Peter Aifeld beschäftigt sich seit fast zwei Jahrzehnten mit der Geschichte der Russlanddeutschen und damit auch mit der eigenen Familiengeschichte. Zum 85. Jahrestag der Deportation erzählt er, wie ein falsch geschriebener Nachname ihn zur Ahnenforschung brachte, welche Spuren die Deportation in seiner Familie hinterlassen hat und warum die moderne Genealogie heute neue Möglichkeiten eröffnet, verschollen geglaubte Familiengeschichten zu rekonstruieren.

Peter, du beschäftigst dich seit vielen Jahren mit der Ahnenforschung und der Geschichte der Russlanddeutschen. Wie hat deine eigene Familiengeschichte dein Interesse an diesem Thema geweckt?

Ich bin in Kasachstan geboren und mit fünf Jahren nach Deutschland gekommen. Meine Großmutter, eine Wolgadeutsche, hat bis zu ihrem 94. Lebensjahr gelebt und mir viel über die Deportation erzählt. Sie wurde 1926 geboren, feierte am 25. August 1941 ihren 15. Geburtstag, drei Tage später kam der Deportationserlass, und am 3. September wurde ihre Familie deportiert. Eigentlich hätte sie gerade in die achte Klasse kommen und ihren Abschluss der Mittelschule machen sollen.

Ein Auslöser für meine Ahnenforschung war mein eigener Nachname. Als Kind musste ich in Deutschland immer erklären, dass Aifeld mit „Ai“ geschrieben wird. Mit 16 wollte ich die Schreibweise ändern. Beim Standesamt forderte man mich auf, zu beweisen, dass der Name früher einmal auf Deutsch mit „Ei“ geschrieben wurde. Das war für mich der Anstoß, die Geschichte meiner Familie zu erforschen.

Dabei fand ich heraus, dass der Familienname ursprünglich Eichwald gewesen sein muss. Inzwischen kann ich meine Familie bis etwa 1800 im Russischen Reich zurückverfolgen, über eine genetische Verbindung sogar bis zur Zeit um 1600 und diese Spur führte nach Westpreußen.

Am Ende habe ich mich gegen eine Änderung meines Nachnamens entschieden. Mein Großvater hat sein Leben mit diesem Namen gelebt und damit Deportation und Arbeitslager überstanden. Und gerade dieser Name hat mich zur Familienforschung gebracht. Ohne ihn wäre ich wahrscheinlich nie Ahnenforscher und vielleicht auch nie Historiker geworden.

Was hast du bei der Erforschung deiner eigenen Familie über die Deportation von 1941 erfahren – und hat das deinen persönlichen Blick auf dieses historische Ereignis verändert?

Meine Urgroßmutter Elisabeth Eichwald, geborene Rosenberg, wurde 1888 bei Mariupol geboren. Sie verlor ihren Mann Philipp Eichwald bereits im Ersten Weltkrieg und wurde 1941 nach Kasachstan deportiert. Von ihren neun Kindern hat nur ein einziger Sohn überlebt – mein Großvater Peter.

Er selbst wurde im September 1941 in das Arbeitslager SolikamLag verschleppt, arbeitete dort als Holzfäller und zimmerte Särge für verstorbene Trudarmisten, um ihnen wenigstens eine menschenwürdige Bestattung zu ermöglichen.

Besonders nahegegangen ist mir das Schicksal seines Bruders Alexander Eichwald, genannt auch Aifeld: Der einfache Bergwerksarbeiter wurde 1937, im Zuge der „Deutschen Operation“ des NKWD, festgenommen, in einem Schauprozess als angeblicher deutscher Spion zum Tode verurteilt und unverzüglich erschossen.

Ja, das hat meinen Blick tatsächlich verändert: die Deportation von 1941 war für meine Familie nicht der Anfang der Verfolgung, sondern eher ein weiterer Höhepunkt einer langen Geschichte der Strapazen, die bereits viele Jahre früher begonnen hatten.

