Die Zugfahrt von Almaty nach Aralsk dauert 25 Stunden. Für die Teilnehmenden der 8. Aral-Sommerschule (Aral Summer School 2026) bedeutete dieser Tag unterwegs nicht nur erhebliche Herausforderungen der Logistik, sondern auch eine sanfte Justierung der eigenen Perspektive. Vor den Zugfenstern wichen die blühenden Landschaften des kasachischen Südostens den endlosen Steppenweiten Zentralkasachstans und vermittelten dem internationalen Teilnehmerteam einen ersten visuellen Eindruck von den Ausmaßen der Zielregion.

Das Projekt, das von der Deutsch-Kasachischen Universität (DKU) mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes, der GIZ und des Programms „Grünes Zentralasien“ organisiert wurde, basierte von Anfang an auf der angestrebten Synergie von Theorie und Praxis. Es war das erklärte Ziel, den jungen Forschenden aus Zentralasien und dem Ausland nicht nur akademische Daten an die Hand zu geben, sondern ihnen auch die Möglichkeit zu bieten, die ökologischen Veränderungen in der Aralsee-Region physisch zu erleben.

Akademischer Auftakt: VR-Technologien und das WEFE-Nexus-Konzept

Das Programm der Sommerschule startete in Almaty an der DKU. Der Expertenblock des ersten Tages gab bereits ein hohes wissenschaftliches Niveau vor. Die anschließende offizielle Eröffnungsveranstaltung beinhaltete Ansprachen des DKU-Präsidenten Prof. Wolrad Rommel sowie der Vertreter der GIZ, des IHE Delft Institute for Water Education sowie der Exekutivdirektion des Internationalen Fonds zur Rettung des Aralsees (IFAS in RK).

Die Teilnehmenden tauchten direkt in die komplexe Problematik der Region ein und betrachteten diese durch die Brille verschiedenster wissenschaftlicher Disziplinen. Die nationale AF-GEF-Koordinatorin Larissa Kogutenko hielt einen interaktiven Vortrag über Gletscherschmelze und Naturgefahren, wobei sie auch VR-Technologien einsetzte, während FAO-Analysten und Experten des IHE Delft mehrere Fallstudien zu grenzüberschreitender Wasserkooperation und nachhaltiger Landnutzung präsentierten. Das wissenschaftliche Gesamtbild des Tages wurde durch Vorträge von Bota Sharipova vom IHE Delft Institute for Water Education und Zhanar Raimbekova von der KazNU ergänzt, die mithilfe von Nexus Cards die Wechselwirkungen des Systems „Wasser–Energie–Nahrung–Ökosysteme“ analysierten.

Parallel dazu vertieften sich die Teilnehmenden in internationale Standards und erlernten von Spezialisten der University of Nebraska-Lincoln die Methode der Bodenbeschreibung (Soil Judging).

Vor der Abreise in den Feldteil führte die Projektkoordinatorin Maira Kussainova eine ausführliche Sicherheitsunterweisung der Teilnehmenden durch. Die Organisatoren hatten vorab einen digitalen Raum in Google Classroom eingerichtet, der sämtliche Logistikinformationen, Tickets und Ausrüstungsempfehlungen enthielt – von leichter, den ganzen Körper bedeckender Kleidung und Sonnenschutzkrem mit LSF 50+ bis hin zu elektrischen Thermoskannen.

Alltag im Feld: 6 Uhr morgens, staubige Straßen und gegenseitige Hilfe

Der eigentliche Härtetest begann nach der Ankunft in Aralsk. Der Kontrast zwischen den komfortablen Hörsälen der DKU, den Mittagessen in Almaty und der Realität des Feldlagers war gewaltig.

Der Zeitplan der Expedition war äußerst straff: Wecken um 6:00 Uhr, Frühstück um 7:00 Uhr und Fahrten durch das gesamte Gebiet Qysylorda, die bis 21:00 Uhr dauerten. Die Beförderung erfolgte in Kleinbussen auf Strecken ohne jeglichen Asphalt – der Transfer verlief praktisch über den ehemaligen Meeresboden.

Die größte Herausforderung war der Steppenstaub, der überall eindrang, während nicht alle Teilnehmenden ihre Schutztücher mitgenommen hatten. Die Fahrer entwickelten deshalb eine eigene Taktik: Sie vergrößerten bewusst den Abstand zwischen den Fahrzeugen, damit sich der Staub vor dem Eintreffen des jeweils nächsten Busses wieder setzen oder abziehen konnte.

Die Hitze und das schwere, trockene Klima wurden durch eine durchdachte Ausrüstung, viele Reisethermoskannen und einen reichlichen Wasservorrat kompensiert. Die langen Fahrten wurden zu einer Plattform für informelles Networking: Die Teilnehmenden spielten Kommunikationsspiele, diskutierten wissenschaftliche Projekte und formierten sich schnell zu einem geschlossenen Team.

