„Kasachische Schwulen- und Lesbengemeinde lädt Freunde aus Moldawien, der Türkei und der Ukraine ein“, so lautete die Interfaxmeldung vom 11. Juni 2008 um zwei Uhr nachmittags. Eine Stunde später wird sie durch eine erneute Meldung relativiert: „Die Regierenden Kasachstans wissen nichts von der erwähnten Regenbodenparade.“ In der Zwischenzeit jedoch hatte die Nachricht alle Medien der Stadt in Aufruhr versetzt.

/Bild: Pixelio / Jörn André Klatt/

Rekonstruieren wir die Geschehnisse: Zunächst wird von Interfax Kasachstans erste Regenbogenparade, also ein karnevalsartiger Umzug der Lesben- und Schwulengemeinde (LGBT), für Samstag den 21. Juni angekündigt: „Am Astana-Platz werden Tanzgruppen und Vertreter des kasachischen Showbusiness auftreten. Es werden gratis Informationsmaterialien und Verhütungsmittel an alle Interessenten verteilt“, heißt es. Ziel der Veranstaltung sei es, Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten in der Gesellschaft zu proklamieren und die Aufnahme eines Dialoges über Toleranz zu initiieren.

Gleich danach wird eine zweite Meldung veröffentlicht, die Sergej Kurjanow, den Pressesekretär des Bürgermeisters von Almaty mit ins Spiel bringt. Ihm zufolge sei bei der Stadtverwaltung kein Ersuchen bezüglich der Bewilligung einer Regenbogenparade eingereicht worden. Des Weiteren bemerkt er: Wenn man berücksichtige, dass am 21. Juni die jährlichen Abschlussbälle der Schulabgänger stattfinden, sei das Ganze entweder eine Provokation oder ein Scherz. Soweit die Meldungen, bei denen alles seinen Anfang nahm und auf die man sich auch zurückgeworfen sieht. Denn weitere Informationen sind nicht einzuholen. Die magere Homepage von „Aladi“ der Lesben- und Schwulengemeinde Almatys erwähnt die Regenbogenparade mit keinem Wort. Die dort angegebene Telefonnummer ist nicht besetzt.
Was am Ende bleibt, sind die Interfax-Meldungen und die Meldungen, die aus ihnen hervorgegangen sind. Unsicheres, wild blühendes Terrain, in dem Spekulation und Hoffnung ihre Blüten schlagen. Dieser Vielfalt, diesem Garten an Meinungen und Meldungen, liegt eines zugrunde, nämlich die Frage, wie es denn um die Situation der sexuellen Minderheiten in Kasachstan steht?

Wäre es, abgesehen davon, dass das Datum von offizieller Seite aus unpassend ist, generell möglich, für eine solche Parade die Genehmigung zu bekommen? Anders herum, war es das kasachische Laisser-faire, das die Organistoren bis jetzt von dem Ansuchen zurückhielt? Oder waren sie sich vielleicht der Unmöglichkeit ihrer Forderung bewusst?

Trifft Zweiteres zu, so kann man nur gratulieren. Denn demnach wurde Interfax dazu benutzt, um eine ganz dem Motto situationistischer Kommunikationsguerilla „Sei realistisch, verlange das Unmögliche“ verpflichtete, gezielte Provokation zu lancieren. Ob dem so ist oder nicht, lässt sich nicht eruieren. Man kann darüber genauso streiten, wie über den Nutzen einer solchen Provokation, aber ein Lachen war die gestiftete Verwirrung allemal wert.

 Wann und ob die Regenbogenparade nun stattfindet, bleibt im Unklaren. Aber man muss sich nur ein wenig in Geduld üben, denn spätestens am Samstag wird sich am Astana-Platz der Schleier lüften, und es wird sich zeigen ob es bunt wird oder ob alles nur Traum war.

Von Bernd Hrdy

20/06/08