Deportationsbescheinigung (3.9.1941): David Geier (Urgroßvater von Peter Aifeld) mit Ehefrau Catharina Elisabeth geb. Schenk und den Kindern Viktor, Alexander und Emma (Großmutter von Peter Aifeld). Deportation von Nikolajewsk (Wolga) in den Kreis Ajagus (Ostkasachstan).

 

Welche Spuren der Deportation finden sich heute noch in den Familiengeschichten der Russlanddeutschen – und wie können Ahnenforschung und DNA-Genealogie dabei helfen, solche Spuren wieder sichtbar zu machen?

Viele Spuren sieht man zunächst gar nicht. Durch die Deportation kamen Familien aus unterschiedlichen Regionen zusammen, wodurch sich etwa sprachliche Spuren erhalten haben. An den deutschen Dialekten lässt sich teilweise erkennen, woher eine Familie ursprünglich stammt. Bei den Wolgadeutschen hört man oft hessische oder südhessische Elemente, bei anderen Familien finden sich plattdeutsche Begriffe.
Ich selbst habe das im Odenwald erlebt: Einige Wörter, die ich von meiner Großmutter kannte, werden dort heute noch genauso verwendet. Das war für mich sehr eindrücklich.

Weitere Spuren finden sich in Dokumenten, Kirchenbüchern, Familienarchiven und natürlich in der DNA. In unserer Forschungsgruppe zu den Planer-Kolonien bei Mariupol sind inzwischen rund 1.500 Menschen aktiv. Wir haben mehr als 81.000 historische Kirchenbucheinträge aus 16 katholischen Kirchspielen erworben und transkribiert.

Unser Ziel ist, diese Informationen möglichst vielen Menschen kostenlos zugänglich zu machen. So können sie schnell viel über ihre eigene Familie erfahren und mit ihnen bisher unbekannten Verwandten in Kontakt kommen. Ahnenforschung wird damit auch zur Bildungsarbeit und verbindet Menschen.

Du hast mit „Erinnerungsnaht“ ein Projekt wissenschaftlich geleitet, das Familien dazu gebracht hat, sich mit der Geschichte ihrer Vorfahren auseinanderzusetzen. Wie wichtig ist dieser Austausch zwischen den Generationen, gerade weil es immer weniger Zeitzeugen gibt?

Die Generation, die die Deportation selbst erlebt hat, war davon teilweise so stark betroffen, dass viele Menschen nur sehr wenig darüber erzählt haben.

In manchen Familien war die Deportation immer ein Thema, in anderen wurde darüber geschwiegen. Deshalb ist es wichtig, dass diese Geschichte aufgearbeitet und an die Nachkommen weitergegeben wird. Die Deportation so vieler Menschen aus dem europäischen Teil der Sowjetunion in den asiatischen Teil war kein kleines Ereignis, sondern ein einschneidendes Kapitel buchstäblich jeder Familiengeschichte.

Bei „Erinnerungsnaht“ wollten wir genau diese Verbindung zwischen den Generationen herstellen. Die Familien sollten sich zusammensetzen, die Geschichte eines Vorfahren aufschreiben und gemeinsam ein Foto machen. Eine Familie, die daran teilgenommen hat, hat beispielsweise die Geschichte ihres Urgroßvaters aufgeschrieben. Für das Foto versammelten sich die Großmutter, ihre Tochter, ihre Söhne und Enkelinnen. Kurz darauf ist die Großmutter gestorben. Heute sagt die Familie, dass sie ohne dieses Projekt wahrscheinlich nicht dieses letzte gemeinsame Bild gehabt hätte – und nicht diesen Moment, in dem sich alle noch einmal bewusst mit ihrer Familiengeschichte auseinandergesetzt haben.

Ich glaube, dass solche Momente sehr wichtig sind. Sie verbinden die Generationen und machen die Geschichte persönlich, fühlbar und nahbar.

Du beobachtest auch ein wachsendes Interesse junger Menschen an der eigenen Familiengeschichte. Was macht die Geschichte der Russlanddeutschen für die jüngere Generation interessant – und welche Rolle spielen dabei soziale Medien und digitale Möglichkeiten der Ahnenforschung?

