In dem Film „Uroki garmonii“ (Harmony Lessons) geht es um einen 13-jährigen Jungen, der sich in einem widrigen gesellschaftlichen Milieu zu behaupten versucht. Das Filmdebüt von Emir Baigasin gewann sogar schon den Silbernen Bären auf der Berlinale und soll bald auch in Kasachstan zu sehen sein.

Gleich in den ersten Minuten beobachtet die Kamera einen Teenager, der bei seiner Großmutter auf dem Land wohnt, und gerade dabei ist, ein Lamm zu schlachten. In einer ruhigen Einstellung verharrt der Blick der Kamera auf dem Geschehen. Zart besaiteten Zuschauern bleibt da nur noch die Augen kurz zu schließen, um sich dieser unbarmherzigen Szenerie zu entziehen oder danach vielleicht zu beschließen, zu Vegetariern zu werden. Dennoch sei dem Zuschauer des Filmes „Uroki garmonii“ (Harmony Lessons) geraten, den Streifen mit offenen Augen anzusehen. Schon allein deswegen, weil er in diesem Jahr auf der Berlinale, einem hochrangigen und weltweit anerkannten Filmfestival, ausgezeichnet wurde. Besonders die Kameraführung wurde von der Jury honoriert. Dem Kameramann Asis Schambakijew wurde der Silberne Bär für seine künstlerische Leistung verliehen.

Nicht nur auf dem Berliner Film-Festival überzeugte der Debüt-Film von Regisseur Emir Baigasin, sondern kürzlich gewann er auch in Moskau den Grand-Prix der unabhängigen Filmmacher, der ihm während des Filmfestivals „2morrow/завтра“ (morgen) verliehen wurde. Das berichtet die Medienagentur „tengri-news“. Er wurde bereits auf über 50 internationalen Festivals gezeigt, und es wird angedacht, ihn Ende November auch in Kasachstan in den Verleih zu geben.

So hat es Emir Baigasin schon vor einer Premiere in seinem Heimatland geschafft, mit seinem Film weltweit bekannt zu werden und für Gesprächsstoff zu sorgen. In seinem Streifen geht es um Mafiastrukturen in der Gesellschaft, die sich nicht nur in den staatlichen Verwaltungsbehörden zeigen, sondern mit denen schon Schüler in ihrem jungen Leben auf dem Pausenhof in Berührung kommen. Getrieben von dem pubertären Wunsch, dazuzugehören, zahlen die meisten Jungs in der Schule Schutzgeld an die stärksten Mitschüler, lassen sich drangsalieren und ausnehmen. Es geht immer um die Frage, wer ist der Stärkere, wer hat die Macht. Der Schüler, wie auch der Zuschauer lernt, dass Macht und Einfluss nicht von persönlichen Softskills, Wissen, Einfallsreichtum oder Individualität bestimmt werden, sondern dass sich alles ums Geld dreht. Der Teenager Aslan fällt aus dieser Gesellschaft heraus, in der es nur Unterdrückte und Unterdrücker gibt. Er versucht seine eigene Harmonie zu finden, doch dieses Vorhaben endet mit einem Mord.

Die Handlung wirft auch weitere gesellschaftliche Themen wie Gewalt, Mobbing, Korruption und Pubertät auf, welche besonders durch besondere Kameraführung vermittelt werden. So hat Baigasin auf Musik als Verfahren der szenischen Untermalung verzichtet.

Es sind höchstens Geräusche zu hören, zum Beispiel wenn Aslan, die Hauptfigur, seine Wut und aufgestaute Gewalt, mit der er freiwillig oder unfreiwillig tagtäglich in der Schule konfrontiert wird, an Experimenten mit Küchenschaben entlädt. Er probiert an den unbeliebten Schädlingen immer härtere Foltermethoden aus, indem er ihnen zum Beispiel Stromschläge verpasst. Dabei sind Kinster- und Knackgeräusche zu hören.

Der 13-jährige Aslan lebt mit seiner Großmutter in der kasachischen Provinz. Er hat einen Waschzwang und badet regelmäßig im Zuber. Es gibt nämlich kein Badezimmer. In der Schule wird er von seinen Mitschülern gemobbt, er fällt aber aus dem System der Schutzgelderpressung heraus, in das jeder Schüler hineingerät, der teure Kleidung trägt oder nach Achtung sucht. Dafür hören sie auf Bolat, der sich mit Fausthieben und Tritten den Respekt seiner Mitschüler verschafft, die ihm dann aus Angst vor blauen Flecken Geld geben.
Nachdem Bolat einen der Mitschüler Aslans fast Krankenhausreif prügelt, nur um dessen Turnschuhe zu bekommen, beschließt Aslan, seine anderen Mitschüler vor Bolat zu schützen, und beginnt, auf seine Weise gegen Bolat zu kämpfen.

Der Film „Uroki garmonii“ (Harmony Lessons) feierte Anfang dieses Jahres als erste kasachische Produktion, die auf der Berlinale gezeigt wurde seine Weltpremiere. Regisseur Emir Baigasin bekam für die Realisierung seines Drehbuches unter anderem Unterstützung vom World Cinema Fund, der Kulturstiftung des Bundes.

Von Dominik Vorhölter

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