Mitte Juli fand zum Auftakt der 55. Tagung der Traditionsvereinigung der Deutschen aus Russland (Germans from Russia Heritage Society, GRHS) in Fargo im Bundesstaat North Dakota in den Vereinigten Staaten ein besonderes Ereignis statt. Nach Jahren der Planung, der Vorbereitung und des Umbaus wurde in der Germans from Russia Heritage Collection (GRHC) in der Hauptbibliothek der North Dakota State University (NDSU) die neue Dauerausstellung „Auf der Suche nach einer Heimat: Die Reise der Deutschen aus Russland“ feierlich eröffnet. An der Eröffnungsveranstaltung nahmen rund 200 Gäste teil.
Diese Ausstellung stellt einen wichtigen Meilenstein für die Sammlung der Deutschen aus Russland („Germans from Russia Heritage Collection“ oder GRHC) dar. Seit 1978 steht die Sammlung Forschern, Familien, Studierenden und Besuchern mit Büchern, Archivmaterial, Fotografien, Karten, aufgezeichneten mündlichen Überlieferungen, Dokumentarfilmen, Öffentlichkeitsarbeit und Gemeinschaftsveranstaltungen zur Verfügung.
Diese Ressourcen bilden nach wie vor den Kern der aufwendigen Arbeit. Die Verwalter der GRHC-Sammlung wussten jedoch auch, dass die Besucher eine klare und ansprechende Möglichkeit brauchten, sich mit der vielschichtigen Geschichte der Deutschen aus Russland auseinanderzusetzen. Denn deren Geschichte ist nicht einfach: Sie erstreckt sich über Kontinente, Reiche, Sprachen, Religionen und Generationen hinweg. Sie umfasst die Auswanderung deutschsprachiger Siedler ins Russische Reich, die Gründung von Dörfern an der Wolga, am Schwarzen Meer, in Bessarabien und anderen Regionen Russlands sowie spätere Auswanderungswellen nach Nordamerika, Südamerika und in andere Länder. Es ist eine Geschichte von Versprechungen und Entbehrungen, von Chancen und Verlusten, von Glauben und Familie, von Arbeit und Überleben.
Die Geschichte nachverfolgen und Zusammenhänge erkennen
Für jemanden, der sich mit diesem Thema noch nicht auskennt, kann es zunächst schwierig sein, den richtigen Einstieg zu finden. Doch selbst für diejenigen, die bereits mit diesem Erbe aufgewachsen sind, gibt es noch viel zu entdecken. Mit dieser Ausstellung möchte die GRHC-Sammlung einen sinnvollen Ausgangspunkt bieten, an dem Besucher die Geschichte der Deutschen aus Russland nachverfolgen, Zusammenhänge erkennen und besser verstehen können, wie diese Geschichte auch zahlreiche Familien und Gemeinschaften sowie die Kultur von North Dakota und den Northern Plains geprägt hat.

Die Ausstellung beginnt damit, den Besuchern das Leben im deutschsprachigen Teil Europas vorzustellen und die Gründe zu erläutern, warum viele Familien im 18. und frühen 19. Jahrhundert ihren Blick hoffnungsvoll nach Osten richteten. Anschließend folgte die Reise nach Russland, wo deutsche Siedler, die mit dem Versprechen von Land, Religionsfreiheit und bestimmten Privilegien angelockt worden waren, neue Gemeinschaften gründeten. Dementsprechend erfahren die Besucher in der nächsten Abteilung der Ausstellung mehr über das Dorfleben, Glaubenstraditionen, Essgewohnheiten, Sprache, landwirtschaftliche Arbeit und die starken Gemeinschaftsbindungen, die sich über Generationen hinweg in Russland entwickelten.
Ein weiterer wichtiger Teil der Ausstellung ist mit dem Titel „Die Verbliebenen“ überschrieben. Auch wenn sich ein Großteil der Arbeit der GRHC-Sammlung naturgemäß auf jene Deutschen konzentriert, die aus Russland stammten und nach Nordamerika kamen, so ist dies nicht die ganze Geschichte. Viele Deutsche blieben in Russland und später in der Sowjetunion. Zu ihren Erfahrungen gehörten Hungersnot, Revolution, Unterdrückung, Deportation, Krieg und Vertreibung. Dieser schwierige Teil der Geschichte ist unerlässlich, um das gesamte Ausmaß der Erfahrungen der aus Russland stammenden Deutschen zu verstehen.
Die Ausstellung umfasst interaktive Elemente, die den Besuchern helfen sollen, sich auf unterschiedliche Weise mit der Geschichte der Deutschen aus Russland auseinanderzusetzen. Es gibt Möglichkeiten zum Zuschauen, Zuhören, Lesen, Nachdenken und Entdecken. Manche Besucher fühlen sich vielleicht am stärksten von einem Foto oder einem Gegenstand angesprochen. Andere fühlen sich vielleicht eher zu Karten, Videoclips, Familiengeschichten oder den alltäglichen Details rund um das Essen, den Glauben oder das Gemeinschaftsleben hingezogen. Die Initiatoren wollten, dass die Ausstellung mehr als nur einen Zugang zu dieser vielfältigen und widersprüchlichen Geschichte bietet.
