Eine Graphic Novel über historische Erinnerung und den Wert der Demokratie
Wie kann man jungen Menschen vermitteln, dass Freiheit, Demokratie und das Recht auf gesellschaftliche Mitgestaltung keine Selbstverständlichkeit sind? Die Geschichte der Russlanddeutschen zeigt auf eindrückliche Weise, wie politische Umbrüche, Diktaturen, Repressionen und staatliche Willkür das Leben einzelner Menschen und ganzer Familien grundlegend verändern und mitunter zerstören konnten. Gerade der Blick auf persönliche Schicksale macht sichtbar, wie wertvoll und bedeutend für jeden einzelnen von uns demokratische Rechte, Freiheit und die Möglichkeit sind, das eigene Leben und die Gesellschaft mitzugestalten.
Diese Auseinandersetzung mit Geschichte, Erinnerung und demokratischen Werten bildet den Kern der Graphic Novel „Geschichten von gestern – Stimmen von heute“. Das Projekt wurde vom Verein KuBIK e.V. gemeinsam mit der Theatergruppe „Meine Leute“ für die Ausschreibung „Wir sind dabei! Wertstätten der Demokratie“ des Landesjugendrings Baden-Württemberg und der Baden-Württemberg Stiftung im Jahr 2025 entwickelt.
Demokratie durch russlanddeutsche Geschichte
Es war das erklärte Ziel des Projekts, sich dem Thema Demokratie über eine Darstellung der Geschichte der Russlanddeutschen zu nähern. Anhand künstlerisch gestalteter Figuren und ihrer persönlichen Schicksale begegnen die Leserinnen und Leser historischen Ereignissen und werden zugleich dazu eingeladen, über die Gegenwart nachzudenken: über Freiheit und Menschenwürde, gesellschaftliche Verantwortung, das Recht auf die eigene Identität und die Bedeutung historischer Erinnerung.
Als Inspiration für das Projekt diente die Graphic Novel „Möge die Welt dein Zuhause sein. Eine deutsche Geschichte aus Kasachstan“ der Autorin Lena Wolf, die mit dem Hessischen Landespreis „Flucht, Vertreibung, Eingliederung“ sowie mit einem Förderpreis des Russlandeutschen Kulturpreises des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde.
Die Theatergruppe „Meine Leute“ beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit unterschiedlichen medialen und künstlerischen Formen der historischen Aufarbeitung. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere die Geschichte der Vertriebenen und der Spätaussiedler sowie die Frage, wie persönliche und familiäre Erfahrungen für jüngere Generationen zugänglich gemacht werden können. Neben Theaterproduktionen entstanden in den vergangenen Jahren unter anderem Fotoausstellungen, Podcasts und Kurzfilme.
Form des visuellen Erzählens
Mit „Geschichten von gestern – Stimmen von heute“ wagte sich das Projektteam nun erstmals an das Format der Graphic Novel. Ziel war es, einen weiteren zeitgemäßen Zugang zur historischen Bildungsarbeit zu erproben und insbesondere Jugendliche mit dieser Form des visuellen Erzählens vertraut zu machen.
Nachdem die Projektidee die Jury überzeugen konnte, begann für das Team von KuBIK e.V. die intensive kreative Arbeit an der Graphic Novel. Eine besondere Rolle spielte dabei die Illustratorin Ekaterina Barbukhina, eine junge Künstlerin aus Kasachstan. Kennengelernt hatte sich das Team im August 2025 während eines gemeinsamen Projekts der IDRH (der Interessengemeinschaft der Deutschen aus Russland in Hessen gGmbH – Anmerkung der Red.) und der LmDR Hessen (der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Landesgruppe Hessen – Anmerkung der Red.) mit der Regionalvertretung der damaligen gesellschaftlichen Stiftung „Wiedergeburt“ der Vereinigung der Deutschen Kasachstans in Uralsk.
