Hinterlassenschaften japanischer Kriegsgefangener in Almaty

Japanischer Kriegsgefangenenfriedhof in Almaty. | Foto: Clara Momoko Geber

Clara Momoko Geber, Japanologin und Slawistin, begab sich in der ersten Jahreshälfte auf die Suche nach InformantInnen zum Thema „Japanische Kriegsgefangene in Kasachstan und ihre Hinterlassenschaften“. Die stärkste Korrelation zwischen Kasachstan und Japan bestand im Zweiten Weltkrieg, als japanische Soldaten in sowjetischen Gefangenenlagern festgehalten wurden. Diesem Recherchethema ging sie in Kasachstan in Archiven, Expertengesprächen und Ortsbesichtigungen nach. Ihre Ergebnisse fasst sie in Form von einer Artikel-Serie für die DAZ zusammen. In diesem Teil handelt es sich um ihre Feldforschung, in der sie sich in Almaty auf der Suche nach Gebäuden begab, die von japanischen Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut worden sind.

[…] Nach der Kapitulation Japans am 3. September 1945 gerieten 2,7 Millionen Soldaten in Gefangenschaft der Sowjetunion. Obwohl nach Artikel 10 des Potsdamer Abkommens die japanischen Kriegsgefangenen nach Kriegsende in ihre Heimat hätten entlassen werden sollen, wurden 500.000 Japaner als Zwangsarbeiter in die Sowjetunion gebracht. Der Grund für diesen Beschluss Stalins ist weitgehend ungeklärt.

Es gibt jedoch drei Theorien, die zutreffen könnten: Eine Fehlinterpretation eines Paragraphen, der bei der Friedensverhandlung mit Japan schriftlich festgehalten wurde, oder die Verärgerung Stalins aufgrund des Verlustes von Hokkaidō. Des Weiteren ist es auch möglich, dass der „Bericht über die Inkraftsetzung des Waffenstillstands mit der Kwantung-Armee“ mit der Erlaubnis Japans, seine Soldaten bei Verzögerungen der Rückkehr in der Sowjetunion als Arbeitskräfte einsetzen zu dürfen, großzügig interpretiert worden ist.

Schließlich wurden 50.000 Soldaten in Güterwagen nach Kasachstan gebracht, um in 14 Straf– und Arbeitslagern Zwangsarbeit zu verrichten. In Kasachstan wurde primär in Kohle-, Silber-, Blei– und Kupferminen, auf Tabak– und Apfelplantagen gearbeitet. Die schwere körperliche Arbeit, psychische Belastung und die hygienischen Bedingungen der Lager führten zu einer hohen Todesrate in den Kriegsgefangenenlagern der Sowjetunion. Kälte und Infektionskrankheiten waren weitere Faktoren, die zu einem frühzeitigen Tod der Soldaten führten. In Kasachstan lag jedoch die Sterblichkeit der japanischen Kriegsgefangenen bei 2,5 Prozent was im Kontrast zu den zehn Prozent in der gesamten Sowjetunion gering erscheint.

Durch den Einsatz japanischer Soldaten beim Bau von Gebäuden können die Spuren, die sie hinterlassen haben, heute teilweise noch direkt ausgemacht werden. Vor allem in Almaty gibt es viele Orte, die heute noch von der Bevölkerung wertgeschätzt werden. Mit der freundlichen Hilfe von Termirlan Imangalijew (25, Student und freiberuflicher Fremdenführer) konnten einige der Bauten in der ehemaligen Hauptstadt Kasachstans aufgesucht werden.

Kriegsgefangenenfriedhof in Almaty

Japanischer Kriegsgefangenenfriedhof in Almaty. | Foto: Clara Momoko Geber

In Almaty gibt es am Zentralfriedhof einen Bereich, der japanischen Kriegsgefangenen gewidmet ist. Er liegt direkt neben den Gräbern deutscher Kriegsgefangener und beherbergt die Ruhestätten von 201 Japanern. Es gab noch zwei weitere Gräber ohne Grabstein in der ehemaligen Hauptstadt, deren Platz in Vergessenheit geriet. Der Zentralfriedhof in Almaty zählt zu den meistbesuchten Friedhöfen der Japaner in Kasachstan. Speziell der japanische Teil des Friedhofs wird heute noch ganz offensichtlich gepflegt.

In Kasachstan starben offiziell 1457 japanische Soldaten, wobei die wirkliche Zahl an Toten unklar ist. Man geht stark davon aus, dass viele der japanischen Kriegsgefangenen nach ihrem Tod nicht registriert worden sind. Die meisten Soldaten wurden jedoch direkt in Kasachstan begraben. Insgesamt gibt es 47 Orte in Kasachstan, an denen japanische Soldaten beerdigt sind. In Karaganda gibt es ein Kriegsgefangenengrab, wo 714 Japaner ruhen. In Spassk wurden 245 begraben. Da es in Karaganda sehr viele Bodenschätze gibt, wird die Gegend sehr stark bearbeitet. Deshalb ist bei manchen Friedhöfen nicht mehr klar, wo genau sich die Gräber der japanischen Kriegsgefangenen befinden. 2011 wurde dort ein Grabstein zu Ehren der Gefallenen von der Japanischen Community gespendet.

Kasachische Akademie der Wissenschaften in Almaty

Kasachische Akademie der Wissenschaften in Almaty. | Foto: Clara Momoko Geber

In der Dostyk-Straße befindet sich die Akademie der Wissenschaften, welche von japanischen Kriegsgefangenen gebaut wurde. Es ist unter den Bewohnern Almatys das bekannteste Gebäude mit Bezug zu japanischen Zwangsarbeitern.

Der Entwurf wurde vom berühmten sowjetischen Architekten, Alexej Viktorowitsch Schtschussew angefertigt, der auch Lenins Mausoleum konstruierte. Die ersten Schritte der Planung der Akademie begannen bereits kurz nach Kriegsende. Schtschussews erster Entwurf wurde jedoch abgelehnt, da er „nicht dem sowjetischen Image entsprechend“ war. Ein zweiter Grund war, dass der ursprüngliche Plan des Gebäudes keine traditionell kasachischen Verzierungen hatte. Nach diversen Änderungen begann der Bau im Jahre 1951.

Lawinenschutz in Almaty

Lawinenschutz in Almaty. | Foto: Clara Momoko Geber

Der Lawinenschutz liegt in der Region Almaty, jedoch an einer unbenannten Straße, 10km von der Grenze zu Kirgisistan entfernt, nahe des Ile-Alatau– Nationalparks. Aus archivierten Dokumenten geht hervor, dass der Lawinenschutz von kriegsgefangenen Japanern und Deutschen gebaut worden ist.

Wasserrohre zum Big Almaty Lake

Vom Großen Almatyner See gehen Wasserrohre aus, welche für die zentrale Versorgung der Stadt unerlässlich sind. Diese wurden ebenfalls von japanischen sowie deutschen Kriegsgefangenen erbaut.

Straßenbahndepot

Straßenbahndepot Almaty. | Foto: Clara Momoko Geber

Durch die Eröffnung der U-Bahn im Jahre 2011 wurde der Straßenbahnbetrieb in Almaty eingestellt. Das noch erhalten gebliebene Straßenbahndepot wurde von japanischen Soldaten angefertigt.

Weitere Gebäude

Überdies fertigten die Soldaten auch Gebäude an, welche heute für private Zwecke genutzt werden. Unter anderem eine Autowerkstatt, ein Wohnkomplex und eine Polizeistation. […]

Die Fortsetzung dieses Beitrags lesen Sie in der nächsten Ausgabe.