schaffen und generiert darauf aufbauend neue Ideen. Das wirft die logische Frage auf: Wo verläuft die Grenze zwischen technologischem Fortschritt und gewöhnlichem Plagiat?

Gleichwohl setzt Kasachstan wie die gesamte Welt aktiv auf KI — bis hin zur Gründung einer eigenen Fachbehörde. In dieser Realität bleibt uns nichts anderes übrig, als uns flexibel an die neuen Bedingungen in Studium und Beruf anzupassen und dabei einen kritischen Blick sowie die Fähigkeit zur eigenständigen Informationsfilterung zu bewahren.

Optimierung und die Grenzen von Ökosystemen

Einen pragmatischen und optimistischen Blick auf die Technologie präsentierte der Marketing-Spezialist und Techno-Blogger Gennadij Sacharow. Er nahm die Künstliche Intelligenz in Schutz und betonte, dass er entsprechende Algorithmen täglich zur Beschleunigung und Optimierung von Routineaufgaben nutze.

Nach Gennadijs Auffassung ist künstliche Intelligenz nicht in der Lage, einen versierten Experten zu ersetzen. Im Gegenteil: Für bereits etablierte Fachkräfte wird KI zu einem mächtigen Hilfsmittel, um berufliche Fähigkeiten weiterzuentwickeln und bessere Arbeitsergebnisse zu erzielen.

Der Experte unterstrich zudem die strategische Herausforderung für die Region: Kasachstan befindet sich derzeit in einer wichtigen Phase der Beschaffung von Servern und fertigen KI-Technologien. In einer solchen Zeit sei es entscheidend, „Zäune“ um die eigenen Ökosysteme zu ziehen, die lokale Infrastruktur auszubauen und die technologische Souveränität zu wahren, um Unabhängigkeit zu erreichen.

Der ökologische Fußabdruck der Technologie

Die Diskussion am Tisch von Künstlerin und Kuratorin Medina Basargali verlagerte das Thema von der Kunstphilosophie auf die ökologische Ebene. Medina machte auf eine „unsichtbare“, aber äußerst wichtige Seite der KI-Entwicklung aufmerksam: ihren immensen Energieverbrauch. Für den Betrieb von neuronalen Netzen werden leistungsstarke Server und riesige Rechenzentren benötigt, deren Aufbau in Kasachstan schwerwiegende Folgen nach sich zieht.

Diese Rechenkapazitäten verbrauchen gewaltige Mengen an Strom, was nicht nur enorme finanzielle Kosten verursacht, sondern auch die Umwelt direkt belastet. Angesichts des aktuellen Energiedefizits im Land verschärfen der Betrieb und die Unterhaltung solcher KI-Server die ökologische Lage und verstärken das Problem der globalen Erwärmung — Tatsachen, die in der aktiven Debatte über den technologischen Fortschritt oft unberücksichtigt bleiben.

Die Diskussion im Goethe-Institut hat gezeigt, dass künstliche Intelligenz nicht einfach nur ein weiteres Werkzeug wie ein Pinsel oder ein Grafiktablett ist. Das Gespräch bot die Gelegenheit, den Einfluss von Technologien auf verschiedene Lebensbereiche neu zu überdenken — von der akademischen Welt und Urheberrechtsfragen bis hin zu Ökologie und staatlicher Souveränität.

Die entscheidende Frage lautet heute nicht, ob KI den Kunstschaffenden die Arbeit wegnimmt, sondern wie der Mensch diese Technologien nutzen kann, um seine eigene, einzigartige Stimme und Empathie zu bewahren.

Alima Kaliyeva

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