Feldforschung: Von Canyons bis zu rosa Flamingos

Die Route der Expedition umfasste zentrale ökologische und infrastrukturelle Objekte der Aralsee-Region und enthüllte jeden Tag neue Facetten. Im südlichen Teil des verbliebenen Aralsees unternahmen die Teilnehmenden eine Fußwanderung bis zur Wasserlinie und bewegten sich dabei über eine dicke Schicht gepresster Muscheln – ein Gebiet, das noch vor einigen Jahrzehnten unter einer metertiefen Wasserschicht lag.

Nicht weniger beeindruckend war der Blick von den Gipfeln des Karasandyk-Canyons und den Akespe-Klippen, von wo aus sich das Ausmaß der Katastrophe in seiner ganzen Tragweite offenbart. Der Anblick von stehendem Wasser anstelle des einstigen Meereshorizonts hinterlässt ein separates, schweres Gefühl; die Beobachtung von Flamingos über dem Nördlichen Aralsee wurde jedoch zu einem lebendigen Beweis dafür, dass das Ökosystem fortbesteht und seine Fauna und Flora weiter ums Überleben kämpfen.

Der praktische Teil der Sommerschule ermöglichte zudem die Bewertung der Wiederherstellungsmaßnahmen. Am Kokaral-Damm demonstrierten Vertreter des Staatsunternehmens „Kazvodkhoz“, wie die Regulierung des Syrdarja-Zuflusses es ermöglichte, den Wasserspiegel des Nördlichen (Kleinen) Aralsees zu anheben, dessen Salinität zu senken und die dortigen Fischbestände teilweise wiederherzustellen.

Frauen in der Wissenschaft und internationale Transformation

Das Teilnehmerfeld der 8. Sommerschule vereinte Masterstudierende, PhD-Doktoranden und junge Professoren aus Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan und der Mongolei.

Ein besonderes Augenmerk galt der Förderung von Wissenschaftlerinnen. Ein anschauliches Beispiel ist eine junge Forscherin aus Kasachstan, die derzeit in Genf promoviert. Ihre Teilnahme an der Expedition und ihr Videointerview unterstreichen einen wichtigen Trend: Junge Fachkräfte, die Zugang zu europäischen akademischen Ressourcen erhalten haben, kehren zu den Fragestellungen Zentralasiens zurück. Sie bringen dabei neue Methoden der Datenanalyse und internationale Standards des Umweltmonitorings in die Region.

Im Rahmen des Bildungsblocks hielt Alima Kaliyeva einen Workshop zu Wissenschaftskommunikation und Storytelling ab, in dem sie den jungen Forschenden vermittelte, wie sie ihre Arbeiten in internationalen Medien präsentieren können. Parallel dazu erarbeitete Zulfiya Kannazarova (TIIAME) mit den Teilnehmenden die zentralen Schritte zur Vorbereitung von Publikationen für internationale Fachzeitschriften.

Kultureller Kontext und Reaktion der lokalen Bevölkerung

Die Integration der Expedition in das lokale Umfeld fand auf mehreren Ebenen statt. Bereits am ersten Tag in Aralsk schloss sich die internationale Gruppe einem städtischen Fest auf dem zentralen Platz an.

Ein wichtiges ethnografisches Element waren die Mittagessen in Jurten während der Fahrten in die Dörfer. Nach stundenlanger Arbeit in der Hitze schuf der traditionelle Empfang mit heißem Tee, gebratenem Fisch und Süßspeisen eine Atmosphäre der kulturellen Verbundenheit für die Forschenden aus ganz Zentralasien.

Bei den Begegnungen mit den Einwohnern trat ein spezifisches soziales Detail zutage. Die ältere Generation von Aralsk beklagte, dass die heranwachsenden Kinder die Erzählungen darüber, dass sich anstelle der Steppe einst ein großer Seehafen in ihrer Stadt befand, gar nicht mehr richtig wahrnehmen. Für sie klingt die Geschichte des Meeres wie eine Legende – bis man ihnen die aus der Erde gegrabenen Muschelschichten gezeigt hat.

Gleichzeitig hat die Stadt Aralsk selbst in den letzten Jahren einen spürbaren Entwicklungsimpuls erhalten. Durch die Aufmerksamkeit für die Aralsee-Problematik wird in der Stadt die soziale und technische Infrastruktur aktiv aufgebaut: Das „Rukhaniyat“-Zentrum wurde eröffnet, ein Fischereimuseum sowie mehrere Bibliotheken sind in Betrieb, und Straßen werden asphaltiert.

Auch das Potenzial des Geotourismus entwickelt sich zunehmend. Khamit Kaniyev, der Direktor des staatlichen Naturreservats „Barsakelmes“, merkte zu dieser Entwicklung mit Bezug auf den Namen seines Reservats ein wenig schelmisch an: „Barsakelmes ist so schön, dass man von dort einfach nicht mehr zurückkehren möchte“, denn „Barsakelmes“ heisst übersetzt: „Wer dorthin geht, kehrt nicht mehr zurück.“

Alima Kaliyeva

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