Zuvor war das Projektteam monatelang auf der Suche nach einer geeigneten Illustratorin gewesen – nach jemandem, der nicht nur die Bilder zur Geschichte liefern, sondern sich auch inhaltlich auf sie einlassen und mit derselben Begeisterung an ihrer Umsetzung arbeiten würde. Mit Ekaterina Barbukhina fand das Team schließlich genau diese Partnerin. Aus der Begegnung entwickelte sich eine enge, kreative und produktive Zusammenarbeit, in der Figuren, Szenen und Bildwelten gemeinsam weitergedacht wurden. Für die Gestaltung, das Design und das visuelle Erscheinungsbild der Broschüre waren Katharina Martin-Virolainen und Paulina Martaler-Martin verantwortlich.
Während der Entstehung der Graphic Novel wurden die Charaktere der Figuren, die historische Atmosphäre, einzelne Szenen und selbst kleinste visuelle Details intensiv diskutiert. Die Illustrationen sollten den Text nicht lediglich begleiten. Sie sollten selbst erzählen können – von Angst und Schmerz, aber ebenso von Hoffnung, Widerstandskraft und innerer Stärke. So entstand Schritt für Schritt eine eigene künstlerische Welt, in der Text und Bild ineinandergreifen und gemeinsam Geschichte vermitteln.
Historische Fakten und Familiengeschichten
Im Mittelpunkt der Graphic Novel stehen drei Geschwister, die für ein Schulreferat zum Thema Demokratie beginnen, sich mit der Geschichte ihrer eigenen Familie auseinanderzusetzen. Auf ihrer Spurensuche „reisen“ sie durch zentrale Stationen der russlanddeutschen Geschichte: von der Auswanderung ihrer Vorfahren aus Büdingen und der Ansiedlung als Kolonisten im Russischen Reich über die Verfolgung und Deportation der Sowjetzeit bis hin zur späteren Rückkehr nach Deutschland.
Dabei verbindet die Graphic Novel historische Fakten bewusst mit persönlichen Familiengeschichten. Auch die drei Hauptfiguren haben reale Vorbilder: Paulina, Amely und Mark sind Jugendliche, deren Vorfahren einst aus Wolhynien nach Kasachstan deportiert wurden. Im Jahr 2024 besuchten sie zum ersten Mal das Dorf Kamenka, die frühere Heimat ihrer Familie. Diese Reise wurde für sie zu einer intensiven Begegnung mit der eigenen Familiengeschichte – emotional, prägend und voller Eindrücke, die lange in Erinnerung bleiben.
Gerade durch diese Verbindung von historischen Ereignissen und biografischen Erfahrungen wird Geschichte in der Graphic Novel nicht abstrakt erzählt, sondern aus der Perspektive junger Menschen erfahrbar gemacht.
Eine besondere Freude für das Projektteam war die zusätzliche Förderung für die Produktion einer größeren Auflage der Graphic Novel, die durch die Baden-Württemberg Stiftung bereitgestellt wurde. Dadurch existiert die Graphic Novel heute nicht nur in digitaler Form, sondern auch als gedruckte Broschüre. Sie kann gelesen, weitergegeben und in der Bildungsarbeit eingesetzt werden – beispielsweise im Schulunterricht, bei Workshops, Begegnungen, Ausstellungen und Diskussionsveranstaltungen.
Das Team von KuBIK e.V. hofft, dass „Geschichten von gestern – Stimmen von heute“ insbesondere junge Menschen, Familien, Ehrenamtliche, Fachkräfte der Bildungsarbeit sowie all jene erreicht, die sich für die Geschichte der Russlanddeutschen interessieren.
Für manche Leserinnen und Leser kann die Graphic Novel eine erste Begegnung mit einem bislang wenig bekannten Kapitel der deutschen Geschichte sein. Für andere wiederum kann sie den Anstoß geben, sich an die eigene Familiengeschichte zu erinnern oder darüber zu forschen, Fragen zu stellen und Erfahrungen an die nächste Generation weiterzugeben. Denn die Vergangenheit spricht auch heute noch zu uns. Wir müssen nur bereit sein, ihre Stimme zu hören.
Die Broschüre kann in gedruckter oder digitaler Form unter kubik-ev@gmx.de angefragt werden. Infos zu KuBIK e.V. unter: www.kubik-international.de























