Die duale Ausbildung ist ein Exportschlager. Die Mischung aus praktischer und schulischer Ausbildung hat bereits weltweit Nachahmer gefunden. Seit 2012 wird mit deutscher Hilfe versucht, die duale Ausbildung nach Kasachstan zu bringen. Aktuell hilft die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) bei der Realisierung mit. Die DAZ hat mit dem Leiter des KAS-Auslandsbüros in Kasachstan, Thomas Helm, über die Einführung der dualen Ausbildung und den damit verbundenen Schwierigkeiten gesprochen.

Wie steht es aktuell um die duale Ausbildung in Kasachstan?

Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat das Projekt zur Einführung der dualen Ausbildung in Kasachstan durchgeführt. Es ist ein ordentliches Gerüst für die duale Ausbildung in Kasachstan entstanden, aber es fehlt noch an ein paar Elementen der Innenausstattung. Das Projekt war 2018 zu Ende – zu früh. Aus diesem Grund haben wir uns dazu entschieden, mitzuhelfen, es zu einem Erfolg zu machen. Die GIZ-Experten sind nach wie vor dabei, um das Projekt jetzt zu Ende zu bringen.

Der schulische Bereich der dualen Ausbildung ist meiner Meinung nach gut abgedeckt. Das Problem liegt auf der Unternehmerseite. Bei den großen Unternehmen passiert schon viel. Wir haben etliche Leuchttürme, aber es kann nicht sein, dass nur die großen Unternehmen vernünftig ausgebildete Leute haben.

Wie sehen die nächsten Schritte genau aus?

Wir gehen jetzt vor allem in kleinere Städte, um für die duale Ausbildung zu werben. Dort, wo es keine Universitäten gibt, sind die Leute besonders interessiert daran. In Städten wie Stepnogorsk sind die jungen Menschen interessierter als in Almaty. Man muss ihnen erklären, dass man mit einer guten Ausbildung, zum Beispiel als Elektriker, auch gutes Geld verdienen kann.

Die Probleme liegen aber bei den kleinen und mittleren Unternehmen, die 95 Prozent der Unternehmen in Kasachstan ausmachen. Hier beginnt man mit awareness raising. Das erste Problem ist, dass viele Unternehmen denken: „Warum soll ich überhaupt ausbilden?“ Sie nehmen an, dass dann jemand im Betrieb sitzt, um den man sich zusätzlich kümmern muss, und das, obwohl ohnehin schon viel zu tun ist. Der Verdacht, dass der Auszubildende die Arbeit blockiert und schlimmstenfalls auch noch die Maschinen kaputt macht, führt zur nächsten Frage: „Was habe ich davon?“ Der dritte Punkt ist die Bezahlung. Es gibt Bedenken, dass man in einen Auszubildenden investiert und dieser dann woanders hingeht.

Daran arbeiten wir. Zum Beispiel kann man vertraglich regeln, dass der Auszubildende nach Ende der Ausbildung noch für eine Zeit im Betrieb bleiben muss. So kann man Unternehmen beruhigen und ihnen verständlich machen, dass sie für ihren eigenen Bedarf ausbilden. Doch es fehlt auch an Ausbildern und neuer Technik. Wichtig ist, dass nicht im Vorgestern ausgebildet wird. Deshalb sollen Kompetenzzentren errichtet werden, die von mehreren Unternehmen gemeinsam genutzt werden. Nicht jeder hat eine CNC-Fräse, aber die jungen Leute die Zerspanungsmechaniker lernen, müssen daran ausgebildet werden. In den Kompetenzzentren sollte es die entsprechende Ausstattung und Meister geben.
Gibt es von Seiten Kasachstans ein Interesse daran, die Ausbildung zu fördern und die Schulen zu bezahlen?

Die Colleges gibt es ja schon. Wichtig ist es, dass man den praktischen Teil möglichst im Unternehmen hinbekommt. In Deutschland ist es so, dass man sich bei einem Unternehmen um einen Ausbildungsplatz bewirbt. Mit dem Ausbildungsvertrag in der Tasche wird dem Auszubildenden eine Berufsschule zugewiesen. Hier bewirbt man sich an einem College; ob man dann aber im Rahmen der Ausbildung in einem Unternehmen arbeitet, ist völlig offen.

Haben bestimmte Branchen eher Interesse daran, eine Ausbildung anzubieten als andere?

Kasachstan hat ein unglaublich großes Potential im Bereich Agrarwirtschaft. Das wird aber nur abrufbar sein, wenn wirklich modernes Digital Farming betrieben wird. Hierfür benötigt man Leute, die die modernste Technik haben und beherrschen. Das ist bereits ein Ansatzpunkt für die duale Ausbildung. In der Lebensmittelbranche ist die Verzweiflung schon so groß, dass begonnen wird, in Belarus nach Beschäftigten zu suchen. Für mich ist das unverständlich. Es gibt hier so viele junge Leute, die etwas machen wollen.

Wie schätzen Sie die Zukunft Kasachstans ein?

Die jungen Leute sind der Schatz des Landes – auch im Wettbewerb mit den anderen Ländern. China hat mit 1,4 Milliarden Menschen eine gewaltige Bevölkerung, aber eine alternde Gesellschaft. Russland ebenso. Kasachstan ist hingegen eine sehr junge Gesellschaft. Eine gute Ausbildung ist ein absolutes Asset, um im Wettbewerb zu bestehen. Und zwar auch gegen die Nachbarländer.

Das Gespräch führten Othmara Glas und Katharina Jendny.

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