In Astana wurde in der lutherischen Christus-Erlöser-Kirche eine Gedenkveranstaltung mit Gottesdienst und der Einweihung einer dreisprachigen Tafel für die Opfer politischer Repressionen und der Hungersnot abgehalten. Im Mittelpunkt standen Erinnerung, Glaube und der Zusammenhalt der Generationen.

Das eindringliche Gebet „Vaterunser“, das in der lutherischen Christus-Erlöser-Kirche in drei Sprachen – Kasachisch, Deutsch und Russisch – erklang, wurde zu einem der bewegendsten Momente der Gedenkveranstaltungen. Diese Worte, an Gott gerichtet in den Sprachen dreier Ethnien, deren Schicksale sich auf kasachischem Boden miteinander verflochten haben, erinnerten daran, dass Erinnerung, Glaube und gegenseitiger Respekt stärker sind als das Vergessen einer Zeit mit Leiden und Prüfungen.

Symbolisch ist auch, dass die Inschrift auf der an diesem Tag enthüllten Gedenktafel in drei Sprachen verfasst wurde. Dies geschah ganz im Zeichen der Völkerfreundschaft, der Einheit der Kulturen und der gemeinsamen Verantwortung für das Bewahren der historischen Erinnerung.

Am 31. Mai fanden in der Christus-Erlöser-Kirche in Astana ein festlicher Gottesdienst zu Ehren der Heiligen Dreifaltigkeit sowie die feierliche Einweihung einer Gedenktafel zum Tag des Gedenkens an die Opfer politischer Repressionen und der Hungersnot statt. Diese Gedenktafel wurde auf Initiative des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland (BKDR) angefertigt. Die Veranstaltung vereinte Vertreter der deutschen Gemeinschaften in Kasachstan und Deutschland, Geistliche, Jugendliche, gesellschaftliche Akteure und zahlreiche Gäste. An der Gedenkveranstaltung nahm auch eine Delegation des Bayerischen Kulturzentrums unter der Leitung von Waldemar Eisenbraun teil.

Die Gesellschaftliche Stiftung „Vereinigung der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“ war durch den Mitgründer dieser Stiftung Albert Rau vertreten. Ebenso war sie durch ihren Geschäftsführer Dmitri Redler sowie durch Mitglieder der hauptstädtischen Sektion der deutschen Gesellschaft vertreten.

Festlicher Gottesdienst

Der kirchliche Teil begann mit einem festlichen Gottesdienst zum Feiertag der Heiligen Dreifaltigkeit. Mit seiner Begrüßungsrede wandte sich der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik Kasachstan, Rostislav Nowgorodow, an die Anwesenden und betonte die Bedeutung von Glaube, Erinnerung und Einheit für die Bewahrung des historischen Erbes eines Volkes.

„Wir sind geeint in der Gnade unseres Herrn. Trotz der tragischen Seiten der Geschichte, die unsere Vorfahren durchlebt haben, haben wir uns selbst bewahrt, indem wir den Glauben und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft bewahrt haben“, so der Bischof wörtlich.

Er erinnerte an die Bedeutung von Segen, Frieden und menschlicher Begegnung und äußerte den Wunsch, dass die Kirche nicht nur für diejenigen, die zum Gottesdienst kommen, eine Quelle des Lichts bleibt, sondern auch für alle, die vorbeigehen und einen Anlass finden, über ewige Werte wie Gnade, Liebe und gegenseitiges Verständnis nachzudenken.

Auch Albert Rau richtete ein Grußwort an die Versammelten. Er betonte, dass viele Menschen die Geschichte ihrer Vorfahren heute aus den Erinnerungen der älteren Generation kennen. Jedoch habe gerade der Glaube an Gott diesen Menschen geholfen, die unmenschlichen Prüfungen zu überstehen. Diese Prüfungen wurden ihnen damals auferlegt.

„Meine Eltern waren erst 17 Jahre alt, als sie diese Ereignisse erlebten. Sie erzählten mir, was sie durchmachen mussten. Heute ist es schwer vorstellbar, wie man all das überhaupt ertragen konnte. Aber gerade der Glaube gab den Menschen die Kraft zum Weiterleben“, unterstrich er.

Feierliche Enthüllung der Gedenktafel

Albert Rau erinnerte zudem daran, dass die Christus-Erlöser-Kirche ein Symbol der Einheit des kasachstanischen Volkes sei. Er berichtete, dass der Bundespräsident Deutschlands, Frank-Walter Steinmeier, während seines Besuchs in Kasachstan die Kirche besichtigte. Besonders beeindruckt war er davon, dass dieses Gotteshaus von Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Berufe gebaut wurde. Genau darin zeige sich die kasachstanische Einheit.