Als ich mit 16 Jahren angefangen habe, war ich lange einer der Jüngsten, die sich mit diesem Thema beschäftigten. Bei unserer Tagung zu den Planer-Kolonien im Juli dieses Jahres haben wir aber gemerkt, dass gerade bei jüngeren Menschen großes Interesse besteht. Viele werden zum Bindeglied zwischen Eltern und Großeltern, stoßen über soziale Medien auf Informationen und beginnen, auch bisher in ihren Familien vermiedene Fragen zu stellen.

Ich glaube, viele sind heute auf der Suche nach ihrer eigenen Identität und stellen fest, dass das Bild ihrer Herkunft vielleicht nicht vollständig ist. Gerade in den Familien der Russlanddeutschen wurde vieles nicht erzählt. Wenn sie dann erfahren, dass die Deportation ein Teil ihrer Familiengeschichte ist, kann das sehr emotional sein.

Auch DNA-Tests eröffnen einen neuen Zugang zur Familiengeschichte. Viele finden dadurch Verwandte, von denen sie bisher nichts wussten. Deshalb versuche ich, über soziale Medien mehr Informationen zugänglich zu machen. So können auch Menschen, die nicht zu Veranstaltungen nach Deutschland reisen können, forschen und sich mit anderen austauschen.

Der 85. Jahrestag rückt die Deportation der Russlanddeutschen in diesem Jahr wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein. Was bedeutet dieser Jahrestag für dich persönlich, und was möchtest du den Nachkommen der Deportierten mitgeben?

Für mich hat der 85. Jahrestag eine ganz besondere Bedeutung, weil meine Großmutter am 25. August 100 Jahre alt geworden wäre. Wir gedenken also gleichzeitig ihrer und der Deportation, von der sie unmittelbar betroffen war.

Ich finde es wichtig, dass die Geschichte der Deportation der Deutschen in der Sowjetunion in der deutschen Gesellschaft einen festen Platz bekommt – auch im Schulunterricht und im gesellschaftlichen Bewusstsein. Noch immer wissen viele Menschen zu wenig darüber. Und selbst unter den Nachkommen der Deportierten gibt es viele, die gar nicht wissen, dass ihre Familien betroffen waren. Durch Repressionen und das Schweigen wurde diese Geschichte teilweise über Generationen nicht weitergegeben.

Das Gedenken verbindet Menschen weltweit. Die Deportation betraf diejenigen, die 1941 noch in der Sowjetunion lebten. Andere Familien waren bereits nach Kanada, in die USA oder nach Südamerika ausgewandert. Auch ihre Nachkommen sind heute Teil dieser Erinnerung.

Im vergangenen Jahr habe ich das selbst noch einmal sehr intensiv erlebt. Meine Mutter und ich sind nach Kasachstan gereist und waren auch in Ajagus. Dort wurden meine Familienangehörigen 1941 aus den Deportationszügen ausgeladen, bevor sie auf verschiedene Siedlungen verteilt wurden. Für mich war es sehr bewegend, an diesem Bahnhof zu stehen und mir bewusst zu machen: Hier ist meine Familie damals angekommen.

Wir waren auch in dem Dorf, in dem meine Mutter geboren wurde. Es existiert heute nicht mehr, aber ein großes Denkmal erinnert an die Familien, die dort einst lebten. Auch meine Familie ist dort als deutsche Familie verzeichnet.

Da wurde mir noch einmal bewusst: Ahnenforschung und Geschichte beginnen immer bei einem selbst. Allein mein Geburtsort kann schon Fragen aufwerfen. Wenn jemand deutscher Abstammung ist und in einem kasachischen Dorf geboren wurde, sollte er sich doch fragen: Warum ist das so? Was ist die Geschichte dahinter? Und genau dort beginnt für mich die Spurensuche.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Annabel Rosin.

Teilen mit:

Hinterlasse eine Antwort

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein