Eine Fluggesellschaft ruft zu einem Kurzgeschichten-Wettbewerb auf zum Thema Fliegen auf. Doch Kolumnistin Julia Siebert kann sich partout an keine spannenden Geschichten erinnern, die ihr im Flugzeug passiert sind.

Die tollsten, spannendsten und lustigsten Geschichten passieren im Flugzeug – behauptet eine bekannte Fluggesellschaft in ihrer Ausschreibung zu einem Kurzgeschichten-Wettbewerb. Stimmt ja gar nicht.

An Wettbewerben, die mit saftigen Preisen locken, nehme ich gerne teil. Und Geschichten schreibe ich auch gern. Und wenn es lustig oder spannend zugeht, ist das auch ganz nach meinem Geschmack. Und geflogen bin ich auch schon häufig. Und da habe ich allerhand erlebt. Alles klar, ich nehme teil! Ich setze mich mit gespitztem Bleistift an mein Schreibpult und lasse mein Hirn meine Reiseerlebnisse abspulen, auf der Suche nach passenden Anekdoten, die ich zu einem preisverdächtigen Beitrag verarbeiten kann. Immer wieder Flüge in Europa. Etliche Flüge nach und in Russland. Auch mal Indien. Amerika, jüngst und damals. Einige Situationen plöppen auf, jedoch: keine bahnbrechende Story! Das dollste, was ich mal erleben musste, war eine 29stündige Wartezeit am Flughafen in Omsk. Spektakulär fand ich allerdings nur die Stundenzahl, die wurde jedoch zuletzt von einem Freund getoppt, der fast eine Woche! in Irland auf seinen Flug warten musste. Wegen Smog.

Wenn ich Revue passieren lasse, wie meine Flüge abgelaufen sind: Es saß sich immer eng, viel zu eng. Die Sitznachbarn waren mehr oder weniger nett, viele reserviert, was OK war; einige dick, was nicht so OK war, da es für mich noch enger wurde. Die Leute vor oder hinter mir saßen unruhig, so dass ich entweder den Vordersitz ins Gesicht gedrückt bekam oder jemand von hinten an meinem Sitz ruckelte und stupste. Manchmal beides. Das Essen war meist essbar, aber nicht wirklich lecker. Es war mir immer zu laut, zu kalt oder zu warm, und ich war nach fast jedem Flug total gerädert. Ich war immer! neidisch auf die erste Klasse und war oft versucht, meine letzten Euro für ein Upgrade in die erste Klasse auszugeben. Die Flüge selbst waren meist öd. Einmal, nach Sarajevo, gab es heftige Turbulenzen. Aber ob öd oder turbulent, stets war ich heidenfroh, wenn der Flug endlich vorbei war. So, wie es halt mit dem Fliegen ist.

Jetzt habe ich zwar einen Beitrag für die Kolumne, immerhin, aber noch immer keine Story für den 1. Preis des Wettbewerbs. Da muss ich wohl etwas erfinden. Ich glaube, das darf ich sogar. Also nochmal von vorn: Was passiert theoretisch Tolles im Flugzeug? Eine ganz tolle Liebesgeschichte! Zu abgedroschen. Wie wärs mit ein bisschen Slapstick mit Kettenreaktionen: Jemand stolpert von einem Fettnäpfchen ins nächste Unglück und torkelt am Ende völlig derangiert aus dem Flugzeug … Meine Synapsen wollen das nicht so richtig aufgreifen. Ich lege das Projekt erst mal auf Eis und hoffe, dass mir später etwas einfällt, unter der Dusche oder beim Schuheputzen. Ein paar Tage später erzählt mir eine Freundin vom schrecklichsten Flug in ihrer Flugbiographie. Der Flug selbst war unspektakulär, aber in ihrem Kopfkino liefen die tollsten Dinge ab, weil sie naiv und unbedacht Pfefferspray in ihr Gepäck gesteckt hat, um dann im Flugzeug von Panikattacken ergriffen zu werden, weil sie sich vorgestellt hat, wie das Ding sich ausdehnt, schließlich explodiert und sie damit das ganze Flugzeug in die Luft sprengt. Gemeinsam durchlebten wir die Situation noch mal, steigerten uns ordentlich rein und schon hatte ich meine Geschichte, voilá! Wenn man nichts Tolles erlebt, hilft wie immer: das Kopfkino.

Julia Siebert

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