Es ist bereits sehr abgegriffen, vergilbt und der Einband hat mal bessere Zeiten gesehen. Auf dem Umschlag prangt  ein einst fürsorglich aufgeklebter Zeitungsausschnitt. In moderner Typo und grafisch durchdacht ist die Aufschrift „Freundschaft“ zu lesen, und bei genauerem Hinsehen, recht klein, doch oberhalb des Titels „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Hat man diese Perspektive, so sitzt man mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit vor dem ersten Archivband der Zeitung „Freundschaft“, der Vorgängerin der DAZ.

Beim Blättern überkommen einen die verschiedensten Emotionen, denn man bemerkt recht schnell, man sitzt vor einer geschichtsträchtigen Dokumentensammlung und es mag einen Ehrfurcht vor der daliegenden Historie überkommen. Andererseits sind manche Themen aus heutiger Perspektive zuweilen so aberwitzig, dass man geneigt ist laut aufzulachen.

Selbstverständlich sind die älteren Archive voll von Politpropaganda der Sowejetzeit. Es geht viel um politische Machtverhältnisse zwischen Ost und West, Auslandsberichterstattung aus Vietnam, Cuba, China, Indien und selbstredend der DDR. Aber auch Einblicke in Tumulte der West-Länder. TASS-Meldungen aus der ganzen Welt, von Demonstrationen italienischer Fremdarbeiter, über den Amtsantritt de Gaulles, bis hin zu somalischen Gegenstimmen zur US-Einmischung in Vietnam („Amerikaner, schert euch fort!“). Vielfach nehmen parteiinterne Plenumsbeschlüsse oder Ordnungen enormen Platz ein. Ein Plenumsprotokoll konnte sich da schon einmal über mehrere Ausgaben hinweg ohne jeglichen anderen Inhalt in der Zeitung erstrecken (wohlgemerkt im Format A2 bei Schriftgröße 8). Man erfuhr ins Detail von den Aufgaben der Parteiorganisation der Republik.

Nach Parteitagen, Plenums, Streiks, Arbeitern und Brigaden ist Landwirtschaft das nächste große Thema. Besonders rührend und auch hochinteressant sind Porträts von Arbeitern und Arbeiterfamilien – die man in der heutigen Presse oft vergeblich suchen würde. Menschen, Felder, Mähdrescher, Traktoren und Erträge verbergen sich hinter Überschriften wie „Pflüger, Säer, Mäher“, „Plan vorfristig erfüllt“, „Bestmelkerin Olga Keller“, die auf den Titelseiten prangen. Überhaupt hat man, besonders in den 60ern scheinbar gern über Melkerinnen und Melker berichtet.

Neben ausführlichen Literaturseiten und Feuilleton, war auch Kurioses auf Schritt und Tritt in der Freundschaft zu finden. So erfuhr man von Bananenhainen in Kasachstan, die vor 50 Millionen Jahren in der Umgebung des Karassor-Sees gewachsen sein sollen, wie Archäologen es 1966 beim Bau des Irtysch-Karaganda-Kanals aufgrund von gefundenen Abdrücken erklären. Oder man liest herzzerreißende russlanddeutsche Lyrik, illustriert mit einem kitschigen Katzenbild (!).

Mit den Jahrzehnten wandeln sich die Themen wie die Gesellschaft. Mehr Wolgadeutsche Themen dürfen angeschnitten werden. Ein großer Bruch ist in den 90ern spürbar. Und ja, Sozialismus ist vorbei – es wird sogar Werbung geschaltet und – man komme uns sehe selbst – es gibt selbst mal eine barbusige Reklame in der neuen Zeitung, die nun Deutsche Allgemeine heißt.

Doch der allererste Archivband, der brüchigste vergilbteste, er tut es einem an, und so kam die Idee ein „Freundschaft“-Revival zu gestalten. Man könnte sich natürlich an Parteiinhalten orientieren und eine Rede des ersten Präsidenten Kasachstans über 12 Seiten laufen lassen. Es gibt nun aber eine Retro-Freundschaft-Seite mit Themen um Gewerkschaft, Sport, Anekdoten, sozialem Engagement und natürlich Landwirtschaft. Vergeblich haben die Autoren versucht Melker zu finden, doch zumindest eine Schäferin dürfen Sie im Folgenden kennenlernen.

Julia Boxler

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