Am 28. August lud die Organisation Riwwel in Berlin zum Tag der Russlanddeutschen ein. Anlass war der 85. Jahrestag der Deportation der Deutschen in der Sowjetunion. Unter dem Motto „Spuren der Vergangenheit – Wege in die Zukunft“ erwartete die Gäste ein vielfältiges Programm.
Die Veranstaltung fand große Resonanz – das lag an ihrer Größe, aber auch an den vielen Fachleuten, die sich mit der Integration der Russlanddeutschen in Deutschland beschäftigen. Auffällig war vor allem der Anspruch, das Thema nicht nur historisch zu betrachten, sondern auch einen Blick nach vorn zu wagen. Zahlreiche Jugendliche saßen mit auf den Podien und erzählten von ihrer Familiengeschichte, ihren Erfahrungen und dem, was sie selbst einbringen können. Das ist typisch für Riwwel: Die Organisation arbeitet besonders viel mit jungen Menschen russlanddeutscher Herkunft.
Ein Name mit Geschmack
Riwwel ist eine gemeinnützige Organisation, die mit russlanddeutschen Spätaussiedler:innen und ihren Familien in Deutschland arbeitet. Dahinter steht eine vielfältige Community mit einem jungen, ehrenamtlich engagierten Team, das bundesweit zahlreiche Projekte betreut. Dazu gehören die Integrationsmaßnahme „Gemeinsam unterwegs: Identität, Anerkennung, Begegnung“, der Jugendklub „Warum бы и nicht“, das Projekt „Russlanddeutsche Biografien im Fokus“ und Kooperationen mit Südamerika. Auch der Name ist Programm: Riwwel sind die kleinen Streusel, die einen bei Russlanddeutschen sehr bekannten Klassiker krönen, den Riwwelkuchen.
Zum Auftakt gab es eine Mitmachaktion. Die Besucher:innen konnten verschiedene Stationen erkunden: ein Quiz, ein kleines Museum, einen Kochworkshop, einen Nähworkshop und einen Büchertisch mit Literatur von Russlanddeutschen. Für jede besuchte Station gab es einen Stempel auf der Willkommenskarte. Am Ende des Tages wurden unter den Teilnehmenden Preise verlost, die das Riwwel-Team vorbereitet hatte.
Herzstück des Tages war das Bühnenprogramm mit Musik, historischen Vorträgen und einer Podiumsdiskussion. Den Anfang machten Helena Goldt und Nickolay Morgan. Helena Goldt sang das wolgadeutsche Volkslied „1941“, das die beiden um einige eigene Strophen ergänzt hatten. Den Text hatten sie vorab im Saal verteilt, sodass alle mitsingen konnten. In diesem Moment kamen Jung und Alt einander spürbar näher.
Danach folgte ein historischer Impuls von Dr. Vladislav Kurske. Er schilderte die Deportation und die schweren Jahre danach und spannte dann den Bogen in die Gegenwart, zu den Nachkommen der Deportierten. Gerade für Gäste, die sich bislang kaum mit ihrer Familiengeschichte beschäftigt hatten, dürfte das ein wichtiger Anstoß gewesen sein. Wie groß diese Lücke ist, zeigte eine Live-Umfrage. Gefragt wurde: „Wurde in deiner Familie offen über Deportation und Repressionen gesprochen?“ Die meisten kreuzten „Nein“ oder „Nur in Andeutungen“ an. Das Ergebnis zeigt, wie wichtig die Aufklärungsarbeit ist, die Initiativen wie Riwwel leisten.
Bekannte Gesichter unter den Gästen
Auf dem Podium saßen bekannte Gäste: Dr. Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Dara Kossok-Spieß, Kommunalpolitikerin und Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen in der BVV Berlin-Spandau, Nikita Heidt, Gründer und Geschäftsführer von Riwwel, Maria Hasenkampf, Zeitzeugin der Erlebnisgeneration, Ella Schindler, Medienmanagerin, sowie Alisha Gamisch, Schriftstellerin und Kuratorin.
Ihre Lebenswege könnten kaum unterschiedlicher sein. Hier trafen Zeitzeugen auf Russlanddeutsche der ersten und zweiten Generation. Manche hatten Repressionen selbst erlebt, andere kannten sie nur aus Erzählungen in der Familie und fühlen sich der Geschichte trotzdem eng verbunden. Sie alle sprachen offen und respektvoll über ihre Sicht und ihre Erfahrungen.
Die Fragen gingen tief. Wie unterschied sich das Leben der Russlanddeutschen von dem der Rumäniendeutschen? Wie war das Ankommen in Deutschland und wie sehr bemühte man sich, möglichst schnell dazuzugehören? Welche Traditionen der Wolga- oder Wolhyniendeutschen haben in den Familien bis heute überlebt? Wie fühlte es sich an, irgendwie anders zu sein? Und wo ist man eigentlich zu Hause?
Die Antworten waren so verschieden wie die Biografien. In einigen Punkten aber waren sich die Teilnehmenden weitgehend einig. Sie wünschen sich mehr Sichtbarkeit und Vertrauen für Russlanddeutsche in Deutschland. Sie möchten mehr über andere Minderheiten erfahren. Und sie wollen nicht länger nur als Opfer gesehen werden, sondern stärker an der Gesellschaft teilhaben. Ein Satz von Dr. Bernd Fabritius fand im Saal einhellige Zustimmung: „Ich wünsche mir, dass die Russlanddeutschen als genauso heterogen wahrgenommen werden, wie die Gesellschaft in Deutschland insgesamt und dass niemand mehr in Schubladen gesteckt wird.“
Politik für morgen
Im zweiten Teil der Diskussion ging es um die Zukunft und damit auch um politische Entscheidungen. Dara Kossok-Spieß kündigte an, sich dafür einzusetzen, dass die Stelle der Ansprechperson für Russlanddeutsche in Berlin erhalten bleibt und dauerhaft finanziert wird.
Dr. Bernd Fabritius stellte das Vorhaben einer neuen Aufnahmeregelung vor. Hintergrund ist das bisherige Spätaussiedlerrecht: Es ist zeitlich begrenzt, weshalb viele junge Menschen russlanddeutscher Herkunft heute keinen Anspruch mehr darauf haben, als Spätaussiedler aufgenommen zu werden und damit die deutsche Staatsangehörigkeit zu erhalten.
Für Fabritius steht fest, dass auch die Nachkommen der Russlanddeutschen weiterhin die Möglichkeit haben müssen, nach Deutschland zu kommen. Die neue Regelung soll jedoch kein Weg zum sofortigen deutschen Pass sein. Es geht vielmehr darum, die Einreise nach Deutschland zu erleichtern. Wie die Regelung konkret aussehen wird, dürfte sich in absehbarer Zeit zeigen.
Den Schlusspunkt setzte die russlanddeutsche Rapperin und Sängerin Zavet. Damit endete die erste Großveranstaltung von Riwwel in Berlin. Es war ein unglaublich bunter Abend mit Gesprächen über Identität und kollektive Traumata, mit kulinarischen Spezialitäten, gelebten Traditionen und Erinnerungsstücken aus Familienbesitz, mit Jungen und Älteren. Genau diese Mischung zeigt, wie die russlanddeutsche Community wirklich ist.























