Maria Gliem aus Frauenwaldau, dem heutigen Bukowice in Polen, hat einen Teil ihrer Kindheit als Vertriebene verbracht. Ihre Flucht führte sie nach Hessen, wo vor 70 Jahren die ersten Heimatvertriebenen ankamen. In ihrer heutigen Heimat trägt Gliem dazu bei, dass ihre Erinnerungen an die Zeit in Polen und die Flucht nicht in Vergessenheit geraten. Aus diesem Grund hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben. Die DAZ veröffentlicht mit ihrer Erlaubnis Auszüge aus der Niederschrift.

 

Am 18.März wurde ich als erstes Kind von August Kahla, geboren am 12. August 1909, und Martha Kahla, geboren am 23. Mai 1911 als Latoschinski und verheiratet seit dem 7. November1933, geboren. Mein Vater entstammt einer Bauern– und Handwerkerfamilie. Sein Großvater war Maurer und Kirchenbauer, dessen Vater war Maurer. Meinen Großvater väterlicherseits kannte ich nicht, er starb kurz nach meiner Geburt.
Mein Vater August hatte vier Brüder und vier Schwestern. Zwei Brüder sind im ersten Weltkrieg gefallen. Er stammte aus Johannisdorf (Jannislavice). Seine lebenden Geschwister hießen Hedwig, Sophie, Johann, Marie, Josef, Apolonia.
Meine Mutter Martha stammt aus einer Bauernfamilie aus Frauenwaldau (Bukowice). Meine Großmutter mütterlicherseits starb 1935. Meine Mutter hatte zwei Stiefschwestern, Marie und Anna, und zwei Brüder, die im Kindesalter starben, eine leibliche Schwester, Agnes, und zwei leibliche Brüder, die ebenfalls im Kindesalter starben. Als im ersten Weltkrieg die polnische Grenze weiter Richtung Westen nach Deutschland verschoben wurde, fiel Johannisdorf zu Polen. Mein Vater und seine Schwester Hedwig gingen für immer zu den Großeltern nach Glashütte. Das Dorf lag allerdings in Deutschland nur ein Kilometer von seinem Elternhaus entfernt. Wenn er auf dem Feld war, konnte er über die Grenze, die zwischen den Dörfern verlief, seine Eltern sehen. Bis zur Heirat seiner Schwester Hedwig mit Josef Sowa aus Frauenwaldau lebte er bei den Großeltern in Glashütte.

Tante war großzügig und geizig zugleich

Als Hedwig nach Frauenwaldau ging, heute Bukowice, nahm sie meinen Vater als billige Arbeitskraft mit. Er arbeitete bei ihr auf dem Bauernhof. Später holte sie ihre Mutter und Schwester Apolonia nach Deutschland, und auch sie mussten bei ihr arbeiten. Allen hat sie lediglich Pfennigbeträge gezahlt. Meine Eltern haben mir einmal erzählt, dass Hedwigs Vater ihnen ein Mal 50 Pfennig und die Mutter 30 Pfennig geben wollte, als sie auf ein Fest im Dorf gehen wollten. Da sind sie gar nicht erst auf das Fest gegangen, denn dafür gab es nicht mal zwei Getränke. Als Susi geboren wurde, hat sie sich um die Patenschaft gerissen und ihr tausend Geschenke versprochen, wenn sie groß ist. Sie hat jedoch niemals etwas bekommen.
Hedwig war in der NSDAP, war bei allen sehr beliebt, denn sie war großzügig – aber nur, wenn es rentabel für sie war. Gekocht wurde in zwei Küchen, oben für die Gäste, unten für alle, die für sie arbeiteten, einschließlich ihrer Verwandten. Bei ihr hat Gott und die Welt verkehrt. Wenn zum Beispiel Herren von der Wehrmacht kamen, wurden sie von ihr bewirtet, und ich wurde fein gemacht und musste Gedichte aufsagen, damit sie vor ihren Gästen glänzen konnte.

Opa war einfach wunderbar und sehr klug

Bei ihr wurde eine ganze Kompanie einquartiert, und das sicher nicht umsonst. Als in unser Dorf die Mitglieder des Bunds Deutscher Mädel und der Hitlerjugend kamen, wurden bei ihr die Brote geschmiert, und zwar auf der schmaleren Seite der Schnitten. Da blieb ganz schön Butter übrig, denn jeden Tag waren das zirka 1000 Schnitten. Ehe mein Vater zur Wehrmacht eingezogen wurde, sorgte Mutters Vater dafür, dass mein Vater den Bauernhof, der neben seinem lag, pachten konnte. Opa wollte diesen kaufen, aber der Besitzer wollte damit bis nach dem Krieg warten. Ich hatte dadurch einen längeren Schulweg, aber die Nähe zu Opa und den Tanten war viel schöner als die Schule um die Ecke. Für Mutter war das ja auch viel einfacher. So wurden wir von Opa und den Tanten miterzogen, als Vater im Krieg war.
Für uns Kinder war das eine herrliche Zeit, denn Opa war ein wunderbarer Mensch, ich habe sehr viel von ihm gelernt. Bei ihm am Hof war alles sehr ordentlich und er war immer am Arbeiten. Er hatte auch Bienenvölker. Wenn er auf dem Feld war und ihm eine Biene um den Kopf herum geflogen ist, ging er sofort los, denn er wusste, dass dort die Bienen schwärmen. Zum Geburtstag bekam ich immer ein paar Lackschuhe und einen Taler. Seit wir bei ihm in der Nähe wohnten, war er drei Mal an Lungenentzündung erkrankt. Er hat sich aber jedes Mal wieder erholt.
Später übergab er seinen Bauernhof an Tante Anna und Onkel Bernhardt, der aber tagsüber noch im Sägewerk arbeitete. So blieb die meiste landwirtschaftliche Arbeit doch an ihm und seinen drei Töchtern hängen. Im Herbst haben die Kinder aus dem Unterdorf auf den Wiesen meiner Tante Hedwig Kühe gehütet. Nach der Schule zogen immer sechs bis acht Kinder mit jeweils zwei Kühen an der Leine auf die etwa ein Kilometer entfernte Wiese los. Der Ranzen wurde mitgenommen, denn die Hausaufgaben haben wir draußen gemacht. Danach konnten wir den ganzen Nachmittag spielen, denn die Kühe konnten nicht verschwinden.
Wenn es 18 Uhr läutete, zogen wir wieder heim. Das war für uns die schönste Zeit, da wir sonst auch mithelfen mussten. Jeden Sonntagnachmittag hat Opa die Kühe selbst auf den Feldwegen gehütet, damit das Gras nicht zerfahren wurde, wenn die Bauern aufs Feld fuhren. Wenn er mal ein paar Minuten Zeit hatte, legte er sich bäuchlings auf die Bank, und ich musste ihn nach Läusen absuchen. Für jede Laus sollte ich eine Mark bekommen, aber ich habe nie eine erhalten, denn er hatte keine Läuse. Er empfand es einfach angenehm, wenn ich ihm den Kopf kraulte. Ich war sein Liebling, da ich ihm immer viele Fragen stellte. So habe ich eine Menge von ihm gelernt. Er war ein sehr kluger und liebenswerter Mensch. […]

Die Fortsetzung dieses Beitrags lesen Sie in den nachfolgenden Ausgaben.

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