Physiker, Schauspieler, Regisseur und Musiker – auf den ersten Blick lassen sich diese Berufe nur schwer in einer Person vereinen. Für Peter Esau jedoch gehören sie ganz selbstverständlich zusammen. In seiner Familie wurde Plattdeutsch gesprochen – ein niederdeutscher Dialekt, der eng mit der Geschichte der Mennoniten verbunden ist. Aufgewachsen ist er in Almaty, das er bis heute als eine der wichtigsten Quellen seiner Liebe zum Theater betrachtet.

Das Theater spielte schon in seiner Kindheit eine wichtige Rolle. Seine Schwester ist Balletttänzerin, deshalb besuchte Esau schon früh Ballettaufführungen und das Staatliche Akademische Abai-Theater für Oper und Ballett (GATOB). Später kamen das Lermontow-Theater und das Deutsche Theater hinzu. 

„In Almaty bin ich einfach in so ein Umfeld hineingeraten“, sagt er. Mit elf Jahren begann Esau, selbst Theater zu spielen. Er nahm an kreativen Projekten und Inszenierungen teil und genoss es, auf der Bühne ein anderes Leben zu erleben und diese Erfahrung mit dem Publikum zu teilen. 

Zunächst nur ein Hobby

Doch als es nach der Schule darum ging, sich für einen Beruf zu entscheiden, blieb das Theater zunächst ein Hobby. Seine Eltern beeinflussten seine Entscheidung, Physik zu studieren, und auch Esau selbst interessierte sich für die Teilchenphysik, also für die Wissenschaft von den „Bausteinen, aus denen unsere gesamte Realität aufgebaut ist“.

Heute sagt Esau selbst, seine Schauspielkarriere wäre wohl schon weiter, wenn er direkt eine Schauspielausbildung begonnen hätte. Seinen Weg bereut er trotzdem nicht.

„Auch an der Uni habe ich Theater gemacht und ein bisschen bei KVN, einem humoristischen Bühnenwettbewerb, mitgemacht. Aber insgesamt habe ich mich an der Uni natürlich mehr mit Physik beschäftigt.“

Heute nimmt das Theater allmählich den wichtigsten Platz in seinem Leben ein. Esau hat ein Stück fürs Puppentheater inszeniert, in dem er gleichzeitig als Regisseur, Schauspieler und Musiker auftritt. Vor Kurzem bestand er außerdem das Casting am Kinder- und Jugendtheater (am „Theater des Jungen Zuschauers“) in Almaty.

„Natürlich geht damit gerade wirklich ein Traum für mich in Erfüllung.“

Und bei diesem Casting gab es für Esau noch ein besonderes Detail: Beim Vorsprechen sollte er erneut Krylows Fabel „Der Wolf und das Lamm“ vortragen, also genau jene Fabel, die er erstmals mit elf Jahren gelesen hatte, als er gerade begann, sich mit dem Theater zu beschäftigen.

Im Verlauf von 18 Jahren hat sich vieles verändert: Er entschied sich zunächst für die Physik, absolvierte die Universität und beschäftigte sich mit Forschung und Lehre. Und doch kehrte er letztlich beim Casting zu genau demselben Text zurück, mit dem es vor fast zwei Jahrzehnten angefangen hatte.

„So inspiriert habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Diese Fabel hat einfach so tief in mir gesessen.“

Die deutsche Sprache, die zu Hause geblieben ist

Von väterlicher Seite stammt er aus einer deutschen Familie. Seine Vorfahren waren Mennoniten, die aus religiösen Gründen das Tragen von Waffen ablehnten und deshalb mehrfach umsiedeln mussten.

Zunächst kam die Familie nach Polen, später in das Gebiet der heutigen Ukraine und danach nach Sibirien. Esaus Vater zog schließlich nach Almaty und holte seine Eltern dorthin. Sie ließen sich in dem Städtchen Issyk nieder und lebten dort für eine lange Zeit. In Issyk hatten sie ein kleines Haus mit etwa vierzig Obstbäumen.

„Ich habe Tagebücher, eine Menge Lieder und Kirchenhymnen. Alles ist in einer wunderschönen, kalligrafischen Schrift aus dem 19. Jahrhundert geschrieben.“ Seine Großmutter sprach Hochdeutsch und Plattdeutsch und etwas Russisch.

Er besuchte das Deutsche Gymnasium Nr. 18 in Almaty, an dem die meisten Fächer auf Deutsch unterrichtet wurden. Später aber, in der physikalisch-mathematischen Abteilung der Schule, musste er sich daran gewöhnen, Mathematik auf Russisch zu lernen. „Für mich ist Deutsch die Sprache der Philosophie, die Sprache der Logik, die Sprache der Technik.“

Er las Ludwig Wittgenstein auf Deutsch und sieht in der Sprache eine eigene Möglichkeit, die Welt zu verstehen. Deutsch ist weiterhin Teil seines Lebens: Er spricht die Sprache mit Freunden, singt im Chor der Gesellschaft Wiedergeburt und schreibt Gedichte und Lieder.
„Ich möchte, dass meine Kinder Deutsch sprechen“

In seiner Familie werden Weihnachten und Ostern gefeiert, es gibt Hymnen und traditionelle Gerichte. Er erinnert sich an mit Kirschen gefüllte Teigtaschen, Kartoffelgerichte und gemeinsame Familienfeiern. Esau selbst spielt mehrere Musikinstrumente und träumt davon, eines Tages ein echtes deutsches Horn zu besitzen und damit bei Festen aufzutreten.

„Ich möchte sehr gerne, dass meine Kinder Deutsch sprechen und die deutschen Traditionen bewahren. Und dass sie zumindest ein paar Mal in Deutschland gewesen sind.“

Für immer dorthin zu ziehen, plant er derzeit nicht, aber er hegt den Traum, irgendwann einmal für einige Jahre in Deutschland zu leben.

Nicht nur einen Weg wählen

Vielleicht liegt genau darin die Geschichte von Peter Esau. Er versucht nicht zu entscheiden, wer er ist – Physiker oder Schauspieler, Deutscher oder Kasachstaner, Musiker oder Regisseur. Er möchte einfach keinen Teil von sich aufgeben.

Eines seiner größten Projekte ist ein russisch-deutsches Musikfilmprojekt, an dem er rund zwei Jahre gearbeitet hat. Darin verbindet er moderne Physik, Philosophie, Musik und drei Sprachen – Russisch, Deutsch und Altgriechisch.

„Mich inspiriert es, Theater zu machen, ein neues Leben zu erleben und diese Erfahrung mit dem Publikum zu teilen.“

Vielleicht wird es davon noch viele Fortsetzungen geben: eine neue Bühne, ein neues Stück, ein weiteres Lied auf Deutsch oder ein ganz anderes Projekt. Peter Esau scheint zu den Menschen zu gehören, die nicht nur einen Weg wählen wollen, sondern immer wieder einen neuen entdecken.

Veronika Librikht

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