Der Blick auf historische Ereignisse wandelt sich im Laufe der Zeit. So können wir heute am Wandel dieser Perspektive viel über die Zeit und die Umstände lernen, in der sie formuliert wurden. Im folgenden Text aus dem Jahre 1986 zeigt sich, wie die Ereignisse des Mauerbaus 20 Jahre später im sowjetischen Kasachstan bewertet wurden. Das Bild, das hier gezeichnet wird, führt dem Leser das typische Weltbild jener Zeit vor Augen: Osten gegen Westen, Gut gegen Böse. Ohne Zweifel war die Berichterstattung jenseits des „antifaschistischen Schutzwalls“ in ähnlicher Weise ein Kind seiner Zeit. Mit Sicherheit wird es auch einmal spannend sein, wenn man in einigen Jahrzehnten die heutigen Einschätzungen zum 50. Jahrestag noch einmal zur Hand nimmt und prüft, ob die Interpretationen der heutigen Zeit Distanz und Neutralität beanspruchen können. 

Der Jahrestag der Schutzmaßnahmen der DDR an der Grenze mit Westberlin ist bereits vorbei, doch wie mir dünkt, lohnt es sich, darauf noch einmal zurückzukommen. Eigentlich nicht so sehr auf das Datum selbst, als auf jene Kampagne, die im Zusammenhang damit in Westberlin selbst, in der BRD und im ganzen Westen entfaltet wurde. Das war ein Strom von Provokationen, Lügen, Verleumdungen, Krokodilstränen und geheuchelter Empörung. Ich verfolgte in diesen Tagen aufmerksam den Äther: Kein einziger Sender im Westen schwieg zu diesem Thema in seinen Beiträgen für sozialistische Länder, kein einziger behandelte es objektiv. Fr. Nr. 178. 9.09.1976

 

