Zentralasien rückt zunehmend in den Fokus der deutschen und der europäischen Außenpolitik. Vor diesem Hintergrund reiste Gunther Krichbaum, Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt und Mitglied des Deutschen Bundestages, in die Region – mit Stationen in Kasachstan, Usbekistan und Kirgisistan. Dabei ging es nicht nur um politische Gespräche, sondern auch um konkrete Fragen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, um strategische Rohstoffe, neue Transportkorridore und Perspektiven für die junge Generation. Im Interview spricht Krichbaum über die Rolle Kasachstans, die Prioritäten Berlins und die Zukunft der Beziehungen zwischen Deutschland und Zentralasien.
Herr Staatsminister, welche Prioritäten setzen Deutschland und Europa heute gegenüber Kasachstan und Zentralasien?
Es geht darum, die Beziehungen zu Zentralasien politisch, wirtschaftlich und strategisch weiter zu vertiefen. In einer geopolitisch sensiblen Zeit gewinnen verlässliche Partner an Bedeutung – und dazu zählt Kasachstan aus deutscher Sicht in besonderem Maße. Das Land ist für Deutschland nicht nur als Rohstoffpartner relevant, sondern auch als Investitionsstandort und als wichtiger Akteur in der Region. Kasachstan ist zudem der drittgrößte Öllieferant für Deutschland.
Welche Rolle spielt Kasachstan innerhalb Zentralasiens?
Kasachstan ist für Deutschland einer der wichtigsten Partner in Zentralasien. Grundlage dafür sind die engen Handelsbeziehungen, der Umfang des wirtschaftlichen Austauschs und die strategische Bedeutung des Landes. Zugleich verfolgen wir unsere Zentralasien-Strategie breiter und bauen auch die Beziehungen zu den anderen Staaten der Region weiter aus – etwa im Z5+1-Format.
Warum ist diese Zusammenarbeit gerade jetzt besonders wichtig?
Die geopolitische Lage hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Kriege, Unsicherheiten und Störungen globaler Lieferketten zeigen, wie wichtig belastbare Partnerschaften geworden sind. Deshalb setzen Deutschland und die Europäische Union auf Diversifizierung, auf neue Handelswege und auf engere Beziehungen zu verlässlichen Partnern wie Kasachstan.
Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang der Mittlere Korridor?
Der Mittlere Korridor gewinnt deutlich an strategischer Relevanz. In einer Zeit, in der bestimmte Verkehrswege und Handelsräume schwieriger nutzbar geworden sind, rücken alternative Routen stärker in den Mittelpunkt. Das eröffnet Ländern wie Kasachstan zusätzliche Chancen – als Transitland, als Logistikstandort und als wirtschaftlicher Partner.
Neben Rohstoffen und Handel: Welche Rolle spielt der demografische Faktor in Zentralasien?
Zentralasien ist eine junge Region mit einer sehr positiven demografischen Entwicklung. Deutschland steht dagegen vor erheblichen demografischen Herausforderungen und hat in vielen Bereichen einen wachsenden Bedarf an Fachkräften. Daraus ergeben sich Chancen für beide Seiten. Deshalb möchte ich gerade junge Menschen in Kasachstan ermutigen, Deutsch zu lernen. Die deutsche Sprache ist ein Türöffner – für Ausbildung, Austausch, Praktika und berufliche Perspektiven. Institutionen wie das Deutsche Haus, Schulen mit Deutschunterricht, das Goethe-Institut und Austauschprogramme leisten dazu einen wichtigen Beitrag.
Wie wichtig ist dabei die Angleichung der rechtlichen und technischen Standards?
Sie ist von großer Bedeutung. Einheitliche Standards erleichtern Handel, Investitionen und wirtschaftliches Wachstum. Wer auf den europäischen Markt exportieren möchte, muss bestimmte Anforderungen erfüllen. Das ist anspruchsvoll, zugleich aber auch eine große Chance – denn der europäische Binnenmarkt bietet mit rund 450 Millionen Verbraucherinnen und Verbrauchern enorme Perspektiven.
Erwarten Sie von Ihrem Besuch auch konkrete praktische Ergebnisse?
Ja. Ich hatte bereits ein sehr gutes Gespräch mit dem kasachischen Industrieminister, unter anderem über seltene Erden. Zudem werden in Kürze weitere deutsche Delegationen nach Kasachstan reisen, darunter Vertreter verschiedener deutscher Unternehmen und des Bundeswirtschaftsministeriums. Das zeigt, dass der Ausbau der Beziehungen bereits konkrete nächste Schritte hat. Wichtig ist dabei, dass es keine Einbahnstraße ist. Wir freuen uns ebenso, unsere kasachischen Partner in Berlin zu begrüßen – denn gerade persönliche Kontakte schaffen neues Vertrauen und eröffnen so neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit.
Vielen Dank für das Gespräch.


























