„Wie kann man so über Österreich schreiben?!”

Die Österreich-Bibliothek in Almaty feiert ihr 20-jähriges Bestehen. Die DAZ hat ihre Leiterin, Bachyt Schpekbajewa, für ein Interview getroffen. | Bild: Autorin

Nur wenige wissen überhaupt, dass es sie gibt – die Österreich-Bibliothek in Almaty. Das 20-jährige Jubiläum der in der Kasachischen Ablai Khan Universität für internationale Beziehungen und Weltsprachen angesiedelten Bibliothek ist ein geeigneter Anlass, sie vorzustellen. Dr. Bachyt Schpekbayeva ist Leiterin der Österreich-Bibliothek in Almaty und war schon 1997 bei ihrer Gründung dabei. Claudia Schwaiger hat sie für die DAZ interviewt.

Was erwartet einen in der Österreich-Bibliothek?

Die Österreich-Bibliothek in Almaty ist die älteste in Zentralasien. Hier gibt es mehr als 5000 Bücher, Zeitungen und Zeitschriften der österreichischen Literatur, Kunst und Geschichte. Man findet verschiedenste Themen, die Österreich betreffen und sogar Lehrbücher. Es finden auch viele Veranstaltungen statt, zum Beispiel über österreichische Traditionen, die österreichische Küche, nationale Feste und Kultur.

Worin bestehen Ihre Hauptaufgaben als Leiterin der Österreich-Bibliothek?

B. Schpekbayeva (links). Auf der rechten Seite trägt sie einen kasachischen Orden und auf der linken das Ehrenkreuz von Österreich. | Foto: akorda.kz

Ich verbreite hier die österreichische Kultur. Das heißt Projekte und Veranstaltungen in Verbindung zur österreichischen Literatur und Geschichte organisieren, Übersetzer finden, Filme zeigen. Es ist eine ehrenamtliche Arbeit. 2004 habe ich dafür das Ehrenkreuz von Österreich vom damaligen Bundespräsidenten Fischer verliehen bekommen. Diesen Orden habe ich vor kurzem bei einem Treffen mit unserem Präsidenten Nursultan Nasarbajew getragen. Das wurde sogar im Fernsehen gezeigt.

Außerdem kann man das Österreichische Sprachdiplom bei uns ablegen. Ich bin die Vorsitzende der Prüfungskommission in Almaty. Pro Jahr legen etwa 30 bis 40 Studenten und Schüler die ÖSD-Prüfung ab.

Wie kam es zur Gründung der Österreich-Bibliothek?

Nach der Unabhängigkeitserklärung besuchte der damalige Rektor der Ablai Khan Universität die Wiener Universität und das Außenministerium. Dabei wurde ein Vertrag unterschrieben, eine österreichische Bibliothek in Kasachstan zu gründen. Wir wurden und werden natürlich auch von der Österreichischen Botschaft in Kasachstan unterstützt. Regelmäßig besuchen uns Botschafter aus Österreich und halten Vorträge vor Studenten.

Woher kommt Ihr Bezug zu Österreich?

Ich hatte immer schon persönlichen Bezug zu Österreich, von Kindheit an. Mein Vater wurde während des 2. Weltkrieges mit 18 Jahren an die Front geschickt. Mit der Zweiten Ukrainischen Front ist er bis Wien gekommen. Als ich noch ein Kind war, hat er immer davon erzählt, dass er als Sieger der damaligen Sowjetarmee erstmals nach Wien gekommen sei. Später bin ich selbst nach Österreich gereist. Ich denke, je mehr man erlebt, lernt und sieht, vor allem, wenn man Literatur in Deutsch lesen kann, desto mehr versteht man.

Welche Veranstaltungen werden von der Österreich-Bibliothek organisiert?

Im Mai gab es eine Lesung der jungen Schriftstellerin Anna Weidenholzer. Sie hat aus ihrem neuen Buch vorgelesen. Dadurch bekamen wir einen Einblick in die Denkweise der Österreicher und über die aktuelle Flüchtlingskrise; darüber, wie sich ein normaler Österreicher fühlt, worin er sein Glück sieht. Im September 2016 hat uns ein Professor der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz besucht. Er hat einen sehr interessanten Vortrag über Musik und österreichische Komponisten gehalten. Ebenso wurde voriges Jahr der Dokumentarfilm „Die Österreichische Straße“ gezeigt – ein Film über eine Straße in Ostkasachstan, die nach dem Ersten Weltkrieg von österreichischen Gefangenen gebaut worden war. Diese Straße existiert bis heute.

Haben Sie persönlich einen österreichischen Lieblingsdichter oder Lieblingsschriftsteller?

Man kann nicht sagen, dass ich nur einen Lieblingsschriftsteller habe. Joseph Roth schreibt über den Anfang des 20. Jahrhunderts und den Verfall der österreichischen Monarchie. Stefan Zweig mag ich ebenso, aber es gibt noch viele andere, die ich gelesen habe: Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Hugo Hofmannsthal oder Elfriede Jelinek. Ihre Werke sind ganz eigen. Manchmal frage ich mich, wie man so über Österreich schreiben kann. Aber dann denke ich wieder: Das ist doch die Kunst und, warum nicht?!

Gibt es anlässlich des 20-jährigen Jubiläums irgendwelche besonderen Feierlichkeiten oder Veranstaltungen?

Es wird einige Veranstaltungen geben. Zum österreichischen Nationalfeiertag am 26. Oktober möchten wir einen Vortrag über die Gründung der Österreich-Bibliothek halten – darüber, was wir in all diesen Jahren getan haben, wozu wir die Österreich-Bibliothek brauchen, was man dort lesen kann. Sie ist ein wahrer Schatz der österreichischen Kultur.

Vielen Dank für das Interview!