Eine besondere Bedeutung erhielt die Veranstaltung durch die feierliche Enthüllung der Gedenktafel. Diese wurde zu einem Symbol des gemeinsamen Gedenkens und der Verantwortung gegenüber den zukünftigen Generationen.

Das Projekt wurde durch gemeinsame Anstrengungen des Bayerischen Kulturzentrums, der Christus-Erlöser-Kirche und der „Wiedergeburt“-Gesellschaft der Stadt Astana umgesetzt. Die Inschrift auf der Gedenktafel ist in Kasachisch, Deutsch und Russisch verfasst. Das symbolisiert Völkerfreundschaft, gegenseitigen Respekt der Kulturen und das gemeinsame Streben, die historische Erinnerung zu bewahren.

Wie Waldemar Eisenbraun betonte, handelt es sich bereits um die vierte Tafel – die erste wurde in Odessa installiert, zwei weitere in der Russischen Föderation jeweils im Zeichen der historischen Erinnerung. Zudem erfolgte das Bestreben, das das Erbe unserer Vorfahren zu bewahren.

Die Gedenktafel soll nicht nur die Opfer politischer Repressionen und der Hungersnot ehren, sondern auch an die Bedeutung erinnern, dass die historische Wahrheit, die geistigen Werte und der interkulturelle Dialog bewahrt werden müssen.

Vortrag über das Schicksal der Religion

Eine wichtige inhaltliche Ergänzung der Veranstaltung war ein Vortrag der Doktorin der Geschichtswissenschaften Olga Litzenberger, der dem Schicksal der lutherischen Kirche in den Jahren der sowjetischen Repressionen gewidmet war. Sie berichtete über die Schließung von Kirchen, die Verfolgung des Klerus, das Verbot religiöser Aktivitäten und die schweren Prüfungen, denen Gläubige ausgesetzt waren.

Zugleich betonte sie, dass der Glaube selbst in den schwierigsten Jahren in Familien und Gemeinden weiterlebte. Trotz staatlicher Einschränkungen und einem dauerhaften Druck bewahrten die Menschen ihre religiöse Traditionen. Sie gaben sie an Kinder und Enkel weiter, wodurch das geistige Erbe für zukünftige Generationen erhalten blieb.

Das als Teil der Zeremonie aufgeführte Kulturprogramm war von tiefer Symbolik und aufrichtigen Emotionen geprägt. Besonders eindrucksvoll war ein Ausschnitt aus dem Werk von Hugo Wormsbecher „Unser Hof“ in der Darbietung von Victoria Gröfenstein. Dieser Ausschnitt erinnerte an die Schicksale der Menschen, die jene Jahre der Prüfungen und Deportationen durchlebt und überlebt haben.

Der Höhepunkt der Zeremonie war die feierliche Enthüllung der Gedenktafel durch Alexander Keil und Rudi Walter. Nach deren Weihe durch Bischof Rostislaw Nowgorodow erklang unter den Gewölben der Kirche der Choral „Großer Gott, wir loben dich“ mit Ida Haag als Solistin.

Der Jugendclub „Diamant“ schenkte dem Publikum die Lieder „Wolken – stille Wanderer“ und „Ein bisschen Frieden“. Diese Lieder erinnerten an die Bedeutung von Frieden, gegenseitigem Verständnis und der Bewahrung der historischen Erinnerung. Mit einem Soloauftritt erfreute Sofia Korenn, die das Lied „Kurt – Edelstein“ vortrug.

Mit Wärme wurden auch die Auftritte der Vokalgruppe der älteren Generation „Spätblumen“ aufgenommen. Deren Lieder „Hoffnung“ und „Heimat“, die erfüllt waren von aufrichtigen Gefühlen und viel Lebensweisheit, wurden zu einer musikalischen Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart und unterstrichen so erneut die zentrale Idee dieses Tages: Erinnerung verbindet Generationen, und Glaube sowie Kultur helfen, die Verbindung der Generationen über die Zeiten hinweg zu bewahren.

Dieses Projekt ist ein weiteres Zeugnis dafür, dass die gemeinsame Erinnerung an die Vergangenheit Menschen, Länder und Generationen verbinden kann und dass Glaube und gegenseitiges Verständnis helfen, eine Zukunft auf der Grundlage von Respekt und Frieden zu gestalten.

Olesja Klimenko.

Übersetzung: Annabel Rosin

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