Zugänglichkeit für künftige Generationen
Um ein solches Projekt zum Leben zu erwecken, waren viele Beteiligte erforderlich. Und sie alle haben dazu beigetragen, Ideen, Inhalte und Sammlungsobjekte in einen Raum zu verwandeln, der einladend und durchdacht wirkt, um darin der erzählten Geschichte gerecht zu werden.
Als Teil der Bibliotheken der NDSU hat die Dauerausstellung der GRHC-Sammlung nicht nur die Aufgabe, diese Geschichte zu bewahren, sondern sie auch künftigen Generationen zugänglich zu machen. Diese Ausstellung richtet sich an Nachfahren, Forscher, Alumni, Studierende, Schulklassen und Besucher, die bisher vielleicht nur oberflächlich mit der Geschichte der Deutschen aus Russland in Berührung gekommen sind. Sie bietet zudem den Studierenden neue Möglichkeiten, anhand der Sammlung zu lernen und bei der Realisierung künftiger Ausstellungsprojekte mitzuwirken.
Somit wird auch eine Kernaufgabe des öffentlichen Auftrags an der NDSU umgesetzt, denn die Universität erhielt im Rahmen des staatlichen Förderprogramms „ND 250“ einen finanziellen Zuschuss, der anlässlich des 250. Unabhängigkeitstags der USA für kommunale Initiativen gewährt wurde. Die Fördermittel des ND 250-Programms werden von der State Historical Society of North Dakota verwaltet. Die Ausstellung der GRHC-Sammlung beleuchtet die Geschichte und den Einfluss der deutschen Einwanderer aus Russland auf den Staat North Dakota und die gesamte Region der Northern Plains.
Gemeinsame Geschichte der russlanddeutschen Volksgruppen
Die GRHC-Sammlung (Germans from Russia Heritage Collection) ist eine Einrichtung der Bibliothek der North Dakota State University (NDSU), während die Traditionsvereinigung „GRHS“ (Germans from Russia Heritage Society) eine eigenständige, gemeinnützige Gesellschaft ist. Beide Organisationen arbeiten eng zusammen.
Die GRHS-Vereinigung wurde 1970 mit Hauptsitz in der Stadt Bismarck, North Dakota, gegründet. Die Gesellschaft fungiert als gemeinnützige Organisation, deren Zweck es ist, Menschen zusammenzubringen, die sich für die gemeinsame Geschichte der russlanddeutschen Volksgruppen und deren Nachkommen interessieren und deren reiche Kultur und Geschichte bewahren möchten.
Als Zeichen der Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft findet jährlich ein Treffen der Nachkommen russlanddeutscher Einwanderer aus den Vereinigten Staaten und Kanada statt. An mehreren Tagen werden bei einem solchen Treffen verschiedene Vorträge zur Geschichte der Deutschen aus Russland gehalten. Während dieser Tagungen wird auch jedes Jahr der Josef-Height-Award verliehen. Diese Auszeichnung wird in vier Kategorien vergeben: für einen besonderen kulturellen Beitrag, für eine besonders gelungene Übersetzung, für eine ungewöhnliche Leistung im Bereich der Genealogie und für sonstige außergewöhnliche Leistungen.

Im weiteren Verlauf der GRHS Convention vom 16. bis 18. Juli 2026 standen zahlreiche Vorträge, Workshops und Gesprächsrunden zur Geschichte, Kultur und Familienforschung der Deutschen aus Russland auf dem Programm. Die Teilnehmenden konnten sich unter anderem mit regionalen Herkunftsgemeinschaften, genealogischer Recherche, historischen Dokumenten sowie persönlichen Familiengeschichten auseinandersetzen. Den Abschluss bildeten Gedenkveranstaltungen, die Fortsetzung der Mitgliederversammlung sowie ein gemeinsamer Tanzabend mit Musik der White Rose Band.
Diese Art von Veranstaltungen bzw. Ausstellungen existieren nur, weil Generationen von Menschen davon überzeugt waren und es weiterhin sind, dass diese Geschichte es wert ist, bewahrt zu werden. Sie haben persönliche Erbstücke, Familiengeschichten und Erinnerungen aufbewahrt. Sie haben die Sammlung unterstützt, an Veranstaltungen teilgenommen, Erzählungen weitergegeben und dazu beigetragen, dass dieses Erbe nicht in Vergessenheit gerät. 2026 ist ein besonderes Jahr, denn in diesem Jahr findet das 150. Jubiläum des Beginns der Auswanderung der Deutschen aus Russland nach Nordamerika statt.
Während die Feierlichkeiten in den USA bereits 2026 starten, folgen ähnliche Jubiläen 2027 in Brasilien und 2028 in Argentinien. Diese Anlässe bieten eine gute Gelegenheit, den transatlantischen Dialog sowie die Beziehungen zwischen den Herkunftsregionen in Deutschland und Osteuropa und den Ansiedlungsgebieten in Nordamerika und Südamerika zu stärken.























