Die kasachische Währung ist älter als der Euro und hat zudem weniger Probleme als dieser. Für Kolumnist Bodo Lochmann spiegelt die Geschichte des Tenge aber auch viele Probleme der Wirtschaft Kasachstans.

Der kasachische Tenge ist gerade 19 Jahre alt geworden, ist also sozusagen am Ende seines Teenageralters und damit an der Schwelle des Erwachsenenwerdens. Der Tenge ist damit übrigens älter als der Euro, der bekanntlich momentan mit einer Reihe von Problemen kämpft. Der Tenge hingegen zeigt solche großen Probleme wie der Euro nicht, zumindest nicht direkt. Der Wechselkurs zum Dollar ist mit einer Größe um 150 Tenge seit 2009 ziemlich stabil und auch die Inflationsrate bewegt sich mit ihren sechs bis sieben Prozent auf einem zwar für Europa kaum vorstellbar hohen, in Kasachstan gesellschaftlich aber eher akzeptierten Niveau, das sich auch auf absehbare Zeit kaum verringern wird.

Ein Blick in die nun fast zwanzigjährige Geschichte des Tenge deckt jedoch eine ganze Reihe von Problemen auch, die sich am ehesten an der Veränderung des Wechselkurses zum Dollar, der auch in Kasachstan mit weitem Abstand unangefochtenen Reservewährung Nr. 1 ist, festmachen lassen. Als der Tenge im Jahre 1993 startete, betrug der Wechselkurs zum Dollar 4,70 Tenge. Damals hatte Kasachstan ein System fester Wechselkurse, d. h. nicht Angebot und Nachfrage nach Devisen bestimmten deren Relation untereinander, sondern die Nationalbank Kasachstans legte den Kurs für eine mehr oder weniger lange Zeit fest. Die 4,70 Tenge pro Dollar entsprachen den damaligen Kaufkraftparitäten der beiden Währungen. Die heutigen 150 Tenge zeugen davon, dass es zum einen in Kasachstan eine viel höhere Inflation als in den USA gegebene haben muss und zum anderen davon, dass die Nachfrage nach den Dollar nach wie hoch ist. Der heutige Kurs drückt ja weitgehend die Verhältnisse auf dem nationalen Devisenmarkt aus, d. h. die Relation zwischen Angebot und Nachfrage: Seit 1999  hat Kasachstan ein flexibles Wechselkurssystem, in dem die Nationalbank nur begrenzt in die Wechselkursbildung eingreift, sondern diese dem Markt überlässt.

Schaut man sich die Geschichte des Tenge etwas genauer an, sieht man, dass der erste große Schlag gegen den Tenge in die ersten beiden Jahre seiner Existenz fiel. Nach Start mit 4,70 Tenge stieg der Dollarpreis auf 54,26 Tenge, d. h. um den Faktor 11,5. In den folgenden vier Jahren fiel das Abwertungstempo zwar, aber 1998 stand der Kurs trotzdem bei 84 Tenge. Diese starke Abwertung in so kurzer Zeit erklärt sich klar aus der miserablen Wirtschaftssituation, in der sich Kasachstan nach dem Zerfall der UdSSR befand, die noch durch die  stark sinkende Nachfrage nach Öl verstärkt wurde. 1998 beispielsweise stand der weltweite Ölpreis bei etwa 10 Dollar pro Barrel (heute über 100 Dollar) und die Ölförderung Kasachstans betrug knapp 20 Millionen  Tonnen (heute 82 Millionen Tonnen).

Ab 1999 dann konnte die Nationalbank das System fester Wechselkurse nicht mehr aufrechterhalten, weil de facto alle Devisenreserven für die Stützung des Tenge  verausgabt waren. Nach der Wechselkursfreigabe sprang der Kurs innerhalb eines Jahres auf 138 Tenge, eine Abwertung um stolze 64 %. Danach verringerte sich das Abwertungstempo auf vier bis fünf Prozent pro Jahr, bis 2002 mit 156 Tenge das bisher niedrigste Niveau erreicht wurde. Gegenüber dem Starttermin bedeutete das eine Abwertung um das 33fache. Zwischen 2003 und 2007 setzte dann der gegenteilige Prozess ein – es gab eine Aufwertung des Tenge. 2007 mussten nur noch 120 Tenge pro Dollar bezahlt werden, und viele Ökonomen prognostizierten infolge des starken Zustroms von Dollar aus dem nun attraktiven Ölgeschäft eine Aufwertung auf bis zu 100 Tenge. Doch es kam anders. Im Februar 2009, als noch nicht klar war, dass sich die Weltwirtschaft relativ schnell von der Finanzkrise erholen würde, setzte die Nationalbank den Wechselkurs wieder bei 150 Tenge an, womit das Ziel verfolgt wurde, einerseits die Nachfrage nach Dollar zu verringern und so die Devisenreserven zu schonen und um zweitens den heimischen Exportbetrieben Möglichkeiten der Verbesserung ihrer Rentabilität in Tenge zu geben.

Das seither ziemlich stabile Wechselkursverhältnis zwischen Tenge und Dollar ist durch den Ankauf von Devisen durch die Nationalbank, vor allem aber den ausgeglichenen Zu- und Abfluss von Devisen bedingt. Die hohen Exportüberschüsse werden weitgehend kompensiert durch die negative Dienstleistungsbilanz und den Abfluss von Devisen aus Auslandsinvestitionen oder auch kasachischen Investitionen im Ausland.

Aus der Entwicklung des Wechselkurses des Tenge lässt sich nicht nur eine interessante wirtschaftshistorische Betrachtung erstellen, sondern es lassen sich viele Probleme der Wirtschaft Kasachstans erkennen, manchmal direkt, manchmal eher indirekt.

Bodo Lochmann

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