Rege am Werk war allerlei revanchistisches, neofaschistisches und antisozialistisches Gesindel, das wohl schon lange vor dem 13. August in Westberlin einzutreffen begann, um dort seinen Gesinnungsgenossen Hilfe zu leisten. Am 28. Juli ereignete sich am Schutzwall, der im Volke einfach die „Mauer“ genannt wird, in der Nähe einer Übergangsstelle eine Explosion, die in der äußeren Betonsperre eine etwa 1.5 Quadratmeter große Bresche schlug.
„Fleißig“ waren auch die Westberliner Rechten: Die „Junge Union“ – die Jugendorganisation der In der Stadt regierenden Christlich Demokratischen Union – veranstaltete am 10. August ein Meeting und eine Manifestation und forderte die Eröffnung der Grenze. Die erwachsenen Aktivisten derselben Partei organisierten eine Reihe Maßnahmen, die übrigens in ihrer Mehrheit glücklich scheiterten. So, war man z. B. auf den Einfall gekommen, längs der Grenze Westberlins mit der DDR eine „lebendige Kette“ zu ziehen, doch die Zahl derjenigen, die sich für die Teilnahme an dieser Provokation bereit erklärten, hätte kaum für einige Stadtviertel ausgereicht. Auch am Marsch durch das Stadtzentrum beteiligten sich laut Angaben der Polizei nur etwa 4 500 Personen. Die Zahl der Rauschgiftsüchtigen allein ist hier wohl bedeutend größer.
„Emsig“ waren die mit offiziellen Vollmachten betrauten Feinde des Sozialismus: Zum Auflauf der „Jungen Union“ waren aus Bonn der Staatssekretär des Bundeskanzleramtes Peter Lorenz und der USA-Botschafter in der BRD Richard Burt erschienen. In seiner Rede auf dem Territorium Westberlins, das gemäß dem vierseitigen Abkommen kein Bestandteil der BRD ist und auch künftig von ihr nicht verwaltet werden kann, deutete Lorenz an, daß es wünschenswert wäre Deutschland in den Grenzen von 1937 wiederherzustellen und Burt sang ein Loblied auf den NATO-Beschluß über die Stationierung neuer amerikanischer Kernraketen in Europa und auf das „Sternenkrieg“-Programm.
Auch Politiker höchsten Ranges, einschließlich des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, waren „im Einsatz“. R. Reagan verurteilte die „Unentschlossenheit“ der damaligen amerikanischen Administration und gab zu verstehen, daß er im August 1981 viel entschiedener vorgegangen wäre. Und im Interview für die westdeutsche Zeitung „Bild“ erklärte er, daß die USA „verpflichtet sind, der unnatürlichen Spaltung Europas ein Ende zu setzen“, was, gelinde gesagt, eine leichtsinnige Verpflichtung ist. Am 13. August fand im ehemaligen Reichstag in Westberlin eine „Festsitzung“ statt, zu der – abermals unter Verletzung des vierseitigen Abkommens – der BRD-Kanzler Helmut Kohl und es leider auch, weil wir in ihm einen Verfechter realistischer Aktionen zu sehen gewohnt sind – der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Willy Brandt erschienen. Während Brandt versuchte (was in dieser Atmosphäre sehr ungewöhnlich erklang) dennoch zur Entspannung und Zusammenarbeit der beiden deutschen Staaten aufzurufen, so erlaubte es sich der westdeutsche Regierungschef, in überaus abschätzigem Ton von der DDR zu sprechen.
Sogar Schurken hatten „Beschäftigung“ gefunden: Viel Staub hatte die an den Jahrestag geknüpfte Geschichte eines gewissen Braun aufgewirbelt, der es angeblich fertiggebracht hätte. aus der DDR mit einem sowjetischen Wagen zu fliehen, in den er Mannequins in sowjetischen Uniformen platziert und auch sich selbst verkleidet hätte. Der Gauner luchste manchen leichtgläubigen Verlagen, die auf Geschichten solcher Art erpicht sind, viele Tausende Mark ab. Doch später stellte es sich heraus: daß die ganze Inszenierung auf Westberliner Territorium stattfand.
Diese Tätigkeit verströmt einen Modergeruch der Vergangenheit. Da sehen auch wir uns genötigt, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, um die Leser daran zu erinnern, aus welchem Grunde die „Mauer“ errichtet werden mußte.
Ab 1948 brachten es die Westmächte, die den größten Teil des besiegten Deutschlands besetzt hatten und über Besatzungszonen in Berlin verfügten, (wobei die Stadt gemäß dem vierseitigen Statut vollständig ein Element der sowjetischen Besatzungszone blieb und die oberste Macht in ihr dem sowjetischen Oberbefehlshaber gehörte) faktisch zur Aufteilung und Absonderung der Stadt. Schon gegen Ende desselben Jahres, nach der Durchführung der Separatwahlen in das Westberliner Magistrat, war im Grunde genommen, mit dem einheitlichen Berlin aufgeräumt. Es wurde beschlossen, die bald darauf entstandene politische Einheit in eine „Speerspitze im Herzen der DDR“, in ein Diversions– und Aufklärungszentrum und zugleich in ein Schaufenster der freien Welt“, in eine Falle für Leichtgläubige zu verwandeln. Zu diesem Zweck waren vor allem von den Vereinigten Staaten ansehnliche Mittel bewilligt worden. Man begann die Stadt in raschem Tempo wiederaufzubauen und zu verschönen, es floß hierher Geld, entstanden neue Industriebetriebe – die Falle begann zu wirken. Allein die „Grenzgänger“ – d. h. Personen, die in der DDR-Hauptstadt lebten, doch die Situation der offenen Grenze nutzten (sie existierte 12 Jahre lang), um ihre Arbeitskraft gegen Vorzugspreise in den Westsektoren zu verkaufen, brachten die Republik jährlich um etwa 2,5 Billiarden Mark. Denn die Wechselstellen in Westberlin setzten einen künstlich erhöhten Kurs der westdeutschen Mark gegenüber der „östlichen“ fest, pumpten auf diese Weise die Valuta der DDR und stellten sie dann Menschen zur Verfügung (denselben „Grenzgängern“), die an die niedrigen Stützpreisen in der Demokratie sehen Republik verdienen wollten. Sie kauften hier in großen Mengen Brot, Butter, Fotoapparate und vieles andere zusammen, das war einer der Kanäle der ökonomischen Diversion. Insgesamt wurde der DDR in den zwölf Jahren der offenen Grenze ein Verlust von 120 Millionen Mark zugefügt. Dazu kam noch das Eindringen von Spionen und Provokateuren, von strafrechtlichem und politischem Abschaum, Verschwörungen gegen die Volksmacht… Das waren die Ursachen, die die Republik zu den Schutzmaßnahmen zwangen. Vergebens wirft Reagan seinen Vorgängern Mangel an „Entschlossenheit“ vor: In ihrem Bestreben, Unwiederbringliches zurückzugewinnen, schufen sie in den darauffolgenden Tagen und Monaten zahlreiche gefährliche Situationen, ein schließlich imitierter Panzerangriffe auf die Hauptstadt der DDR. Aber möglicherweise reichte ihnen die Vernunft aus, an der verhängnisvollen Schranke Halt zu machen.
Heutzutage wird nicht nur die Notwendigkeit, sondern auch die Zweckmäßigkeit der damals ergriffenen Maßnahmen von ernsten bürgerlichen Politikern anerkannt. Der ehemalige Staatssekretär Dean Ruck sagte in einem Interview, die Mauer habe so oder anders ,,in der Tat Stabilität in die Situation hineingebracht“. Ein Korrespondent der amerikanischen Fernsehgesellschaft NBC äußerte sich in einer Sendung vor mehreren Wochen: „Die Regierungen im Westen behaupten unteranderem, die ‚Mauer‘ habe womöglich den dritten Weltkrieg abgewandt“ Doch das sind private Meinungen. Für das Publikum aber wurden, wie wir sehen konnten, ganz andere Szenen auf die Bühne gebracht. Mit vollem Grund betonte das Außenministerium der UdSSR in seiner Erklärung vom 12. August dieses Jahres: „Es ist augenscheinlich, daß die in Westberlin entfaltete feindselige Kampagne die Atmosphäre in der Stadt und in ihrer Umgebung vergiftet und mit dem Interesse der Unterhaltung einer ruhigen und normalen Lage hier unvereinbar ist… Die amerikanische Seite kann unmöglich die Folgen übersehen, mit denen Versuche gewisser Kreise dem Buchstaben und dem Geist des vierseitigen Abkommens zuwiderhandeln, drohen.“
Man möchte hoffen, daß so etwas das letzte Mal gewesen ist.

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